Die bunten 70er-Jahre: Weihnachten zwischen Wachskerzen, Zwiebelsuppe und Bilofix

Am Hl. Abend entwickelten meine Eltern eine emsige Tätigkeit im Wohnzimmer. Nachdem mein Vater bereits am Vortag den Weihnachtsbaum aufgestellt und – mit echten Wachskerzen – geschmückt hatte, gelangten nun unzählige Pakete in den Raum. Mein Bruder und ich mussten in ihren Zimmern bleiben und wenn wir doch einmal etwas sahen – weil wir ja auch mal zum Klo mussten – dann war es unter weißen Laken zugedeckt. Auf welchem der Tische standen wohl meine Geschenke und warum lagen die Laken unterschiedlich hoch?

Gegen Mittag trafen unsere Großeltern ein. Vor der Bescherung lag der Gang in die Kirche, von der Messe bekam ich aber vor lauter Aufregung wenig mit. Nachdem wir zu Hause ankamen, verschwand unser Vater im Wohnzimmer, um die Kerzen am Baum anzuzünden. Dann – endlich – betätigte er die Weihnachtsglocke Die Erlösung. Endlich war das Christkind da. Ich bin dann immer so schnell runtergelaufen, um es noch zu erwischen. Aber nur um ihm zu sagen: „Komm nächstes Jahr bitte früher!“ – Aber eigentümlicherweise war es immer schon weg und hat mir nur durch meinen Vater Grüße ausrichten lassen.

Apropos Geschenke. Eigentlich, dass einzige woran man erkennen konnte, dass wieder ein Jahr vergangen war, dass sich doch etwas veränderte. Ich meine, wer möchte mit 16 schon noch ein Schaukelpferd bekommen oder einen Fünferpack Feinripp-Unterhosen von C&A. Na gut, die würde ich heute noch bekommen, wenn meine Oma noch leben würde. So viel zur guten alten Zeit. Ich musste in meiner Kindheit Heiligabend erstmal ein einstündiges Blockflötenkonzert geben und anschließend noch drei Gedichte aufsagen

Weihnachtsgeschenke waren echte Überraschungen. Die wurden bei uns im Keller versteckt. Und das waren noch Keller, in denen keine Partys gefeiert wurden, sondern Briketts lagerten und der schwarze Mann wohnte. Und dieser Schwarze war kein Austauschstudent mit Migrationshintergrund. Aber es ist ihm im Keller sicher gut gegangen. Denn zu seinen Kellergenossen gehörten circa 400 von meiner Oma eingeweckte Gläser Schnittbohnen, palettenweise Erbsendosen und Libbys Dosenpfirsiche. Ja, wenn der 3. Weltkrieg gekommen wäre, wären wir nicht verhungert – uns wären nur die Zähne ausgefallen wegen Vitaminmangel.

Der Weihnachtsdreiteiler in den 70ern wurde Dauergast – Die “Sissi”-Filme. Der “Seewolf” mit Raimund Harmstorf

Weihnachten wurde geschlemmt: Vorweg Zwiebelsuppe – Die Tomate Mozzarella der 70er. Als Hauptgang Pfeffersteak und als krönender Abschluss: Eis mit heißen Himbeeren. Besonders hip: Möglichst alles flambiert. Wenn sich Vati mit Grand Marnier angezündet hatte, war das Erlebnisgastronomie der ersten Stunde.

Lametta und lange Haare – Weihnachten in den 70ern

Dazu diese erlesenen Weine, die damals kredenzt wurden. Bevorzugt Mosel oder Rheinhessen. Den konnten sie im Tiefkühlfach vergessen, der ist nicht gefroren. Ja, gegen diese Tröpfchen hatte selbst Baileys noch eine herb frische Note. Lieblich nannte man das damals. Gut damals war Russenei ja noch ein leichter Zwischengang. Und am 2. Weihnachtstag ging man essen. Man konnte sich schließlich was leisten. Damals entweder chinesisch oder jugoslawisch. Chop Suey und Frühlingsrolle oder Cevapcici und Lustiger Bosnier. Oder der legendäre Husarenspieß für die ganze Familie. Auf der Schulter serviert und am Tisch flambiert.

Christmas-Songs in den 70ern: Wie “Slade” zum Weihnachtsstrumpf kam

In den 70er-Jahren begann die Zeit der Plastikgeschenke von Herstellern wie Mattel – nämlich das Barbie-Puppen-Sortiment und damals noch, als Pendent für Jungs, Big Jim und seine abenteuerlustigen Freunde. Oder Bau- und Konstruktionsspielzeuge von Herstellern wie Lego, Bilofix, Märklin, Plasticant, Eduplay und vor allem Fischertechnik war hoch im Kurs

Als kindgerecht stellte man sich in den 70ern die Wirklichkeit übrigens gewaltfrei vor. „Kein Krieg im Kinderzimmer“ war über lange Zeit eine entschiedene pädagogische Parole, die sich allerdings weitgehend auf Militärspielzeuge beschränkte: Dass im Maßstab 1:87 die Panzer von der Firma Rocco durchs Kinderzimmer rollten, wurde nicht gerne gesehen; sich indes mit Gummi-Tomahawk und Platzpatronen-Revolver, gegenseitig im Cowboy-und-Indianer-Spiel umzubringen oder als Ritter mit Holz- und Plastikschwertern, aufeinander loszugehen, galt irgendwie als realitätsgerechter und wurde toleriert.

Und ab Januar 2022 gibt es eine neue Reihe bei “Stresemanns Ganz normal”:







Die Geschichte des Radios

Das Radio hat die Welt verändert. Es war in den 1920er-Jahren das erste elektronische Massenmedium. Es diente dazu, die breite Bevölkerung schnell über das Weltgeschehen zu informieren, sie zu unterhalten – aber es wurde auch als Propagandainstrument missbraucht.

Unsere neue Reihe „Die Geschichte des Radios“ erzählt ab Januar 2022 bis zum Jubiläum „100 Jahre Radio“ am 28. Oktober 2023 in unzähligen Ausschnitten, Interviews und  Originalaufnahmen über die Anfänge des Rundfunks und die Meilensteine in der technischen Entwicklung. Im Kontext historischer Ereignisse wird deutlich, welche Bedeutung dem Rundfunk im 20. Jahrhundert zukam.