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Die 70er-Jahre – farbenfroh, individuell und bunt

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Pac-Men zwischen 33 und 45 Umdrehungen

Wer an die 70er-Jahre denkt, hat vielleicht Blumentapeten, Schlaghosen und Disco im Kopf. Das bunte Jahrzehnt hatte aber noch viel mehr zu bieten. Heute beginnt hier eine Reihe, die sich mit den bunten 70er-Jahren beschäftigt. Was das im Einzelnen sein wird, erfahrt ihr thematisch in einzelnen Folgen. Einen kleinen Vorgeschmack über die vielen Themen, die die Menschen in den 70er-Jahren und jetzt mich beschäftigten, gibt hier. Dabei geht es zunächst um das “Hier und da”, um das, was mir bei den Vorbereitungen aufgefallen, durch den Kopf gegangen ist. Weitere Einzelheiten dann in der Vorschau unter diesem Beitrag. nun folgt mir fast 50 Jahre zurück in eine ganz bunte Zeit …..

Das Computerzeitalter nahm erst seinen langsamen Anfang. So gab es für mich noch keinen PC oder gar ein Handy. Musikalisch stand ich auf Rock oder die leisen Songs, die abends auf den Plattenspielern in 33 oder 45 Umdrehungen aufgelegt wurden. Dazu dann eine von diesen neumodischen Teesorten, die einem vorgaugelten im Orient zu sein. Wenn ich dann die Abende mit meiner Freundin in deren knatschenden, unbequemen Korbstühlen verbrachte, gab es dazu den Duft von Räucherstäbchen.

Natürlich gab es in den heimlichen Kellerfeten (wenn meine Eltern nicht da waren) den Eng Tanz und Gitarrenmusik und alternativ zur Fönfrisur (der Mädchen, aber nicht nur) den Afrolook und die Flokati Teppiche ….und Bhagwan (alles in ROT) – und/oder Schlaghosen- oder Badewannen genässte Jeans – und Mütter und Väter – oder Lehrer – , die nichts verstanden (oder solche wie wir, die glaubten, alles zu verstehen).

Als die Nacht zum Tag wurde und der Supermarkt noch früh zu machte

Als Fahrer eines Citroen 2CV (im Volksmund „Ente“ genannt), schraubte ich selbst an meinem Auto herum., schon weil es keine Abgasuntersuchung gab. Die Szene der „Entenfahrer“ tauschte sich aus, wir unternahmen Gemeinschaftsfahrten, meistens nach Frankreich, wo an irgendeiner Ecke angehalten wurde: Vordersitze raus, Lagerfeuer an, Gitarre, Gesang, die selbstgedrehten Gauloises, Bacardi-Cola aus der Flasche und am frühen Morgen ab zum Schlafen in die Ente. 

Das Alltagsleben war ein wenig ruhiger, weil der moderne Stress noch nicht ganz so heftig war, wie heutzutage. Damals wurde auch das Alter der Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Die Anzahl der Single-Wohnungen stieg, ebenso wie die der WG´s, für meine Eltern ein absolutes NoGo.  

Natürlich interessierte ich mich – wie viele andere – für den Widerstand gegen Atomkraftwerke, sang Hannes Wader Lieder, trug Latzhosen und karierte Hemden. Mit Vollbart und Nickelbrille passte ich in die Zeit. Jeans waren angesagt und jeden Freitag und Samstag ging es in die Disco. Dort wurde die Nacht zum Tag gemacht. Morgens um sechs gab es regelmäßig Frühstück in einer Kneipe am Bahnhof, die dann noch auf war. Danach ab ins Bett, aber nur bis kurz vor 13 Uhr, da machten am Samstag nämlich die Supermärkte zu und es gab nur noch an der Tanke ne Brühwurst.

