Nichts ist vollkommen

Die Normaden haben es einfach: Wenn sie aus gewichtigen Gründen ihren Wohnplatz wechseln wollen, brechen sie ihre Zelte ab, rollen die Teppiche ein, packen Mokkatassen und Töpfe zusammen und pfeifen ihren Kamelen.

Nicht nur, dass bei uns das Zusammenpacken viel mehr Zeit und Überlegung erfordert – auch die Suche nach dem neuen Platz erweist sich als eine schwierige Aufgabe, wenn man nicht das unerhörte Glück hat, in ein bereits bewährtes Domizil von Freunden oder Bekannten einziehen zu können. Zunächst einmal stimmt einen die Anzeigenseite der örtlichen Zeitung zuversichtlich: So viele wunderbare Wohnungen gibt es da, und alle sind herrlich gelegen oder in Stadtnähe, Liebhaberobjekte, neben dem Stadtpark, mit Aussicht auf den See, modernste Ausstattung, voll renoviert, herrschaftlich, verkehrsgünstig, eine einmalige Gelegenheit.

Einige Besichtigungen und Telefonate bringen die erste Lektion im Leben von Wohnungsanzeigen: Das „Liebhaberobjekt“ ist entweder brandteuer, oder die Liebhaber müssen als Heimwerker zunächst einmal installieren oder als Nostalgiker für Ofenheizung schwärmen. Die Aussicht auf den See kann man genießen, wenn man im Badezimmer den Kopf weit aus einem Dachfenster hinaushält. „Verkehrsgünstig“ bedeutet, dass der vorbeibrausende Berufsverkehr es einem mindestens zweimal am Tag unmöglich macht, die Straße zu überqueren. Zeitangaben wie „zehn Minuten zur Innenstadt“ sind so zu verstehen, dass diese Zeiten mit einem schnellen Auto bei günstigen Wetterbedingungen morgens früh um vier möglich sind, während „direkt am Park“ sagen will, dass man besagten Park in einem entspannenden, nicht allzu kurzen Spaziergang tatsächlich zu Fuß erreichen kann. Außerdem kennt man sich nach einiger Zeit mit der Tücke der stets am Rande erwähnten „Nebenkosten“ aus: In der Regel müssen ein Drittel oder gar die Hälfte der Miete nochmals zugerechnet werden.

Das Suchen nach einer Wohnung kann einen schon ganz hübsch in Trab halten. Manchmal irrt man lange umher, bis man das angepriesene „Schnäppchen“ in einer gottverlassenen Gegend neben einer Autogebrauchtwarenhandlung endlich gefunden hat. Man kann übrigens noch so sorgfältig auswählen, irgendein Pferdefuß stellt sich später immer heraus: Das heiße Wasser läuft zu dünn, für den Eckschrank fehlt die passende Ecke, die Kinder darüber üben ständig auf der Blockflöte oder es fehlt jeglicher Nebenraum.

Wie schon gesagt: Nichts ist eben vollkommen. Und es ist nur gut, wenn man dies von Anfang an weiß.