Stresemanns Ganz normal

Die Geschichte des Radios (13): Die vier fröhlichen Wellen verändern die Radio-Welt

Die Geschichte des Radios

Folge 13: Die Jahre 1958 – 1990

Die vier fröhlichen Wellen verändern die Radio-Welt

Einen Sender gab es in Deutschland, der die Geschichte des Radios entscheidend geprägt hat. In den späten 50er bis 80er Jahren wurden die RTL-Studios in der Villa Louvigny im Luxemburger Stadtpark zum Mekka deutscher Radiohörer. Die Stars gingen dort ein und aus. Generationen von Moderatoren wurden durch die „Vier Fröhlichen Wellen“ geprägt, die im Oktober 1990 von einem formatierten RTL RADIO nach US-Vorbild abgelöst wurden.

Radio Luxemburg startete am 15. März 1933 als erster Privatsender Europas und hatte ein französichsprachiges Programm. Das deutschsprachige Programm startete am 15. Juli 1957. Weil in Deutschland und anderen europäischen Ländern kommerzielles, also werbefinanziertes Radio, verboten war, sendete man weiterhin nur aus Luxemburg. Am 6. April 1958 startete Camillo Felgen erstmals eine Hitparade in deutscher Sprache. “The Voice” lässt mit seiner dunklen sexy-Stimme nicht nur Frauenherzen höherschlagen, sondern ganz Europa hört ihm zu. Mit einem kleinen Team, Improvisationskunst, unkomplizierter Höreransprache und bescheidenen Mitteln gelingt es ein Millionenpublikum zu gewinnen.

Villa Louvigny im Luxemburger Stadtpark

Camillo Felgen

Nach der Premiere kommen 4.000 Zuschriften, bald sind es 60.000 und mehr. Die “Hitmaker” entwickeln sich in Sachen Musik zum Trendsetter. Sechs Monate später hebt Camillo das Wunschkonzert aus der Taufe.

1959 werden erstmals die Löwen (eine 2,5 Kilogramm schwere Trophäe in Gold, Silber und Bronze) von Radio Luxemburg vergeben. Die stets ausverkauften Galas entwickeln sich in den kommenden Jahren zum erfolgreichsten Radio-Spektakel der Welt. Der Gradmesser für die Vergabe der Löwen sind die Verkaufszahlen und die Hitparaden. Wer dort besonders häufig gewünscht wird und an den obersten Plätzen liegt, hat Chancen auf die Auszeichnung von Radio Luxemburg. Deutsche Songs bleiben bis zu Beginn der 70er Jahre die Nummer eins auf dem Wunschzettel der Hörer. Erst später nimmt der Trend zu englischsprachigen Titeln zu

RTL – erste Hitparade am 06.04.1958 mit Camillo Felgen

Ein Team mischt die Radio-Welt auf

Der Sender der leichten Muse, der eine Brücke schlägt – von Ohr zu Ohr, von Herz zu Herz – bekommt 1963 Sprecher-Zuwachs. Die Sprecher identifizieren sich mit ihrem Programm, stellen die Musik selbst zusammen, versetzen die Zuhörer mit ihrem individuellen Geplauder in sentimentale Schwingungen und geben viele kleine Impulse, die Radio liebenswert machen. Alles wirkt authentisch, Versprecher und Stottern inbegriffen. Ihre Fans pilgern scharenweise nach Luxemburg und stürmen das Funkhaus, um ihren “Radio-Idolen” zum Anfassen nah zu sein. Anfangs dürfen sie einen Blick in das sagenumwobene Studio 4 werfen, schauen wie eine Sendung gefahren wird. Die auf alles gefassten Stars vorm Mikro bauen den Besuch der “Autogrammjäger” publikumswirksam ins Programm ein.

Im Sommer 1963 startet die erste Autofahrersendung. Gleich darauf erfindet Camillo Felgen die “fröhlichen Wellen” von Radio Luxemburg. Seine Sendungen macht er allesamt zu Hörfunk-Favoriten und verhilft damit seinem Sender zu enormer Beliebtheit. Camillo und seine Moderatoren-Truppe haben das “Wir-Miteinander-Gefühl” zwischen RTL und seinen Hörern gepflegt und weiterentwickelt. Die Hörer des Gute-Laune-Senders erfahren 1964 von den Träumen eines jungen Mannes mit dem Künstlernamen Frank.