Meinen Schulabschluss machte ich auf der Realschule, an der – wie auch in den Folgejahren – viel mit neuen Lehrformen experimentiert wurde. So durfte ich mich im „neuen“ 10. Schuljahr noch mit der Mengenlehre beschäftigen, was mir bis heute irgendwie nicht geholfen hat. Danach sollte es schulisch irgendwie weiter gehen und so schickten mich meine Eltern erst einmal auf eine private Höhere Handelsschule. Die muss meinen Vater reichlich Schulgeld gekostet haben, denn eine Erhöhung meines Taschengeldes lehnte er kategorisch ab. Dabei konnte ich das gut gebrauchen, denn statt mich um Buchführung und Betriebswirtschaft zu kümmern, traf ich mich während des Unterrichts regelmäßig mit Schulkameraden in der Kneipe gegenüber zum „flippern“. Dazu dann Kaffee und Mettbrötchen und zu Hause wurde dann erzählt, wie schwer der Unterricht doch wieder gewesen sei.

Mehr Farbe durch die Fußball-WM

Im Fernsehen gab es nur 3 Programme: ARD, ZDF sowie jeweils das dritte Programm der einzelnen Rundfunkanstalten. Wer das Glück hatte in einer Stadt oder Gemeinde am Bodensee zu wohnen konnte damals zusätzlich auch das österreichische und Schweizer Fernsehen empfangen. Verschlüsselung von Programmen war unbekannt. Ausserdem gab es damals noch den Sendeschluss um 1 Uhr Mitternacht. Während der sendefreien Zeit sah man nur das Testbild. Für mich war damals das Radio noch viel wichtiger, denn die Hits konnte ich mir auf Schallplatte nicht leisten. Also wurden sie mit dem Cassetten-Recorder mitgeschnitten.

Meine Eltern und später auch ich legten uns einiges an Mediengeräten zu, befördert vor allem durch Farb-TV-Geräte und Hörfunk in Stereoqualität, sondern auch die Anschaffung neuer technischer Geräte. Die größten Umsatzsteigerungen innerhalb aller unterhaltungsindustriellen Sparten hatte zwischen 1975 und 1985 die Phonoindustrie erzielt. Ein Videorecorder war 1985 in 22 Prozent, 1990 in 54 Prozent der Haushalte vorhanden. Ab der Fußball WM 1974 war der Absatz von Farbfernsehern höher als von S/W Geräten.

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Ferngespräche waren damals sauteuer und wurden nach Minuten berechnet, ein Ortsgespräch kostete 23 Pfennige egal wie lang das Gespräch war. Es gab noch keine Flatrates, die Bundespost hatte das Monopol. Wenn ich meine Freundin anrufen wollte, musste ich mir eine Telefonzelle suchen. Wenn ich Glück hatte, war der Telefonhörer sauber und das ausliegende Telefonbuch vollständig.

Terror, Tanken, Trampen – die 70er-Jahre brachten Neues und veränderten vieles

Ein weiteres ernstes Thema in den 70er Jahren waren die RAF und der Deutsche Herbst. Die Angst vor inländischem Terror erreichte 1977 ihren Höhepunkt, und viele Bürger fühlten sich in der Bundesrepublik nicht mehr sicher. Aber natürlich gab es in den 70er Jahren auch weitaus positiver und lustigere Dinge, die das Leben der Menschen bereicherten:

Jede Menge Parkplätze, da jede Familie maximal ein Auto hatte, Skateboarden auf der Straße, Klassenfahrten innerhalb Deutschlands, Raucherreklame an jeder Ecke, ohne Schreckensbilder und Belehrungstexten, Talkshows mit rauchenden und trinkenden Gästen, trampen mit Rucksack durch Griechenland oder Portugal, Zimmerwände wurden braun gestrichen, dazu Poster, indische Miniläden mit Batikkleidung und   Schlaghosen, die zusammen mit Plateauschuhen zu den Aushängeschildern der Disco-Bewegung wurden. 


