Die 60er-Jahre: Der erste ausländische Flüchtling kommt

Zwei Arten von Menschen und eine Eiskugel für 10 Pfennig

Was heute zu endlosen Diskussionen führt, war vor knapp 50 Jahren etwas ganz Besonderes. Flüchtlinge gehörten nach Ende des 2. Weltkrieges zum alltäglichen Leben. In den 60er-Jahren kamen nämlich die ersten ausländischen Gastarbeiter nach Deutschland.

In Bayern erreichten die Migrationsströme in den 1960er-Jahren ihren Höhepunkt. Damals kamen fast alle Gastarbeiter, die nach Deutschland immigrieren wollten, am Münchner Hauptbahnhof an. Nach einer Beschwerde des italienischen Generalkonsulats 1956 über die langen Wartezeiten von der Ankunft am Münchner Hauptbahnhof bis zur Vermittlung, wurde 1960 der ehemalige Bunker an Gleis 11 als Warteraum für die Ankommenden in Betrieb genommen. Zwischen 1960 und 1973 war er für fast alle Gastarbeiter aus Süd- und Osteuropa das Erste, was sie von Deutschland zu Gesicht bekamen. Dieser Ort wurde somit, ähnlich wie Ellis-Island in den USA, die zentrale Sammelstelle für Immigranten.

Wir Kinder lernten schon sehr früh, dass es zwei Arten von Menschen gab: Zum einen die Einheimischen oder Hiesigen und zum anderen die Flüchtlinge, Deutsche aus dem Osten, aus Schlesien, dem Sudetenland, Pommern oder Ostpreußen, die nach dem Krieg bei den Einheimischen einquartiert wurden. In den 60ern hatten sich die Flüchtlinge in Siedlungen am Rande des Ortes inzwischen eigene Häuser gebaut oder wohnten zur Untermiete. Einquartierungen und Flüchtlingsbarracken gab es nicht mehr. Dennoch pflegten die Angehörigen der einzelnen Gruppen meist nur untereinander engeren Kontakt und es war schwer als Außenstehender in nähere Bekanntschaft mit Mitbürgern der anderen Gruppe zu kommen. Auch die Hochzeiten fanden in diesen Jahren noch ausschließlich innerhalb der einzelnen Gruppen statt.

Daheim in der Fremde 1964

Häufig wurde uns Flüchtlingskindern von Erwachsenen, etwa unseren Lehrern, die Frage gestellt: “Bist du ein Flüchtling?” und wir antworteten dann immer mit ja, obwohl wir selbst ja hier geboren und niemals irgendwohin geflüchtet waren. Unter uns Kindern galten diese Grenzen jedoch nicht. Spielgemeinschaften, Banden, Freundschaften bildeten sich unabhängig von der Herkunft und dem sozialen Status der Familie, aus der die Kinder stammten. Dass es solche Unterschiede gab, erfuhren wir Kinder nur aus den Gesprächen der Erwachsenen und aus einigen vereinzelten Ermahnungen von Hiesigen an ihren Nachwuchs: “Spielt nicht mit den Flüchtlingskindern!”.

Mitte der 60er tauchten bei uns die ersten Ausländer auf. In der Volkschule hatten wir zwei ausländische Mitschüler, einen Spanier und einen Griechen. Sie sprachen sehr gut Deutsch und hatten keinerlei Integrationsprobleme. Während meiner ganzen Schulzeit bis in die 70iger blieben ausländische Mitschüler aber noch Einzelfälle. Eine kulturelle Bereicherung durch ausländische Mitbürger erlebten wir Kinder vor allem durch die neu eröffneten italienischen Eiscafés. Es gab jetzt nicht mehr nur Eis am Stiel oder in kleinen Pappbechern, sondern auch Eiskugeln in Waffeltüten. Die Auswahl beschränkte sich auch nicht mehr auf die klassischen Sorten Vanille, Schoko, Erdbeere. Es gab jetzt eine Vielzahl von Eissorten, aus denen man wählen konnte, abhängig von der Menge der Groschen (1 Groschen = 10 Pfennig, soviel kostete eine Kugel Eis), die man investieren konnte oder wollte. Im Winter waren die Eiscafés geschlossen und in den Läden wurden statt Eis Schirme und Pelzmäntel verkauft.


In der nächsten Folge:

Mit der steigenden Mobilität stieg auch der Wunsch auf neue Eindrücke im In- und Ausland. Deutschland machte per Fahrrad, Auto und Flugzeug mobil. Mallorca galt als erster Geheimtipp für die reisefreudigen Deutschen.


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