Mehr Mut zur Versorgungslücke

Ich bin jetzt in einem Alter, indem man sich mit dem Tod auseinandersetzt. Ich bin Anfang 30. Ich habe eine Zahnbrücke und immer öfter Haare im Kamm. Ich muss die aktive Absicherung meines Lebensstandards auf hohem Niveau für die Zukunft betreiben, denke ich. Ich habe: eine Notebookversicherung, eine Versicherung, die mich gegen Meteoriteneinschlag, gegen den Absturz von Lastenaufzügen und unbemannten Raumobjekten schützt. Mit Selbstbehalt. Ich habe nicht: eine private Rentenversicherung. Eine Lebensversicherung. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Versicherungsexperten nennen das Versorgungslücke. Oder schlagen einfach nur die Hände über dem Kopf zusammen.

Wie bei Frau Müller von der Versicherungsberatung: Es ist der Anfang eines langen intimen Gesprächs. Frau Müller möchte Details diverser Erkrankungen meines an Erkrankungen armen Lebens wissen. Und ob ich Hobbys wie Bungee-Jumping oder Drachenfliegen betreibe. Ich erkenne auf dem Monitor eine Liste mit gefährlichen Sportarten, die sie ankreuzen soll. Auch „Atlantiküberquerungen“ ist dabei. Ich sage: Nein, Drachenfliegen habe ich aufgegeben, ich mache seit kurzem Atlantiküberquerungen. Frau Müller lächelt nicht und kreuzt an: keine Hobbys. Sie hat ein rosarotes Handy, das während des Gesprächs mehrmals klingelt. Der Klingelton ist ein gesprochenes „Du Arschloch!“ Sie sagt: Vielleicht sollte ich mal den Klingelton wechseln. Ich sage: Ja.

Später möchte sie wissen, ob ich gestern Knoblauch gegessen habe. Während ich noch überlege, ob sich die Antwort positiv oder negativ auf meine Versicherungsprämie auswirkt, bietet sie mir einen Kaugummi an. In meinem Heimatort bin ich das gewöhnt, sagt sie. Wer so aufrichtig zu mir ist, der kann nur mein Bestes wollen, denke ich. Sie rechnet vor, dass ich mir bisher eine Rente von 310,22 Euro erarbeitet habe. Dann guckt sie ganz bedrückt, als hätte sie gerade eine tödliche Krankheit diagnostiziert. Meine Betroffenheit hält sich in Grenzen. Frau Müller scheint das noch trauriger zu machen. „Für Sie ist das ja offenbar gar nicht so schlimm“, sagt sie enttäuscht. Ich denke in kürzeren Zeitdimensionen. Ich frag mich, ob  Milch mit Vanillegeschmack zeitnah gegen meinen Knoblauchgeruch hilft.

Ich mag Frau Müller mit den vielen Fragen und dem lustigen Klingelton. Ich melde mich bei Ihnen, sage ich am Ende, ganz bestimmt! Eine Zahnbrücke, Haare im Kamm, denke ich, das hatte ich doch auch schon mit 20.