Und das erwartet euch in den nächsten Folgen:

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Urlaub & Freizeit

Pauschalreisen boomen. Der Preiskampf der Giganten TUI und Neckermann macht den Urlaub billig. Spanien, Griechenland und Italien stehen hoch im Kurs. Die Kehrseite der Medaille: hässliche Bettenburgen, verdreckte Strände. Aber schön war es allemal, denn kaum einer achtete darauf, wenn wir unseren Müll nicht wegräumten. Was nicht nur wir vergaßen. 

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Mode & Frisuren

Die Mode wird bunt und vielfältig. Röcke gibt es in Mini, Midi und Maxi. Der Aufreger sind Hotpants, “heiße Höschen”, die kaum den Po verdecken. Plateausohlen, Hippie-, Batik- und Disco-Look sind angesagt. Hosen gibt es in allen Variationen: Schlag-, Pump-, Kosaken- und knöchellange Röhrenhosen. Breite Gürtel, Rollis, und große Sonnenbrillen sind chic.  

Humor & Komik

Der Humor war vor 50 Jahren vollkommen anders, Vico von Bülow macht als Loriot den feinen Humor salonfähig. Dieter Hallervorden war mehr für die Komik zuständig.

Essen & trinken

Fast Food erobert Deutschland! Am 4. Dezember 1971 eröffnet die Burger-Kette “McDonald’s” in München ihre erste deutsche Filiale. Pizza und Spaghetti werden Alternativen zur Hausmannskost. Auch Crêpes Suzette, Krabbencocktail, gefüllte Paprikaschoten und Cordon bleu finden immer mehr Anhänger. In der Küche ist Schlauchmilch der letzte Schrei. Kinder kauen den Schoko-Karamell-Riegel “Drei Musketiers”, lutschen “Dolomiti”-Eis und trinken “Kaba”, “Sunkist” und “Florida Boy Orange”.  

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Kinder & Schule

Kinder lieben “Matchbox”, “Monchhichi”, “Slime”, “Big Jim”, “Barbie”, “Playmobil”, “Vier gewinnt” und “Revell”. Erwachsene spielen “Reversi” und “Go + Gobang”. “.  In der Schule gab es Nachsitzen, in schweren Fällen noch das „In der Ecke stehen“. Furchtbar fand ich dieses Springen über den Bock, das brachte mir so manchen blauen Fleck ein.

Wohnen & Leben

Größer und bunter ist das Motto für Möbel und Wände. Im Wohnzimmer verströmt der Flokati einen Hauch Exotik. Lavalampen sind der letzte Schrei. Wohnwand, Polstergarnitur und Schaumstoffsessel sind angesagt. In den Bädern dominieren sattes Grün, Orange, Rosa und Blau. Auf den Küchenfliesen kleben Pril-Blumen, Jungs wollen das Bonanzarad. Erwachsene entdecken Klappräder für sich.  

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Fernsehen & Radio

Die Zeit der Farbfernseher bricht an. Mit knapp 1800 Mark sind sie noch dreimal so teuer wie Schwarz-Weiß-Geräte. Der Nachwuchs hockt mit Kassettenrekorder vor dem Radio, nimmt “The Sweet”, “Boney M.” und “Queen” auf. Radioshows mit Willem oder Mel Sandock beeinflußen die Hit-Platzierungen.

Deutsche & englische Musik

Goldene Schlagerjahre: Christian Anders (71) fährt im “Zug nach Nirgendwo” (1972). “Griechischer Wein” hat es Udo Jürgens († 2014) angetan (1974). Marianne Rosenberg (61) fleht “Er gehört zu mir” (1975). Juliane Werding (59) weint “Am Tag als Conny Kramer starb” (1972). Peter Maffay (66) startet mit “Du” (1970) durch.

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Musik, Kino & Film

1974 singen alle “Waterloo”, der Siegertitel beim Grand Prix Eurovision macht das schwedische Quartett “ABBA” (unten) über Nacht berühmt.

