Stresemanns Ganz normal

Am Ufer des Wetterozeans

Große Hitze in Nordrhein-Westfalen, Sturm an Nord- oder Ostsee, Blitz und Gewitter in Baden-Württemberg: Derartige Wettermeldungen lassen Versicherer aufhorchen. Bedeuten sie doch vermehrte Schadenleistungen. Aber wie stellt ein Versicherer eigentlich fest, wann und wo welches Wetter zu verzeichnen war? Er nutzt dazu amtliche Wetterdaten. Doch wie kommen die zu Stande und wo kommen sie her?

4. Januar 2022, 8:50 UTC. In Quito, Ecuador, beugt sich ein Mann über den Bildschirm seines PCs und kontrolliert die eingegangenen Daten der halbautomatischen Wetterstation. Luftdruck, Temperaturminimum und -maximum der letzten Stunde (in der Luft, auf dem Boden und unter der Erde), Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und Windstärke, Sonnenscheindauer, Niederschlagsmenge, Taupunkt, Wolkenhöhe. Vorher die Augenkontrolle: Wolkenarten, geschätzter Bedeckungsgrad, Niederschlagsart und -Intensität. Zur exakt gleichen Zeit läuft diese Routine auch in Gabun ab, in Wladiwostok, Baltimore, in Adelaide und der Casey-Forschungsstation in der Antarktis. Auf dem Kahlen Asten, der mit 842 Metern über Normal Null höchsten Erhebung Nordrhein-Westfalens, auch.

Alle diese Orte gehören zu einem weltumspannenden Netz von Messstellen, das aus insgesamt etwa zehntausend bemannten, vor allem aber unbemannten Wetterstationen besteht. 8.50 UTC (Universal Time Coordinated) ist hier übrigens 10.50 MESZ (mitteleuropäischer Sommerzeit), aber die Chronometer der Weltmeteorologie sind auf den Nullmeridian-Standard von Greenwich geeicht.

Die Hand am Puls des Wetters

Die Instrumente auf dem Turm und auf dem freiliegenden 25 mal 25 Metern großen Messfeld neben der Station am Kahlen Asten zeichnen automatisch auf. Minus 8,3 Grad war es in der Nacht des 3. auf den 4. Januar 2022. Zwei Millimeter Niederschlag und Schnee hat es gegeben, wie der Blick aus dem Fenster augenscheinlich beweist.

Der Wettertechniker ist, wie die Ingenieure in den Monitorräumen der Großtechnik, im Wesentlichen nur noch Kontrolleur. Seine Erfahrung, das Fundament jeder Automation, sagt ihm, wann ein eingehender Wert nicht stimmig ist und das aufzeichnende Gerät mutmaßlich defekt. Übrigens werden die Daten nicht ausgewertet, nicht interpretiert, keine Prognosen daraus abgeleitet. Der Wettertechniker erfasst diese Daten nur: Rund um die Uhr. In drei Schichten. Die Versuchsperson „Wetter” ist komplett verkabelt! 

Dass die Erde ein Blauer Planet ist, bildet den Kern des Problems: Vereinzelt driftende Wetterbojen auf den Weltmeeren, funkende Forschungsschiffe und eine Nation übergreifende Flotte freiwillig aufzeichnender Handelsschiffe liefern ein Datenbild, das mehr Löcher enthält als ein Schweizer Käse. Aufsteigende Wetterballons und die daran schwebenden Funksonden helfen weiter, auch die sündhaft teuren Wettersatelliten. Dennoch ist zu viel ungesehenes, unvermessenes Wetter über dem Globus. Und – das ist jetzt deutlich — so wichtig die lokale Perspektive im Einzelfall auch sein mag, es gibt kein „deutsches Wetter“, nicht einmal ein „europäisches“. Wetterist weltumspannend. In seinen Wirkungen, was der regelmäßig auf unsere Autoscheiben niederregnende Saharasand augenfällig belegt, vor allem aber in seinen Ursachen. Darum die Existenz eines globalen Messnetzes.

Dessen technische Voraussetzung sind die Computer und das sie verbindende weltweite Datennetz. Was der Bildschirm des Wettertechnikers in der Astenstation stündlich illustriert. Zehn Minuten vor Ablauf jeder Stunde – in der Meterologensprache „h plus 50“ – baut sich die Datenmaske mit den aktuellen Werten eigenständig auf.

Wenig später dann der sekundenschnelle Datentransfer zur Zentrale des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach. Dort eine automatische Überprüfung der Stimmigkeit aller Werte. Und dann, nach Durchgang durch den Offenbacher Großrechner, die Einspeisung der Werte in die Ringleitung der Weltmeteorologie. Die Wetter-Rechner gehören zu den leistungsstärksten Computern überhaupt. Der Offenbacher IBM-Riese steht aktuell immerhin auf Platz Drei der deutschen Rangliste.

Was, wie und warum beim Wetter?

Wettertechnik fasziniert. Durchaus. Aber sie hat, wie alle Technik, unmenschliche Dimensionen. Sie macht den Menschen entbehrlich, macht die Meteorologen (teilweise) arbeitslos. Schon heute hat die automatische Prognose den menschlichen Prognostiker auf eine nachrangige Position verdrängt. Während die Computerprogramme immer treffgenauer vorhersagen, muss sich der Mensch immer mehr damit begnügen, die schwerer zu prognostizierenden Extremwetterlagen zu erkennen.

Die Sache selber fesselt. Vor allem die technische Seite dieser Sache: Radarbilder der Niederschlagsverteilung über Deutschland. Die Bild gewordenen Entwicklungsverläufe einzelner Messwerte. Der Aufwand lohnt sich! Denn wir alle wollen wissen, was uns der launische Gott „Wetter“ bringt. Viele von uns müssen es sogar wissen! Dieses Wissen um das Wetter von Morgen ist ein kostbares Gut. Und ein volkswirtschaftlich berechenbarer Faktor – nicht nur, was seine katastrophalen Dimensionen betrifft.

Weltmacht Wetter

Das Wetter ist wesenhaft, lebendig. Ein faszinierender Formenkreis der Phänomene. Es ist launenhaft, ungebärdig und von keinem noch so perfekten Datenkäfig für immer einzufangen. All das Lebensregungen eines Ozeans, an dessen Ufern wir Erdbewohner leben und dessen von irgendwoher anbrandende, über uns brechende Wogen, wir immer wieder staunend erleben.

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