Darauf muss man erst mal kommen -Erfindungen aus der zweiten Reihe

Darauf muss man erst mal kommen
Erfindungen aus der zweiten Reihe

Als der homo erectus vor rund einer Million Jahren frierend in der dunklen Savanne saß, hat er es nicht für möglich gehalten, dass das mal anders sein würde. Ob purer Zufall, praktischer Glücksgriff oder gezielte Forschung Erfindungen und Entdeckungen verändern die Geschichte der Welt.

Buchdruck, Dampfmaschine, Penizillin, das Rad – wo wären wir ohne sie? Sicherlich könnt ihr aus dem Stehgreif zehn, zwanzig Erfindungen und Entdeckungen nennen, die für Quantensprünge in der Entwicklung der Menschheit gesorgt haben. Aber es gibt auch eine ganze Reihe größerer und kleinerer Inventionen, die oft ein Schattendasein führen und es nicht zur Popularität der prominenteren Geschwister gebracht haben – zu Unrecht, wie wir meinen.

Diese B-Promis unter den Erfindungen schaffen Abhilfe bei banalen oder eklatanten Problemen des Alltags. Sie sind vielleicht nicht überlebenswichtig, aber ohne sie wäre es auch nicht nett. Manche enorm praktisch, andere einfach eine wirklich feine Sache. Da lohnt es sich doch, noch einmal hinzuschauen. Hier kommt eine kleine, subjektive Auswahl:

Rohr mit Knick

Als John Harrington – von Beruf war er eigentlich Dichter – 1596 das Water Closet (Wasserklosett) erfindet, war das an sich schon eine feine Sache.

Sein neues Töpfchen brachte dem „Endverbraucher” einige Erleichterung. Allerdings gab es noch beträchtliche Schwachstellen und unangenehme Nebenwirkungen, fanden doch emporsteigende Kanalgase ihren Weg nicht nur ins stille, sondern in alle Örtchen.

Erst knapp 180 Jahre später konnte Abhilfe geschaffen werden. Der britische Uhrmacher und Mathematiker Alexander Cumming lässt sich 1775 ein s-förmiges Rohr patentieren, das durch das Wasser in seiner unteren Biegung die aufsteigenden Gerüche blockiert. Der Siphon erblickte das Licht der Welt und führt seitdem ein unscheinbares Dasein im Verborgenen unter Schüsseln und Porzellansäulen.

Für ein gutes Aussehen

Bleiben wir noch im Bad. Über dem Waschbecken durfte bei den meisten eine metallbeschichtete Platte hängen: Der Spiegele! Eine reflektierende Fläche, glatt genug, dass reflektiertes Licht seine Parallelität behält. Somit entsteht ein Abbild, das mitunter schon am frühen Morgen für Entzücken, Entsetzen oder Resignation sorgen kann.

Natürliche Spiegel entstehen auf ruhenden Wasserflächen, und wasserbefüllte flache Schalen dürften als erste menschengemachte Spiegel gedient haben. Die Bronzezeit kennt Spiegel aus poliertem Metall; im zweiten nachchristlichen Jahrhundert kommt bereits Glas zum Einsatz.
Im 14. Jahrhundert brachte man dann Metalllegierungen in noch glühende mundgeblasene Glaskugeln ein, und im späten 19. Jahrhundert entstand der Silberspiegel. Heute ist es Aluminium, das als Folie auf glatte Glasscheiben gepresst oder aufgedampft wird.

Durch die Metallnutzung werden Spiegel im Laufe der Jahrhunderte klarer, präziser und brillanter. So eröffneten sich für das ursprüngliche Instrument von Eitelkeit oder Selbsterkenntnis ganze neue Einsatzmöglichkeiten. Etwa in Fernsehern, Kameras, Lasern, Spiegelteleskopen oder solarthermischen Kraftwerken.

Tür zu! Es zieht!

Mit Drehtüren lässt sich prima Unfug treiben. Man kann den Vordermann oder die Hinterfrau mit einer gezielten Bremsung rasch und mühelos inhaftieren. Grundsätzlich bieten Drehtüren oder Karusselltüren, so die korrekte -Benennung einen effizienten Weg, größere Menschenströme in Gebäude oder auf Plätze zu leiten. Und natürlich auch wieder hinaus oder hinunter. Es können ganz einfach mehrere Menschen gleichzeitig diese Tür benutzen. Aber beides sind letztlich nur Nebeneffekte.

