Augen sagen mehr als Worte

Mehr als uns bewusst ist, kommunizieren wir im täglichen Leben mit Blicken – und nicht immer sind sie freundlich gemeint.

Blicke können verletzende Machtsignale sein

Teilnahmslos putzt der Chef seine Brille und schaut ab und zu aus dem Fenster. Selten wan­dert sein Blick zu dem Angestellten, der ihm gerade Rechenschaft über den Stand eines Projektes ablegt. Warum verhält der Chef sich so? „Jemanden visuell zu ignorieren, ist ein verletzendes Machtsignal und ein sehr altes Muster, mit dem Mächtige schon vor Jahr­hunderten ihre Position bekräftigt und gefestigt haben”, sagt Kommunikationstrainer Rudi Rhode. „Auch heute noch setzen Menschen in Machtpositionen dieses Mittel ein, um zu zei­gen, dass sie ihrem Gegenüber haushoch überlegen sind und es nicht nötig haben, ihm ihre Wertschätzung in Form eines respektvollen Blickverhaltens entgegenzubringen.”

Ganz Normal Ganz Normal

Ganz anders wechseln Menschen Blicke, die „auf Augenhöhe” kommunizieren. Sie lenken ihre Blickkontakte nach den gesellschaftlichen Regeln, die in unserem Kulturkreis üblich sind, um eine angenehme Atmosphäre entstehen zu lassen. Der Zuhörende signali­siert seine Aufmerksamkeit, indem er dem Sprechenden weitgehend in die Augen schaut, solange dieser spricht. „Visuelle Aufmerksamkeit während des Zuhörens ist ein Zeichen persönlicher Wertschätzung – unabhängig von der inhaltlichen Bewertung des Geäu­ßerten”, erklärt der Kommunikationstrainer.

Mit Blickkontakt Signale entgegennehmen

Der Sprecher hingegen hält den Blickkontakt nur für zwei bis sieben Sekunden. Denn ein längerer Blickkontakt baut eine Spannung auf, die – wenn sie allzu groß wird – die Konzentration des Sprechenden stören kann. Indem er wegblickt, kann er sich sammeln und gibt seinem Gegenüber gleichzeitig die Möglichkeit, seine Mimik zu lesen. Immer wieder sucht der Sprechende diesen kurzen Blickkontakt mit seinem Zuhörer und nimmt Signale von ihm entgegen – zum Beispiel ein zustimmendes Nicken oder ein Zusammenziehen der Augenbrauen. Am Ende seiner Rede blickt er sein Gegenüber auffordernd oder bekräftigend an – das Zeichen für den Rollenwechsel. „Wer so miteinander kommuniziert, behandelt sich mit wechselseitigem Respekt”, sagt Rudi Rhode. „Keiner der Gesprächspartner möchte den anderen erniedrigen oder herabwürdigen.”

Blicke können liebevoll, interessiert, freundlich und offen sein, aber auch „taxieren”, „verletzen”, „abschätzen”, „durchdringen” oder „vernichten”.

Blicke sind Berührungen auf Distanz”, sagt Rudi Rhode. „Jeder von uns wird sich an Situationen erinnern können, in denen ihn die verletzenden Blicke anderer Menschen getroffen haben. Aber wenn wir ehrlich sind, gehört aggressives Blickverhalten auch zu unserem eigenen Instrumentarium körpersprachlicher Drohgebärden und Verletzungen in Konfliktsituationen.” Zum Beispiel wirft eine Mutter einen stechenden Blick in Richtung ihres Kindes, weil dieses mit Essen spielt. Die Botschaft des Blickes: „Stelle dein Verhalten ein, sonst ergreife ich weitere Maßnahmen!” Mit dem Blick zeigt die Mutter dem Kind gleichzeitig, dass sie in der Hierarchie weiter oben steht. Beugt sich das Kind dem Druck, indem es aufhört, mit Brotkügelchen zu werfen, ist der Kampf bis zum nächsten Konflikt entschieden.

Blicke transportieren nicht nur Gefühle

Die Mutter-Kind-Szene, aber auch das Verhalten des Chefs gegenüber seinem Angestellten zeigt deutlich: Blicke transportieren nicht nur Gefühle, sondern immer auch Status-Signale. Zum Beispiel gilt, wer länger den Blick halten kann als der Stärkere und Überlegenere. „Ein bewusster Umgang mit Blicken und Status kann die Durchsetzungsfähigkeit verbessern, aber auch helfen, unbewusste und unbeabsichtigte Verletzungen unserer Mitmenschen zu vermeiden”, sagt Rudi Rhode. „Das kann man trainieren.” In seinen Seminaren zum Thema Blickverhalten erarbeitet er mit seinen Teilnehmern Möglichkeiten, wie man mit verletzenden, aggressiven oder drohenden Blicken umgehen und sich durchsetzen kann – privat wie beruflich. Blickt der Chef einen nicht an, sollte man zunächst klären, warum das so ist.

,,Entweder ist der Chef unsicher oder ignorant”, sagt Rudi Rhode. „Wenn er tatsächlich ignorant ist, kann man für sich selbst die Situation entschärfen, indem man sich zum Beispiel denkt: Jetzt zieht er wieder seine Überlegenheits-Masche durch.” Eine andere Möglichkeit: den Chef um visuelle Aufmerksamkeit bitten. „Doch das würden sich die wenigsten von uns trauen”, sagt der Experte. „Zudem kommt es auf den Chef an, ob dieser Schritt ratsam ist, denn nur ein selbstbewusster Vorgesetzter verträgt Kritik.”


Buch-Tipp:

Rudi Rhode, Mona Sabine Meis:
„Wortlos sprechen”, Oesch Verlag Zürich, 280 Seiten, 9,90 €.


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