Die Geschichte des Radios (4): Vom Saalfunk und einer Notlösung

Die Geschichte des Radios

Folge 4: 1923 – 1926

Vom Saalfunk und einer Notlösung

„Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tag der Unterhaltungs-Rundfunk-Dienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos – telefonischem Wege beginnt.“

„Die Benutzung ist genehmigungspflichtig. Hören Sie ein Eröffnungskonzert, ein Cello-Solo mit Klavierbegleitung. Andantio von Kreisler, gespielt von Herrn Kapellmeister Otto Urack und Fritz Goldschmidt…“. Mit diesen Worten des Senders „Funk-Stunde AG Berlin“ startete am 29.10.1923 um 20 Uhr die erste Rundfunkübertragung in Deutschland

Es ist eine Revolution, denn Information und Unterhaltung, Musik und Geräusch können direkt übertragen werden. Konzipiert ist das Programm für den „Saalfunk“, es sollte also in Kino- oder andere Versammlungssäle übertragen werden. Gesendet wurde an diesem Tag eine Musikübertragung – ein Foxtrott, der live ins Mikrofon gespielt wurde. An einzelne private Radiohörer haben die Macher nicht gedacht. Erst zwei Tage nach dem Sendestart erhält der Berliner Wilhelm Kollhoff als erster die Genehmigung zum privaten Rundfunkempfang.


Antenne aus alten U-Boot-Sendern

Betrieben wird der Sender auf dem Vox-Haus von der Reichspost und der Vox Schallplattenfirma. Der Sender auf dem Dach des Hauses hat eine Leistung von 0,25 kW, verwendet werden Teile aus alten U-Boot-Sendern. Eine 30 Meter lange Reusenantenne ist zwischen zwei hohen Masten auf dem Vox-Haus und dem Hotel Esplanade aufgespannt.


Langwellensender Königswusterhausen

In den folgenden Monaten dehnten die Sendegesellschaften ihr Angebot aus und orientierten sich in dieser Zeit aber noch am öffentlichen Veranstaltungswesen, was Inhalt und Form des Programms sowie die Uhrzeiten anging. Sie übertrugen zu den jeweils sonst üblichen Tageszeiten Konzerte und andere Musikaufführungen, am frühen Abend allgemeinbildende Vorträge, ab etwa 20 Uhr Konzerte, Theateraufführungen und gelegentlich auch Unterhaltungs-programme; sonntagvormittags gab es literarischmusikalische Matineen und vor Mitternacht Tanzmusik. Trotz der Absicht, dass das neue Medium ein »Unterhaltungsrundfunk« sei, geriet dieses Konzept in Konflikt mit den Erwartungen der rasant zunehmenden Hörerschaft:  


Hans Bredows Bilanz nach dem ersten Rundfunkjahr 1924 !

Rasanter Anstieg von Rundfunkhörern und Rundfunkgesellschaften

Am 1. Januar 1924 waren es in Deutschland 1580 zahlende Rundfunkteilnehmer. Neben der Musik stand schon in den ersten Jahren des Rundfunks die Übertragung von Sportereignissen auf dem Programm. Funk-Stunde-Reporter Alfred Braun berichtete 1930 live aus dem Berliner Stadion vom „Länderkampf“ Deutschland gegen England – gemeint war ein Fußballspiel.

Zwischen 1923 und 1924 entstanden neun Rundfunk-Gesellschaften:

  • 29. Oktober 1923 – Berlin – Funk-Stunde AG
  • 2. März 1924 – Leipzig – Mitteldeutsche Rundfunk AG (MIRAG)
  • 30. März 1924 – München – Deutsche Stunde in Bayern GmbH
  • 1. April 1924 – Frankfurt am Main – Südwestdeutsche Rundfunkdienst AG (SWR)
  • 2. Mai 1924 – Hamburg – Nordische Rundfunk AG (NORAG)
  • 11. Mai 1924 – Stuttgart – Süddeutsche Rundfunk AG (SÜRAG)
  • 26. Mai 1924 – Breslau (heute: Wroclaw, Polen) – Schlesische Funkstunde AG
  • 14. Juni 1924 – Königsberg (heute: Kaliningrad, Russland) – Ostmarken-Rundfunk AG (ORAG)
  • 10. Oktober 1924 – Münster (später nach Köln umgezogen) – Westdeutsche Funkstunde AG (WEFAG)
Blutwurst und schöne Betten – Rundfunk-Werbespots in den 20er-Jahren

Münsters Rundfunksender war eigentlich eine Notlösung

Im Oktober 1924 hatte die Westdeutsche Funkstunde AG in Münster ihren Betrieb aufgenommen und sendete fortan auf der Mittelwelle-Frequenz 410. Das Rheinland und das Ruhrgebiet waren als Folge des Ersten Weltkrieges von alliierten Truppen besetzt, der Betrieb von Rundfunkanlagen war dort verboten. So fand der Sender seinen Sitz im nahen gelegenen Münster.

Um legal Radio zu hören, musste man sich bei der Post als technischer Dienstleister registrieren lassen und erhielt eine „Genehmigung zur Errichtung und zum Betrieb einer Funkempfangsanlage zum Privatgebrauch“.

Zum Abschluss des Programms wird stets die Nationalhymne von der Schallplatte abgespielt. Ein halbes Jahr nach der ersten Sendung lauschen bereits 100 000 Hörer*innen. 1924 erfolgt die Umbenennung in »Funk-Stunde AG Berlin«.

Nach dem Programm lautete die Absage: „Wir wünschen Ihnen eine gute Nacht. Vergessen Sie bitte nicht, die Antenne zu erden.“

In der nächsten Folge:

1926 – 1933 :

Heimliche Radiobastler fürchteten entdeckt zu werden. Mit den „Sendespielen“ wurden die heutigen Hörspiele erfunden. Kuriose Panne bei der ersten Übertragung eines Fußballspieles.