Die Geschichte des Radios (1): Vom Funken zum Rund-Funken

Die Geschichte des Radios

Folge 1: 1877 – 1918

Vom Funken zum Rund-Funken

Thomas Alva Edison führt im Jahr 1877 das erste Mal seine „Sprechmaschine“ vor, die er „Phonograph“ nennt. Vielleicht war es auch ein paar Tage früher oder später, da ist sich die Geschichtsschreibung nicht sicher. Fest steht, dass er am 24. Dezember 1877 die Patentanmeldung einreichte.

Der Phonograph ist eine Art Diktiergerät. Ein Schalltrichter nimmt das akustische Signal auf, er endet in einer kleinen Nadel. Diese berührt einen Zylinder, der mit Zinn überzogen ist und sich dreht. Wenn man in den Schalltrichter spricht, gerät die Nadel im Takt des Schalls ins Schwingungen und fräst eine Rille ins Wachs. Wenn man nun die Nadel an den Anfang der Rille setzt und der Zylinder sich dreht, erklingt der „aufgezeichnete“ Schall wieder aus dem Trichter. Die erste Aufnahme ist der Vers „Mary had a little lamb“.

Zur Wahrheit gehört auch, dass bereits frühere Erfinder Maschinen für Schallaufnahmen konzipierten. Da ist zum Beispiel die Sprachmaschine „Euphonia“ des Freiburger Mathematikers Joseph Faber. Schon 1840 stellt er die Erfindung vor, bleibt aber erfolglos. Auch der Franzose Charles Cros konstruiert ein Gerät namens „Paléophons“.


Als die Menschen begannen, mit Elektrizität zu experimentieren, bestand einer der ersten Versuche darin, Nachrichten zu übermitteln: erst mit Draht, bald ohne. Voraussetzung für die drahtlose Telegrafie war die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen durch Heinrich Hertz in den Jahren 1887 und 1888. Der französische Erfinder Édouard Branly verwendet am 24. November 1890 zum ersten Mal das Wort „Radio“ – er beschreibt einen „radioconductor“.


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Einer der wichtigsten Tage für die Entwicklung des Radios – denn zwei besondere Ereignisse fallen auf dieses Datum: 1896 findet die erste öffentliche Vorführung drahtloser Signalübertragung statt. Das Event in der Toynbee Hall in London hat Guglielmo Marconi initiiert. Diese Funk-Übertragung ist der nächste technische Schritt nach der Erfindung des Telefons, also der drahtgebundenen Signalübertragung von Schallwellen.


ANWERBUNGSPLAKAT-FERNSPRECHER-SIGNALISTEN-FUNKER-1918-19
ANWERBUNGSPLAKAT-FERNSPRECHER-SIGNALISTEN-FUNKER-1918-19

Der Italiener Guglielmo Marconi kann bereits im Jahr darauf eine drahtlose Verbindung über den Kanal zwischen England und Frankreich herstellen und 1901 zwischen England und Neufundland – auf den Tag genau fünf Jahre nach der Londoner Vorführung, am 12. Dezember 1901. Marconi entdeckt, dass sich elektromagnetische Wellen nicht einfach in den Weltraum verflüchtigen, sondern der Erdkrümmung folgen. Zunächst glaubte man, dass sich Funkwellen ähnlich wie Licht ausbreiten. Erst später kam man darauf, dass sie sich geradlinig ausbreiten und über eine Luftschicht in der Atmosphäre zur Erde reflektiert werden. Marconi gelingt es, den Buchstaben „S“ (drei Punkte) zu übertragen. Von Poldhu in Cornwall aus wird von 70 Meter hohen Antennenmasten ausgesendet. Empfangen wird das Signal in Glace Bay, Neufundland mittels einer an einem Drachen befestigten, 100 Meter langen Antenne. Eine Entfernung von 3400 Kilometern ist überbrückt.

Diese Nachricht rettet Leben: Am 03. November 1906 wird der Internationale Funkentelegraphen-Vertrag unterzeichnet, einen Monat lang hat die Zweite internationale Funkkonferenz in Berlin beraten. Darin enthalten: Die Vereinbarung über ein international einheitliches Seenotzeichen, nämlich SOS. Das Morsezeichen drei kurz, drei lang, drei kurz soll unmissverständlich sein und Funkwachen in aller Welt über ein Schiff in Seenot alarmieren.

Ehe der Seefunk aber zum Standard werden konnte, mussten auf drei Seefunkkonferenzen Regeln und Codes wie das berühmte SOS-Zeichen festgelegt werden. Als die «Titanic» im April 1912 unterging, konnten dank Marconis Funktechnik viele Überlebende von anderen Schiffen gerettet werden. Damit erhielt diese Technik einen mächtigen Schub. Aber die Schiffsfunker und Seefunkstationen tauschten immer noch Morsezeichen. Für das Senden und für den Empfang von Tonsignalen, von Musik und Sprache, mussten noch weitere Bauteile erfunden werden, wie Lichtbogensender, Detektoren und Verstärkerröhren. Dann erst griffen die Kriegsherren zu und schickten ihre Truppen drahtlos in die Schlachten.

Zugleich sorgten sie dafür, dass während des Ersten Weltkrieges in Europa und den USA die Lizenzen für Funkingenieure und andere Erfinder eingezogen wurden. Immerhin konnte Lee de Forest 1916 in den USA die Stimme Enrico Carusos über einen eigenen Sender in den Äther gehen lassen, nachdem bereits 1901 der kanadische Funkpionier Reginald A. Fessenden die angeblich erste drahtlose Musik- und Sprachübertragung gefunkt hatte: Nach eigener Angabe rezitierte er aus der Bibel und spielte Weihnachtslieder auf der Geige.

Wäre der Erste Weltkrieg nicht dazwischengekommen, wäre die Entwicklung vielleicht schneller gegangen – so nahm sie erst nach 1918 Fahrt auf, in den Niederlanden, in den USA, schließlich auch in Deutschland:

In der nächsten Folge:

1918 – 1920 :

Über Ätherwellen, Senderlizenzen und der ersten Radio-Übertragung