Ganz normal

Aberglauben – Keiner glaubt daran, aber warum klopfen wir dann alle auf Holz?

Eine Freundin von mir geht nie ohne ihre Halskette aus dem Aus. Einmal hatte sie die Halskette vergessen, schon fuhr sie einem anderen Auto hinten drauf. Zwei andere Freundinnen haben ihren Urlaub in Kenia verbracht. Sie verstanden sich gut, kauften als Souvenirs Ringe aus Elfenbein. Ein Ring zerbrach nach der Rückkehr, die Freundschaft auch. Und wieder eine andere Freundin sammelt Marienkäfer vom Boden auf und setzt sie auf Blätter. Sie glaubt, dass sie so ihr Glück bewahren kann.

Alles ein bisschen verrückt? Aber nein, nur ein bisschen abergläubisch. Übrigens: Jeder zweite Deutsche ist abergläubisch – nur weiß er es nicht. Doch es gibt wohl kaum jemanden, dem nicht ein leichter Schauer über den Rücken läuft, wenn in der Silvesternacht Schlag zwölf eine schwarze Katze von links nach rechts mal eben seinen Weg kreuzt ….

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Tragen Sie ihren Ehering? Na bitte, er soll nach dem Volksglauben eine dauerhafte Bindung garantieren und steckt deshalb am Ringfinger, weil der angeblich eine direkte Leitung zum Herzen hat.

Wie kommt es, dass viele Menschen, die von sich sagen, sie seien nicht abergläubisch, in bestimmten Situationen doch noch ein kleines bisschen abergläubisch sind? Psychologen meinen, dass es vor allem unsere Wünsche und Ängste sind, die uns nach „magischen Absicherungen“ suchen lassen. Jeder Mensch trägt eine Menge Wünsche mit sich herum, viele davon unerfüllbar. Deshalb sucht er im geheimen eine Kraft, die ihn hoffen lässt, dass sich die Wünsche doch noch erfüllen.

Angst ist die zweite Triebfeder für einen ganz normalen Aberglauben. Jeder Mensch hat Angst, unterschiedlich ist nur, wovor: vor dem Tod, vor Misserfolg, vor der Zukunft. In dieser Hilflosigkeit hätten wir gern jemanden, der die Fäden in de Hand hält, der das, was uns Angst macht, abwehrt. So möchten wir, dass der Glücksbringer uns beschützt. Andererseits haben wir Scheu davor, zum Beispiel einen Geburtstag vorzufeiern – die Zukunft ist ungewiss das könnte Unglück bringen.

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Aberglaube tut manchmal gut, macht sogar Kräfte frei (zumindest schadet er nicht). Vielleicht gibt es sogar noch einen Grund, warum wir unseren Rest Aberglauben brauchen. In der heutigen Welt, in der alles durch und durch technisiert und rationalisiert ist, sind wir für alles selbst verantwortlich. So sachlich wie möglich versuchen wir, alle Schwierigkeiten zu meistern. Unser Sinn fürs Geheimnisvolle, fürs Unsichtbare und Unerklärliche kommt dabei leicht zu kurz. Das erklärt, warum auch ganz sachliche Menschen nicht von Aberglauben frei sind.

Die letzte Begründung für unseren Aberglauben ist unser Bemühen, für alles, was wir erleben, eine Erklärung zu finden. Wir versuchen dabei, Zusammenhänge zu sehen, die es (wahrscheinlich) gar nicht gibt.

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Immerhin: Für amerikanische Büros – in denen alles nur aus Kunststoff ist – werden neuerdings kleine runde Scheiben aus Holz verkauft. Damit die Manager des Computer-Zeitalters dreimal auf Holz klopfen können – wenn sie sich (oder einer Sache) Glück wünschen.

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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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