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Die 60er-Jahre: Leben – Essen – Geniessen

Die Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind bis heute ein Mythos – man denkt an Beatles und Flower-Power, an Aufbruchsstimmung und Außerparlamentarische Opposition. Insbesondere die Leder- oder die Cordhose war aus unserem Junge-Alltag nicht wegzudenken – auch aus meinem nicht, und ich bin mitten in diesem wilden Jahrzehnt aufgewachsen.

In den 60ern gab es noch die Fräuleins. Fräulein war die Anrede nicht nur für junge Damen, sondern generell für alle unverheirateten Frauen, egal welchen Alters. So wurde auch eine 60jährige Frau, sofern sie nicht verheiratet war, mit Fräulein angeredet. Obwohl es auch in anderen Sprachen vergleichbare Bezeichnungen gibt (z. B. Miss (engl.), Mademoiselle (franz.), Señorita (span.), Signorina (ital.), Fröken (schwed.)), verschwand in Deutschland im Laufe der Emanzipationsbewegung diese Anrede und Frauen werden seit dem, ob verheiratet oder nicht, immer mit Frau angeredet.

Die Familien lebten oft auf engem Raum zusammen, zwei, drei Generationen unter einem Dach, dennoch brach der Babyboom alle Rekorde. Die Kinder, die damals auf die Welt kamen, wurden auf Namen wie Michael, Thomas, Sabine und Petra getauft. In einigen Familien kam es noch vor, dass die Töchter oder Söhne die Vornamen ihrer Väter oder Großväter bekamen.

Leben in der Münchner Leopoldstrasse in den 60er Jahren

Der Sonntag war kein freier Tag. Nach dem obligatorischen Kirchgang am Vormittag galten für den Rest des Tages vielfältige Regelungen wie vorgeschriebene Bekleidungsordnung, Verbot der Verschmutzung jener Bekleidung, Anwesenheitspflicht bei Verwandtenbesuchen usw., was den Umfang und die Art der Freizeitaktivitäten stark einschränkte.

Gesetzliche Sicherheitsvorschriften gab es in den 60er-Jahren ziemlich wenig. Wenn wir beispielsweise mal bei unserer Oma übernachtet haben, hätten wir uns gleich an ihrer Medizin erfreuen können – denn die Fläschchen waren problemlos zu öffnen. Aber nicht nur im Medizinschrank, sondern auch im Putzmittelschrank konnten wir uns austoben. Bleichmittelflaschen mit Sicherheitsverschluss kannten wir nicht. Die Türen und Schränke hatten es zwar darauf abgesehen, unsere kleinen Fingerchen zu quetschen, aber das hielt uns nicht von unseren Erkundungstouren ab. Einschlafen konnten wir trotz all den Hindernissen im Alltag gut. Vielleicht lag es auch an unseren Bettchen, die in bunten Farben voller Blei und Cadmium bemalt waren.

Das Jahrzehnt der Cordhosen

Die Eltern-Kind-Beziehung war in den 60ern noch klar. Eltern waren Eltern, Kinder waren Kinder. Meine Mutter wäre nie auf die Idee gekommen, mit mit mir zu diskutieren, was ich anziehe. Undenkbar! Keine Rede davon, einander „auf Augenhöhe“ zu begegnen. Die Erwachsenen sagten, wo´s lang ging.

Für uns Jungs gab es damals nicht wirklich eine Mode, aber ganz bekannt und gern getragen wurden die Manchesterhosen. Das sind Cordhosen, die es meist in dunkelbraun oder in hellbraun gab. Das war Breitkord oder Feinkord, gut zu tragen, aber wirklich gemocht habe ich die nicht. Die Kleidung der Kinder war in erster Linie praktisch – nicht unbedingt für die Kinder, sondern für die Eltern. Eine Lederhose z.B. wurde nicht schmutzig, sie ging praktisch nicht kaputt und konnte – einmal weit genug gekauft – auch nicht zu kurz werden.

Zu den Hosen trugen wir Hemden, im Sommer mit kurzem und im Winter mit langem Arm. T-Shirts tauchten zwar auch schon langsam auf, kamen aber erst in den 70ern so richtig in Mode. Problematisch war für uns Jungs die Sonntagsbekleidung. Sie reichte von Anzügen über die verschiedensten Jacken und Mäntel, bis hin zu nervigen Utensilien wie Krawatten, Fliegen und Hüten. Mädchen trugen fast immer Kleider oder Röcke. Erst gegen Ende der 60er wurden auch wir modebewusster. Markanteste Entwicklung: die Röcke der Mädchen wurden kürzer (Mini) und die Haare der Jungen länger.

Bei Schuhen wurde die Sohle „aufgedoppelt“, wenn die abgelaufen waren. Strümpfe noch geflickt. Ich habe fasziniert zugeschaut, wenn meine Mutter ein Loch im Strumpf mit einem Stopfei ausgebessert hat. Das jemand einen geflickten Strumpf trug, war bei uns ziemlich normal, auch bei einer geflickten Hose hat das nie jemanden gestört.