Frank Elstner, jung, dynamisch und voller Tatendrang bringt frischen Wind ins Luxemburger Funkhaus. Aus seiner Ideen-Schublade entspringen so erfolgreiche Sendungen wie »Hier Frank – wer da?«, »Der fröhliche Wecker«, »Die Funkkantine«, »Die Starparade« und vieles mehr. Als Camillo 1968 geht, übernimmt Frank »Die großen Acht« und die »Hitparade«. Seine steile Karriere – vom beliebtesten Sprecher bis zum Chefsprecher und zum Programmdirektor – verläuft einmalig in der Geschichte des Rundfunks. Und sein ausgeprägtes Gespür für die Entdeckung sprachbegabter Nachwuchs-Talente trägt entscheidend zu Popularität des RTL Hörfunks bei.

Frank Elstner

Während seiner Zeit als Programmdirektor hat sich RTL vom reinen Schmuse- und Musiksender zum Unterhaltungssender mit ausgeprägtem Informationsanspruch gewandelt. Gegen zahlreiche rundfunk- und parteipolitische Widerstände hat er – gemeinsam mit dem damaligen NRW-Innenminister Willy Weyer – den Verkehrsfunk mit Aufofahrerinfos durchgepaukt. Die deutschen Rundfunkanstalten zogen flugs nach. Unter Frank Elstner wurde Radio Luxemburg zum Trendsetter der inzwischen viel kopierten Präsentation von Musik, Unterhaltung und Information.

Frank Elstner moderiert am 30.04.1972 die RTL-Hitparade

“Happy Luxemburg”

Nach zehn Jahren kreiert der Bandleader James Last 1967 als Geburtstagsgeschenk eine neue Erkennungsmelodie für die Fröhlichen Wellen: »Happy Luxemburg«. Er hat sie im Auftrag der deutschen Programmabteilung extra für den Sender komponiert.

RTL – Neue Erkennungsmelodie

Im Mai 1973 wird Jochen Pützenbacher Chefsprecher und ab 1976 Unterhaltungschef beim RTL Hörfunk. Im gleichen Jahr startet er mit dem »12 Uhr mittags«-Dauerbrenner, der Anfang 1981 in »12 Uhr Mittagspause« umformatiert wird. Dann tingelt er mit der Mittagsrevue »Radiozirkus« durch die Lande. Weitere Sendungen sind »Blaue Stunde« und die beliebte Reiseshow »Ein Tag wie kein anderer«. Die Mischung, die seinen Erfolg ausmacht: “Man muss sehr, sehr aufmerksam zuhören, was der andere sagt, um es dann schnell zu verarbeiten. Routine führt zur Phrase, Training dagegen, der Umgang mit Menschen, ist unerlässlich.”.

Jochen Pützenbacher

Ein Knaller zur Mittagsstunde

»12 Uhr Mittags« – das legendäre Mittagsmagazin des RTL-Hörfunks – geht am 5. Januar 1976 zum ersten Mal auf Sendung und löst nach zehn Jahren die »Funkkantine« ab. »12 Uhr mittags« – moderiert von Jochen Pützenbacher – ist der Höhepunkt im RTL-Programm und wird zum Quoten-Knaller, der zwei Stunden lang die Hörer im gesamten Sendegebiet ans Radio fesselt. Sie läuft jeden Werktag von 12.00 bis 14.00 Uhr. Das sind 120 Minuten Spiele, Information und Musik live aus dem Studio 4 in der Villy Louvigny in Luxemburg und täglich von einem Außenübertragungsort in Deutschland. Für viele Hörer wird »12 Uhr Mittags« mit seinen attraktiven Geldpreisen der Weg zum Glück. Dazu kommen noch Sachpreise von der Schallplatte bis zum Fahrrad. Täglich schalten rund 3,5 Millionen Menschen die Sendung ein, gut eine halbe Million erlebt sie direkt an den Außenübertragungsorten mit.

