Stresemanns Ganz normal

Als der Doktor in Stereo operierte

Peter Leonhard Braun schrieb schon Feuilletons für das Berliner Studio des NWDR und den Sender Freies Berlin, Paris und London, als seine Texte noch von einem Schauspieler im Studio verlesen wurden. Sein Stil wartete sozusagen auf neue technische Möglichkeiten. Als Ende der 60er-Jahre der Sender Freies Berlin beschloss, die Stereofonie nicht nur für Konzerte, sondern auch für Wortproduktionen einzusetzen, wollte Braun unbedingt dabei sein. Er kehrte von London in seine Heimatstadt zurück und schlug vor, die neue Technik in einer Dokumentation über die industrielle Produktion von Hühnerfleisch auszuprobieren. Damit stieß er zwar auf Vorbehalte – gackern links und gackern rechts, was soll das? – aber das Stück „Hühner“ wurde 1967 realisiert. Es war die erste stereofone Dokumentation im deutschen Radio.

Peter-Leonhard-Braun.

Braun war begeistert von der neuen Unmittelbarkeit der stereofonen Aufnahmen. Jetzt konnte er einen akustischen Raum gestalten, den Hörer mitreißen, das Ohr direkt attackieren. Endlich war die Geräuschebene ein gleichberechtigter Partner der Geschichte, nicht nur die Illustration eines Textes. Und drei Jahre später entstand dann das Stück, mit dem Braun den letzten Schritt hin zu seinem dramaturgischen Ideal der akustisch vollkommen aus Originaltönen komponierten Geschichte ging.

Das Feature über eine Hüftoperation – Braun wählte nie idyllische Themen – besteht aus drei Elementen: einer lebhaft erzählenden Patientin, Saima Nowak, einem Operationsteam von Ärzten und Schwestern, die sich über jeden Handgriff verständigen, und einem vielfach übersprochenen Diktaphon, auf dem die Operation protokolliert wird. Kein Erzähler, keine Orientierung. Die Sendung beginnt mit der Stimme der Narkose-Ärztin, die die Spritze geben will und endet mit dem Aufwachen von Frau Nowak aus der Narkose.

Einem kleinen Text zur Ursendung kann man entnehmen, dass diese Form des akustischen Erzählens im Jahr 1970 nicht den Hörgewohnheiten entsprach. „Diese Sendung ist ein Experiment“, heißt es da. Und später: „Die Aufgabe oder das Experiment dieser Sendung ist, einen akustischen Film herzustellen (siehe audio 2). Da beschreiben, erklären oder kommentieren keine Sprecher und Schauspieler mehr, was gerade geschieht, sondern das akustische Geschehen bleibt allein, es soll sich selbst erzählen. Es geschieht also nichts weiter als eine Stunde Realität. Und da mittendrin hängt das Doppelmikrofon, das sensible, stereofone Ohr – und hört genau zu.“ (aus den Sendeunterlagen des RBB)

Natürlich wusste Peter Leonhard Braun, dass Realität im Radio nicht einfach „geschieht“. Er wusste, dass Mikrofone nicht einfach zuhören. Er wusste, dass er mit seinem SFB-Team fünf Mal bei fünf verschiedenen Operationen die Mikrofone aufgebaut hatte und dass er, der Autor und Regisseur, aus den bespielten Bändern die fugenlose Illusion einer Live-Operation im Studio mit Schere und Klebeband montiert hatte. Und er wusste auch, dass die Zuhörer zwar glauben, gerade würde der Oberschenkelhals von Frau Nowak lautstark durchgesägt, dass es aber nicht so war. Oder genauer: dass es darauf nicht ankam. Viele Jahre später bei einer Vorführung des Stücks 2007 in der Veranstaltungsreihe von „RadioTesla“ erzählt Braun auch, dass er die Diktaphon-Sequenzen mit einem markanten Geräusch aufgerüstet hat, das er nachträglich im Funkhaus mit Hilfe der Lichtschalter aufgenommen hatte.


8 Uhr 15, OP III, Hüftplastik

Die Sendung war ein Experiment. Für den Autor, der gerade erst die Stereophonie und damit die Dimensionen des Raumes für das akustische Erzählen im Radio entdeckt hatte. Und für die Hörer, die auditiv direkt an den Operationstisch gesetzt wurden. Wo die Ärzte (und der Autor) mit sicherer Hand das Bild zerlegten, das wir uns gerne von der Einheit des menschlichen Körpers machen. „Man vergisst bald, dass die zu reparierenden Fälle Namen und Gesichter haben. Es war wie in einer Werkstatt für Autos: öffnen, zerlegen, Ersatzteile einpassen und schließen.Wirklichkeit im Radio – ein legendäres O-Ton-Feature

Zum Feature:

Wirklichkeit im Radio
8 Uhr 15, OP III, Hüftplastik
Aus dem Alltag eines Operationsteams
Von Peter Leonhard Braun
Regie: der Autor
Ton: Günter Genz und Manfred Hock
Produktion: SFB/BR/WDR 1970
Länge: 51’20


Über den Autor:

Peter Leonhard Braun, geboren am 11. Februar 1929 in Berlin, studierte Volkswirtschaft an der Freien Universität Berlin und schloss 1953 mit einer Arbeit zur „Soziologie des Rundfunks“ ab. Er schrieb Feuilletons für das Berliner Studio des NWDR und den Sender Freies Berlin aus Berlin, Paris und London. 1967 entstand „Hühner“, die erste stereofone Dokumentation im deutschen Radio. Es folgten Maßstäbe setzende Programme: „Catch as Catch Can“ (1968), „8 Uhr 15, Operationssaal 2, Hüftplastik (1970) und „Hyänen“ (1971). Für „Glocken in Europa“ (1973) wurde er mit dem Prix Italia ausgezeichnet. Von 1974-1994 war er Leiter der Feature-Abteilung des SFB. Von 1979 an war er verantwortlich für den Hörfunksektor des Prix Futura Berlin, ab 1988 maßgeblicher Organisator des Radio- und Fernsehwettbewerbs PRIX EUROPA. 2012 wurde Braun mit dem Axel-Eggebrecht-Ehrenpreis ausgezeichnet.


Wirklichkeit im Radio

Wirklichkeit im Radio ist eine Sendereihe und eine Materialsammlung.
Zu hören sind historische Features und Dokumentarstücke.
Zu lesen sind Gedanken, Analysen und Gespräche darüber.
Ein Werkzeugkasten ermöglicht das autonome Navigieren durch das Material.


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