Bereits 1881 war in Berlin eine „Tür ohne Luftzug” patentiert worden. Wirklich auf den Markt gebracht hat die Drehtür aber Theophilus Van Kannel, der 1888 das US-Patent für seine Storm Door erhielt. Die Dreh- bietet gegenüber einer üblichen Scharniertür diverse Vorteile. Sie reduziert zum Beispiel im Ruhezustand wie in Benutzung das Eindringen von Regen, Kälte und Wind (der gerade in Hochhäusern mit Kamineffekt zu einem gefährlichen Problem werden konnte). Sie schlägt nicht zu und fliegt nicht auf, da der Druck auf beiden Seiten der Drehachse der gleiche ist.

Auch Drehtüren unterwerfen sich übrigens der landesüblichen Verkehrsordnung» In Ländern mit Rechtsverkehr dreht die Tür gegen den Uhrzeigersinn, wo Linksverkehr herrscht, verläuft die Drehrichtung im Uhrzeigersinn. Einen besonderen Service hält das Londoner Rathaus bereit: Es bietet unterschiedliche Drehtüren für die links- und rechtsfahrende Weltbevölkerung.

Klug eingestielt

Seit mindestens 3000 Jahren steht Eis auf dem Speiseplan der Menschen. Im alten China soll in Herrscherkreisen bereits um 1000 vor Christus aus Schnee, Milch und Früchten eine begehrte Leckerei hergestellt worden sein. Von Alexander dem Großen heißt es, dass er im dritten vorchristlichen Jahrhundert seinen Offizieren vor der Schlacht als besondere Aufmerksamkeit ein Gemisch aus Schnee, Honig, Früchten und Wein kredenzte. Und der amerikanische Präsident George Washington soll zu den ersten Besitzern einer Eismaschine gehört haben.

Noch praktischer für „to go” wurde es dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Entdeckung des Eis am Stiel. Diese Erfindung beanspruchten gleich zwei Amerikaner für sich. Sowohl Frank W. Epperson aus Oakland als auch HarryB. Burt aus Ohio meldeten unabhängig voneinander im Mai 1923 ein entsprechendes Patent an. Während Burt gezielt nach einer Alternative zum Eis in Kugelform gesucht hatte und daher Vanilleeis mit Schokoladenüberzug an einem Holzstäbchen anbot, stieß Epperson angeblich rein zufällig auf die praktische Darreichungsform. Nach eigenem Bekunden hatte er bereits -1905 als damals Elfjähriger seine Limonade in einer ungewöhnlich kalten Nacht auf der elterlichen Veranda vergessen. Am Morgen waren Getränk und der zum Umrühren genutzte Holzpinn zu einer handlichen Brause am Stiel gefroren.

Selbst ist die Frau

Vermutlich gehörte es nicht zu den größten Problemen, mit denen man zu Beginn des 20. Jahrhunderts konfrontiert werden konnte, aber dem einen oder anderen vermieste es wohl schon den Tag. Knirschende Krümel zwischen den Zähnen und ein bitterer Geschmack im Mund: Kaffeesatz ein Ärgernis nicht nur beim gepflegten Damenkränzchen.

1908 schuf Melitta Bentz Abhilfe, und ihr Vorname wurde Programm. In den Metallboden einer Konservendose bohrte sie Löcher und deckte diese mit zurechtgeschnittenem Löschpapier aus dem Vokabelheft ihres Filius ab. Kaffeesatz ade. Die findige Dresdnerin entwickelte ihre schlaue Konstruktion weiter zu Filterpapier und „Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern”, so steht es im Gebrauchsschutz, den das Kaiserliche Patentamt zu Berlin am 20. Juni 1908 ausstellte.
Übrigens: Ob gefiltert oder nicht, Kaffee wirkt bei den meisten Menschen anregend auf den Stoffwechsel womit wir wieder bei Cummings Siphon wären.