Küssen Sie gern?

Vor über hundert Jahren küsste man sich seitwärts im Gebüsch. Heute ist der Kuss in der Öffentlichkeit eine Selbstverständlichkeit geworden. Und – wir wissen inzwischen: Der Deutsche küsst im Durchschnitt sieben Mal am Tag, freilich nur statistisch gesehen.

Es geschah im hochsommerlichen Stadtpark. Anlässlich eines Ausfluges mit Damen hatte der schneidige Leutnant von Pletten ein gewisses Fräulein von Werthern seitwärts in die Büsche geführt, seine heißen Lippen auf die ihren gepresst und sie damit in einen schwebenden Zustand versetzt. So lasen es jedenfalls 1878 die Abonnenten der „Gartenlaube“, in einer der damals so beliebten „Noveletten“.

Heute wird anders geküsst. Immer noch rast das Herz, bebt der Leib, schwinden die Sinne. Aber geheimnisvoll ist daran nichts mehr. Dank der Wissenschaft ist der Kuss erforscht. Als nämlich von Pletten die von Werthern küsste, wanderten neun Milligramm Wasser, 7 Milligramm Eiweiß, 0, 45 Milligramm Salz und 0, 7 Milligramm Fett von Lippe zu Lippe. Von den etwa 12.000 Bakterien ganz zu schweigen. Herrn von Plettens Puls stieg während dieser Transaktion auf 140 Schläge die Minute.

Und falls er – was nicht anzunehmen ist – so tolldreist war, beim Küssen den Mund zu öffnen, hätten sich rund um seine Zungenwurzel 27 Muskeln bewegt.

Im Mittelalter soll nur an den besseren Häusern des Adels geküsst worden sein und zwar meist zur Begrüßung. Die Hausfrau war verpflichtet, jeden Gast ihres Mannes mit einem Kuss zu begrüßen. Das unverheiratete Fräulein hatte bei dieser Zeremonie züchtig die Augen niederzuschlagen. Traf das verliebte Fräulein dann allerdings zu vorgerückter Stunde den feschen Baron von Dingsbums, dann küsste natürlich auch das Fräulein. Allerdings mit geschlossenen Lippen. Anders kannte man es damals noch nicht. Wir sind ja inzwischen wesentlich tiefer in die Geheimnisse des Kusses eingedrungen.

Menschen, die gern und viel küssen, leiden seltener an Kreislaufkrankheiten. Ihre Infarkt-rate liegt bis zu 20 Prozent unter dem Durchschnitt. Sie schlafen tiefer, sind seltener magenkrank und haben weniger Gallenbeschwerden. Ausgenommen von der gerade erwähnten segensreichen Wirkung ist allerdings der leidenschaftliche, im Zustand höchster Erregung ausgetauschte Kuss. Der gleicht einem im Leerlauf hochgejagten Motor, der im roten Drehzahlbereich kollabiert. Die Empfehlung dazu klingt daher nur zu logisch: Da die Strapazen des gerade beschriebenen Kusses vor allem am Mann nicht spurlos vorübergehen könne, sollte gerade der Mann mit seinen Küssen haus- und mass halten.

 

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