Der letzte Fango

Eigentlich müsste der Tag so losgehen: „Darf ich um den Fango bitten, mein Herr?“ Stattdessen empfängt mich ein Riese, so gross wie Frankenstein, ein Gesicht wie Räuber Hotzenplotz mit einem fröhlichen, „Bon dschorno Sinjore, fango preegho!“

beleuchtung-bett-boden-275851Handschlag ist aber nicht. Denn er hat die Hände voll, voll von dem dampfenden grauen Fangomatsch, von dem er mir auch gleich eine Portion auf den Rücken klatscht. Dann bettet er mich auf ein fangograues Laken. Ich lande zwischen den dampfenden Fangobergen, die er mit seinen Schaufelhänden geschickt auf meinem Körper verteilt.
Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass dieser Urschlamm mal knapp werden könnte (es herrscht schon ein totaler Ausfuhrstopp dafür!), dass er also „gestreckt“ werden müsste, damit diese – seit Jahrtausenden für Hunderte von Patienten immer wieder benutzte – Masse auch den kommenden Generationen verfügbar ist.

Ich denke, dass es andererseits manch einer vielleicht ganz reizvoll findet, dass der Fangokloss an seiner Wade vielleicht bereits vor zweitausend Jahren dem Kaiser Tiberius den Rücken gewärmt hat.

balance-esoterik-geistig-9267Dann Schluss mit der Behandlung. Nachdem ich eine halbe Stunde auf dem Zimmer entspannt gelegen habe, klopft er an die Tür: Figaro! Na ja, natürlich nicht genau Figaro und schon gar kein Barbier, nein. Aber ihr werdet es gleich sehen: Also ein kleiner, überaus fröhlicher und agiler Typ, ganz in weiß, hüpft geradezu ins Zimmer, streut aus einer kleinen weißen Sprühdose Talkumpulver – natürlich auch weiß – auf die fangogeröteten Stellen.

Und nun kommt etwas, dass sich weder schreiben noch beschreiben lässt, weil die Geräusche, die er bei der Massage hervorruft, einerseits völlig verschieden voneinander, aber andererseits gleichzeitig miteinander sind, weil seine Hände jeweils andersartige Bewegungen gleichzeitig ausführen. Das geht dann wirklich wie Figaro: „Figaro hier / tsatsatsatsa / Figaro dort / papapapap / Figaro oben / wischwischwisch / Figaro unten / tatatataattatt! Figaro links, Figaro rechts, Figaro vorn, Fiagro hinten – in allen Tonarten und tempi von adagio bis presto, von piano bis fortissimo, eben Figaro – daher der Name.

Wie gesagt, es ist ein Erlebnis. Und es passt zu diesem Masseur, dass er zum Frühstück keinen Kaffee, sondern bereits sein Gläschen Wein trinkt. Ein Profi, Tradition von Jahrtausenden. Prima! Ach ja: Prima collatione! Frühstück wartet! Buon dschorno amitschi! Buon Fango. Drei Tage noch. Am Freitag, da sehe ich sie alle zum letzten Mal. Frankensetin und Figaro. Die Künstler. Die Fango-Profis. Am Freitag ist es eben soweit – der letzte Fango.

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