Im Kino bringt John Travolta uns mit “Saturday Night Fever” die Disco-Musik und -Kugel. Bud Spencer und Terence Hill prügeln und kalauern sich an die Kino-Spitze. Und “Schulmädchen-Report” gaukelt Aufklärung vor. Die britische Comedy-Gruppe Monty Python kennt so gut wie jeder, auch heute noch. Die Verfilmung der Arthus Saga auf satirische Weise genießt absoluten Kult-Status! Ganz anders die Filme mit Bud Spencer und Terence Hill, die haben Klassiker Potenzial!

Sport & Gesellschaft

Friedensnobelpreis für Willy Brandt. Die Ölkrise bringt autofreie Sonntage. Atomkraft-Gegner formieren sich. Hippies und Bhagwan-Anhänger suchen den Sinn des Lebens. Deutschland wird  Fußballeuropa- und Weltmeister. Ulrike Meyfarth holt sensationell Hochsprung-Gold in München.

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Politik & Terror

Die RAF-Terroristen treiben das Land in den Ausnahmezustand (Schleyer-Ermordung, „Landshut“-Entführung). Terroristen überfallen das olympische Dorf. 17 Menschen sterben.

Autos & Computer

1974 rollt der erste VW Golf vom Band. Japaner erobern den deutschen Automarkt. In Schulen hält der Taschenrechner Einzug, Computer arbeiten mit Lochkarten und Magnetbändern. Das Spiel „PacMen“ läuft auch über den heimischen Fernseher.

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Werbung & Prominenz

Viele der bunten und fröhlichen Spots sind heute vielen noch im Gedächtnis und immer noch abrufbar: Der Colgate-Test: „Mami, Mami, er hat überhaupt nicht gebohrt“, verhieß Gutes für die Zahnpasta. „Das weiß man, was man hat“ versicherte einem der Persilmann glaubwürdig wie ein Tagesschausprecher.  

Serien & Shows

Shows, Krimis, Serien – ARD und ZDF geben richtig Gas: Am 29. November 1970 hat der “Tatort” mit “Taxi nach Leipzig” Premiere. 1971 zieht das DDR-Fernsehen mit “Polizeiruf 110” nach. Es folgen unzählige deutsche und amerikanische Krimi-Serien. Die 70er sind auch die Zeit der großen Shows: Von Peter Frankenfeld, Robert Lemke, Wim Thoelke über Hans Rosenthal bis hin zu Rudi Carrell

Und auch das waren die 70er: Abenteuer im All auf dem “Raumschiff Enterprise” (1972) mit Mr. Spock und Captain Kirk. 1973 wird Ingrid Steeger in der frivolen Sketch-Reihe “Klimbim” zur Ulknudel der Nation. Kinder freuen sich über “Wickie und die starken Männer”, “Die Biene Maja” und “Heidi”  

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Es gibt viel zu berichten in Wort, Bild, Ton und Film. Bedanken möchte ich mich bei allen privaten und dienstlichen Zuträgern und Archiven (auch die, die ich vergessen haben sollte!), in denen ich wühlen durfte und deren Material ich für diese Reihe verwenden darf. Teilweise handelt es sich um „verschollenes“ oder nicht veröffentlichtes Material. Wer selbst forschen möchte oder noch mehr wissen will, dem empfehle ich den Link am Ende des jeweiligen Beitrages dieser Reihe. Nach Anklicken geht eine Datei auf, in der ich die einzelnen Quellenangaben (Achtung! Vereinzelt Lizenzrechte) angebe.

In der nächsten Folge geht es um Mode, denn „Je bunter und greller, desto besser“. Es gab neben allem, was gefällt, drei große Trends: den Military-Look, dessen Markenzeichen der Parka war, die Punk-Bewegung und Ende der 70er Jahre der Disco-Look. Und ich verrate euch, was alles im Jahr 1970 so los war.


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