RTL – “12 Uhr mittags”, eine Ausgabe von 1976

RTL macht Informationen schneller

Mit einem “Flash”-Jingle werden laufende Sendungen für wichtige Meldungen unterbrochen. Das Flash-System macht Radio Luxemburg zu einem der schnellsten Informations-Medium Europas. Mit den Redakteuren diskutieren die Moderatoren der Serien-Programme auf der morgendlichen Redaktionskonferenz die eingelaufenen Aktualitäten. Leitsatz von Programmchef Frank Elstner: “Auch gute Nachrichten sind Nachrichten.” Warum die Hörer nur mit den Schreckensmeldungen aus aller Welt verwirren? Auch ein Lächeln kann eine gute Nachricht sein.

RTL-Jingles

Start von “Guten Morgen Deutschland”

Die Frühsendung »Guten Morgen, Deutschland« hat am 1. März 1983 Premiere.  GuMoDeu entwickelt sich zu einem Markenzeichen in der deutschen Hörfunklandschaft, das bei vielen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern als Vorbild gilt für Wagemut, Einfallsreichtum und Kreativität. Das Magazin will nicht belehren, sondern aufklären, nicht beeinflussen, statt dessen deutlich machen. Zu den vier Live-Gesprächen, die täglich (montags bis samstags) geführt werden, gibt es etwa acht Korrespondentenberichte aus aller Welt. Nachrichten kommen alle halbe Stunde, der Beginn der Sendung wird mit einem moderierten Nachrichtenüberblick eröffnet. Ebenfalls Bestandteil der Morgensendung sind Gags, gespielte Sketche und Mini-Hörspiele.

RTL-Radio-Briefkasten mit Helga Guitton und Jochen Pützenbacher

Ende der 80er-Jahre war es vorbei

Am 2. Mai 1988 wurde RTL-Radio Luxemburg erst zu RTL Hörfunk und schließlich am 1. Oktober 1990 unter Programmleiter Arno Müller neu gestartet, nach Vorbild der amerikanischen Hitradios auf die 25- bis 45-Jährigen fokussiert und in RTL Radio umbenannt. Zu den Gründen der Reform nannte Müller die schlechte Vermarktbarkeit des bisherigen, schlagerlastigen Programms. Gleichzeitig wurde die gesamte Moderation verjüngt.

In Spitzenzeiten hatte Radio Luxemburg täglich mehr als 21 Millionen Hörer, hauptsächlich in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Mit dem „weißen Wagen“ von RTL-Radio Luxemburg war man jeden Monat mit Promotion-Gewinnspielen bei Einkaufszentren, Verbrauchermärkten und Supermärkten live vor Ort. Allerdings konnte Radio Luxemburg selbst diese Hörer großenteils nur über Mittel- und Kurzwelle erreichen, was ab den 70er-Jahren wegen der geringen Empfangs- und Tonqualität gegenüber dem immer beliebteren UKW nicht mehr genügte. Als die öffentlich-rechtlichen Sender sich mit Autofahrer-Servicewellen programmlich Radio Luxemburg annäherten und so bereits das spätere duale Rundfunksystem einläuteten, wurden sie beim Hörer zur interessanteren Alternative. Zudem hatten die ARD-Sender mehrere Hörfunk-Senderketten, während Luxemburg wie in den alten Mittelwellen-Tagen der ARD-Sender alle Hörer, ob Hausfrau oder Jugendliche, über nur einen Kanal erreichen musste.

40 Jahre RTL – diverse Sendungsausschnitte

Eine ausführliche Geschichte über den Sender RTL gibt es auf der Seite des Radio-Journals des Verlages Anita Pospieschil, aus der wir hier ausschnittweise einige Absätze übernommen haben. Vielen Dank.   


In der nächsten Folge:

Das andere Radio startete in den 70ern

Nach anfänglichen Diskussionen hatten die Ministerpräsidenten der Länder keine Einwände. So startete Anfang der 70er-Jahre ein anderes Radio! Fast unbemerkt, weil es nur einen bestimmten Hörerkreis haben durfte: Das Patienten-Radio.

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