Haute Couture und Pretaporter-Kleidung

Twiggy 1967 (Foto: Die Welt)

In der Modehauptstadt Paris sorgte der junge und aufstrebende Designer Yves Saint Laurent für Furore, als er neben der Haute Couture die Pretaporter-Kleidung erfand und so auch weniger elitären Kreisen den Zugang zu Designer-Kleidung verschaffte. Anfang der 60er Jahre entwarf die englische Mode-Designerin Mary Quant im Swinging London den ersten Minirock – ein Skandal. Immerhin durfte dieser Rock maximal zehn Zentimeter über dem Knie enden. Bisher lag die korrekte Rocklänge immer einige Zentimeter unterhalb des Knies. Doch diese freche Mode wurde von den Frauen begeistert angenommen. Berühmteste Trägerin dieser Mode war Twiggy, das erste Supermodel der Geschichte. Mit ihrer bubenhaften Frisur und ihrer dünnen, androgynen Figur entsprach sie perfekt dem Schönheitsideal der damaligen Zeit.

Brigitte Bardot (Fot: faz.net)

Ab 1965, mit zunehmender politischer und gesellschaftlicher Rebellion der Jugend, änderte sich auch die Mode schlagartig. Plötzlich gab es quietschbunte Blumen auf Polyester-Kleidern und Männerhemden, Schlaghosen und Batik-Kleider. Der ehemalige Gammellook der Hippies eroberte die Modewelt, allerdings ohne den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund, den ihre Erfinder damit verbanden. Trotzdem sollte dieser Trend Freiheit und Unabhängigkeit signalisieren. Berühmteste Vertreterin dieses „demokratisierten“ Modetrends war Brigitte Bardot, damals die meist fotografierte Frau der Welt.

„Fast Food“ war vollkommen unbekannt

Im Jahre 1959 kostete eine Maß Bier auf dem Münchener Oktoberfest eine Mark und neunzig Pfennig. Gyros, Döner, Falafel und Sushi gab es noch nicht. Stattdessen reine Würstchen- oder Pommes-Buden, die Pommes (mit Mayo oder Ketchup), Brat- oder Currywurst anboten. McDonalds war noch gänzlich unbekannt. Die erste McDonalds Filiale wurde in Deutschland am 4. Dez. 1971 eröffnet (in München, Stadtteil Obergiesing).

Anders war das bei Cola, das gab es zwar, aber schon damals hielten das meine Eltern für äußerst gefährlich, um es Kindern zu geben. Stattdessen gab es das kühle Wasser direkt aus dem Wasserhahn. Sprudelwasser aus der Flasche mit fünf verschiedenen Kohlensäurestufen oder Margarine mit Halbfettstufe, Omega-3-Fettsäuren und Joghurtanteilen hätten wir uns damals nie erträumt. Auf unserem Brot musste es richtige Butter sein und zwar eine richtig dicke Schicht. Dazu gab es Kekse. Übergewichtsprobleme kannten wir damals noch nicht. Generell schien unser gesamtes Immunsystem besser zu sein, denn wenn wir mit unseren Freunden aus einer Flasche tranken, brachte uns das auch nicht um.

In der nächsten Folge:

Poppig, knallig, Flower-Power. Veraltete Strukturen brachen auf und überall sprossen Farben aus dem grauen Staub. Das schwarz-weiß der frühen 60er wurde mit Farbe übertüncht. Ob Mode oder Plattencover, knallige Farben waren in. Die Edgar-Wallace-Krimis in den Kinos wurden jetzt in Farbe gedreht und auch das gewohnte schwarz-weiß-Fernsehen blieb vom Zeitgeist nicht verschont.

Das Jahr 1966

Deutschland war ins Endspiel gekommen und bestritt das Finale gegen England. Das sogenannte Wembley-Tor entschied die dramatischen 90 Minuten in der Verlängerung zugunsten der Engländer, die zum ersten Mal den Weltmeistertitel gewannen.

Das Jahr 1966 in der BRD

Was 1966 sonst noch passierte

In der UdSSR gab es einen Machtwechsel. Leonid Breshnew wurde Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Die Menschen in der Sowjetunion nahmen die neue Führung zunächst mit Zuspruch an. Breshnew, der Unantastbare, stand für politische Stabilität ohne Reformen. Die Welt wurde außerdem Zeuge der beginnenden, vom chinesischen Machthaber Mao Zedong eingeleiteten „Großen Proletarischen Kulturrevolution“, die durch die „Vollstrecker“, die Roten Garden, umgesetzt wurde. Von der Beseitigung staatlicher Missstände war die Rede. Schließlich wurden Massenkampagnen daraus, die auch zur Zerstörung wertvoller Kulturgütern führten.


Hatte noch im Mai der Beluga-Wal im Rhein die Menschen in Atem gehalten und wochenlang die Presseberichte als „Moby Dick“ beschäftigt, so wurden die Nachrichten zum Ende des Jahres angefüllt vom Rücktritt des Bundeskanzlers Ludwig Erhard. Unter dessen Nachfolger, Kurt-Georg Kiesinger, nahm die erste Große Koalition in der BRD, bestehend aus SPD und CDU/CSU, ihre Arbeit auf.

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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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