Stresemanns Ganz normal

Die Geschichte des Radios (8): “Radio, dein Mund heißt Goebbels!”

Die Geschichte des Radios

“Radio, dein Mund heißt Goebbels!”

Folge 8: 1939 – 1945

Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg in Europa, Mitteldeutschland bleibt jedoch vorerst verschont. Für die britischen Bomber der Royal Air Force (RAF) sind von ihren Stützpunkten in England aus der Westen und Norden des Deutschen Reichs schneller erreichbar, was für die Kriegsführung effektiver ist.

Das ist einer der Gründe, warum Hermann Göring bereits 1936 den Auftrag gegeben hatte, kriegsgewichtige Industrie weiter östlich anzusiedeln. Neben dem Rheinland wird die mitteldeutsche Schwer- und Chemieindustrie seither besonders stark ausgebaut. Außer der Panzer- und Flugzeugproduktion ist synthetisches Benzin besonders wichtig, da nicht genügend Erdöl zur Verfügung steht. Es entstehen Hydrierwerke u.a. in Leuna, Böhlen und Tröglitz. Im Verlauf des Krieges kommen kontinuierlich weitere Industriestandorte hinzu.

Neu war der “Straftatbestand des Rundfunkverbrechens


Noch im Jahr 1930 hoffte Albert Einstein auf der Berliner Funkausstellung, dass der Rundfunk zur Völkerversöhnung beitragen werde. Das «An alle» schien ein solches Versprechen zu enthalten. Aber kaum zehn Jahre später war es allen Deutschen untersagt, neben dem Nazi-Staatsrundfunk anderen Sendern zu lauschen. Aktualisiert lautete Döblins Diktum jetzt: «Radio, dein Mund heisst Goebbels!» Daher erfanden 1939 gewitzte deutsche Juristen den Straftatbestand des «Rundfunkverbrechens». Ab 1940 waren dafür Sondergerichte zuständig, die die Weiterverbreitung von Nachrichten der «Feindsender» als Landesverrat oft mit der Höchststrafe ahndeten. So wurde 1943 ein 56-jähriger Deutscher vom Volksgerichtshof als Rundfunkverbrecher zum Tode verurteilt, weil er feindlichen Rundfunk gehört und darüber gesprochen hatte. Dieses Urteil wurde dann zur Abschreckung auf der Rückseite der Quittungen abgedruckt, die die Hörer bei Bezahlung ihrer Rundfunkgebühren erhielten.

15.03.1939 Drahtlosdienst – Einmarsch in die CSR

15.03.1939 – Einmarsch in die Tschechoslowakei

«Du kleiner Kasten, den ich flüchtend trug”

Aber es gibt auch ein bewegendes Dichterzeugnis dafür, was das Radio einem Exilanten aus dem Nazi-Imperium bedeuten konnte. Im Jahre 1940 schrieb der nach Dänemark geflohene Dichter Bertolt Brecht ein kleines Gedicht auf sein Radio: «Du kleiner Kasten, den ich flüchtend trug / dass seine Lampen mir auch nicht zerbrächen / Besorgt von Haus zum Schiff, vom Schiff zum Zug / Dass meine Feinde weiter zu mir sprächen.» Zuvor, in den zwanziger Jahren, zählte Brecht, der mehrere seiner Stücke, aber auch Shakespeare-Dramen für den Hörfunk bearbeitet hatte, zu den Vordenkern eines demokratischen Radios. Er forderte einen Rundfunk, der nicht nur sendet, sondern auch selbst empfängt, nämlich die Reaktion und Meinung des Publikums zu politischen Themen. (Bild: Mit freundlicher Genehmigung Copyright DEFA Stiftung)

05.02.1940 Reportage – Leipzig – Mädchenschule – Kriegstagebücher

In der ersten Phase des Krieges funktioniert die Propaganda aus Sicht der Nazis problemlos. Die Wehrmacht siegt an allen Fronten. “Es besteht gegenwärtig ein absolutes Vertrauen zur gesamten Nachrichtenübermittlung”, meldet der “Sicherheitsdienst”, der über einen weit verzweigten Spitzelapparat verfügt und geheime Lageberichte über die Stimmung der Bevölkerung verfasst. Nach Einschätzung von Prof. Dussel tritt die Wende mit dem Russlandfeldzug ein: Der SD meldet 1941, man mache “sich sehr viele Gedanken darüber, wie weit wir noch in den Raum der Sowjet-Union hineinmarschieren müssten”.

Goebbels reagiert prompt: Der Rundfunk muss unterhaltender werden. Die Wortbeiträge werden gekürzt, der Musikanteil steigt. Die entsprechende Musik wird vom eigens gegründeten “Deutschen Tanz- und Unterhaltungsorchester” produziert. Gute Laune ist kriegswichtig. Der SD meldet daraufhin, das neue Programm fände “nahezu restlose Zustimmung”, besonders “die verstärkte Berücksichtigung des Humors” finde großen Anklang. 1942 vergrößert Goebbels den Anteil an Unterhaltungssendungen auf mehr als 80 Prozent des Gesamtprogramms.

10.06.1940 Kriegserklärung Italiens – Eintritt in den Krieg gegen Großbritannien und Frankreich

Auf die Propaganda der Siege folgt die Propaganda der Niederlagen.

“Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: Der Kampf um Stalingrad ist zu Ende”, meldet der “Großdeutsche Rundfunk” am 3. Februar 1943. “Ihrem Fahneneid getreu ist die sechste Armee (…) der Übermacht des Feindes und der Ungunst der Verhältnisse erlegen.” Die Aneinanderreihung von Erfolgsmeldungen wie in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges ist vorbei. Auf die Propaganda der Siege folgt die Propaganda der Niederlagen.
Joseph Goebbels notiert in seinem Tagebuch: “Wir bringen die Nachricht als Sondermeldung und machen sie mit einem entsprechenden heroischen Zeremoniell auf.” Es ist das erste öffentliche Eingeständnis einer Niederlage. Goebbels fühlt sich herausgefordert: “Solche Aufgaben reizen.”


Weil die Stimmung in Deutschland zu kippen droht, hält Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast vor rund 14.000 linientreuen Gästen eine Durchhalte-Rede: “Die Gefahr, vor der wir stehen, ist riesengroß.” Es sei die Stunde gekommen, “die Glacé-Handschuhe auszuziehen”. Goebbels gelingt in seiner Ansprache ein rhetorischer Spagat. Er gesteht die Niederlage an der Ostfront ein, jedoch nur, um gleichzeitig noch größere Kriegsanstrengungen zu fordern. Stalins Armee wird zum “Hunnensturm aus der Steppe” – “gefangen in einer teuflischen Anschauung”. Die deutschen Soldaten stilisiert Goebbels zu den Verteidigern Europas vor dem Kommunismus: “Das Abendland ist in Gefahr!” In verquerer Nazi-Logik fügt er an: “Das Ziel des Bolschewismus ist die Weltrevolution der Juden!”


Darauf folgt einer der wenigen Versprecher der Rede: Deutschland habe die Absicht, dieser Bedrohung “rechtzeitig, wenn nötig unter vollkommener und radikalster Ausrott-, -schaltung des Judentums, entgegenzutreten”. Bis dahin ist die Wortwahl der Nazigrößen vorsichtiger: “Ausschalten” klingt unverfänglicher als “ausrotten”. Einiges spricht dafür, dass der Versprecher von Goebbels geplant ist: Im Rundfunk wird die Rede nicht live übertragen, sie hätte geschnitten werden können. Doch diese Korrektur bleibt aus.

Je aussichtsloser der propagierte „Endsieg“ wird, umso erbitterter wird auch an der Propagandafront gekämpft. In den letzten Kriegsmonaten wird das Programm immer häufiger durch sowjetische Störsender überlagert – in Moskau hören deutsche Kommunisten das Reichsprogramm ab und sprechen gezielt in die Satzpausen nazifeindliche Gegenpropaganda hinein – so etwa in Hitlers Neujahrsansprache 1945

20.07.1944 Drahtlosdienst – Attentat auf Hitler

Kurz vor Hitlers Tod: “Schlacht um Berlin” entschieden


An Hitlers letzten Tagen, Ende April 1945, liegt Berlin in Trümmern. Die Schlacht um die Reichshauptstadt ist entschieden. Auf der Ruine des Reichstages weht schon die Sowjet-Flagge. Die Front zwischen Wehrmacht und Roter Armee liegt nur wenige hundert Meter südlich des Führerbunkers. Bomben schlagen im Garten der Alten Reichskanzlei ein, acht Meter darunter liegt Hitlers Quartier.

Sowjetischer Dauerbeschuss und Bomben wecken den “Führer” am 30. April nach nur wenigen Stunden Schlaf. Gegen Mittag weiht er seinen persönlichen Sekretär Martin Bormann, der am Tag zuvor noch als Trauzeuge fungierte, sowie Adjutant Otto Günsche in seine Pläne ein:

Zusammen mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Eva Braun bewohnt er hier mehrere Zimmer. Am 29. April 1945, kurz vor Mitternacht, heiraten beide im Führerbunker. Anschließend diktiert Hitler seiner Sekretärin Traudl Junge sein Testament. In der Nacht verabschiedet er sich von seinen Mitarbeitern und Vertrauten.

08.05.1945 BBC-Lüneburg-Verkündung der Kapitulation

Nach ihrem Sieg entzogen die Alliierten den Deutschen sofort die Kontrolle über den Rundfunk. Am 13. Mai 1945, fünf Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, verstummte der Sender Flensburg, die letzte Station des Propagandafunks. Nach dem Willen der drei westlichen Siegermächte durfte das Radio in Deutschland nie mehr zentrales Instrument der Informationsvermittlung werden.

Berlin im Juli 1945

In der nächsten Folge:

1946 – 1955

Die siegreichen Alliierten organisieren nicht nur Deutschland, sondern auch den Rundfunk neu. Während im Osten die Sowjetunion ihre staatlich kontrollierte Vorstellung von Radio umsetzt, etablieren im Westen die USA, das Vereinigte Königreich und Frankreich eine dezentrale Rundfunklandschaft. Der Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) sendet Programm für die Westsektoren, ist aber fast flächendeckend auch in der sowjetischen Besatzungszone zu empfangen.

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