Stresemanns Ganz normal

Die Geschichte des Radios (6): Säuberung des Rundfunks durch Volksaufklärung und Propaganda

Die Geschichte des Radios

Säuberung des Rundfunks durch Volksaufklärung und Propaganda

Folge 6: 1933 + 1934

Als am 30. Mai 1932 die Regierung Brüning zurücktritt und Franz von Papen mit der Bildung einer Regierung der nationalen Konzentration beauftragt wird. Fortan erhalten im nunmehr völlig verstaatlichten Rundfunk alle Parteien eigene Sendezeiten, mit Ausnahme der Kommunisten. So hält auch Adolf Hitlers Stimme Einzug ins Radio, und sein Propagandachef Joseph Goebbels ist sich der Bedeutung des neuen Mediums vollauf bewusst:

Am 9. Oktober 1932 notiert Goebbels in sein Tagebuch:
„Wir sind schon dabei, eine neue Personalliste für den Rundfunk aufzustellen für den Fall, dass wir über Nacht an die Macht kommen.“


Die Säuberung des Rundfunks beginnt sofort nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933. Im August werden zahlreiche prominente Rundfunkpioniere der Weimarer Zeit verhaftet und in das Konzentrationslager Oranienburg verschleppt. Die neuen Intendanten der Sender, durchweg Parteigenossen der 1. Stunde, sind willfährige Instrumente für Goebbels Direktiven.

23.04.1933 – Joseph Goebbels (Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda) verkündete im Münchner Funkhaus den “neuen Kurs” der nationalsozialistischen Rundfunkarbeit

Um möglichst viele potenzielle Hörer mit dem Propagandaprogramm erreichen zu können, lässt Goebbels Radioapparate zu Dumpingpreisen auf den Markt bringen: Die Typennummer des Volksempfängers beziehungsweise Deutschen Kleinempfängers – 301 – soll an den 30.01., den Tag der nationalsozialistischen Machtergreifung, erinnern. Zur Wahrheit gehört auch, dass bereits frühere Erfinder Maschinen für Schallaufnahmen konzipierten. Da ist zum Beispiel die Sprachmaschine „Euphonia“ des Freiburger Mathematikers Joseph Faber. Schon 1840 stellt er die Erfindung vor, bleibt aber erfolglos. Auch der Franzose Charles Cros konstruiert ein Gerät namens „Paléophons“.

Volksempfänger VE 301 und DKE 1938
(Größenverhältnisse verzerrt)
a. VE 301 G und B
b. VE 301 W
c. VE 301 Dyn
d. DKE 1938
Die Anordnung der Bedienungsknöpfe ist bei allen Volksempfängern gleich: In der Mitte der Drehknopf für die sog. Abstimmung (Stationswähler), links der Knopf zur Antennenkopplung, rechts zur Einstellung der Rückkopplung. Die Lautstärke ergibt sich – in Wechselwirkung mit der Trennschärfe – aus den Abstimmungen von Antennen- und Rückkopplung.
Bild aus: Stockhusen 1942

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler die Macht in Deutschland übergeben. Damit »endet die demokratische Epoche des Rundfunks«, triumphiert Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky. Die Nationalsozialisten lassen bezüglich »ihres Rundfunks« keine Zweifel aufkommen. Besonders deutlich verkündet Propagandaminister Joseph Goebbels seine Absichten: »Der Rundfunk gehört uns!« Radio wird von den Nazis systematisch zum gesellschaftlichen und militärischen Propagandainstrument weiterentwickelt. Dazu gehört auch die Verfolgung von Andersdenkenden und -hörenden. Die Strafen für die »Rundfunkverbrechen«, beispielsweise das Hören von Auslandssendern, sind häufig Haft, Konzentrationslager und Hinrichtung.

Geistige Einwirkung auf die Nation

Die braunen Machthaber verlieren keine Zeit: Rund eine Woche nach dem Wahlsieg der NSDAP wird das neue “Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda” geschaffen und Joseph Goebbels als Leiter eingesetzt. Nach dem Willen Hitlers ist das Ministerium “zuständig für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation”. Für den Rundfunk wird eine eigene Abteilung eingerichtet. “Zentrales Anliegen der nationalsozialistischen Rundfunkpolitik war es, den Rundfunk zum wichtigsten Propagandainstrument auszubauen”, schreibt Heinz-Werner Stuiber, Professor für Kommunikationswissenschaft, in seinem Buch “Medien in Deutschland”. Wie dies zu bewerkstelligen sei, erläutert Goebbels den Rundfunk-Intendanten am 25. März 1933: “Die Phantasie muss alle Mittel und Methoden in Anspruch nehmen, um die neue Gesinnung modern, aktuell und interessant den breiten Massen zu Gehör zu bringen, interessant und lehrreich, aber nicht belehrend”.

Götterfunken – Ein Volk am Empfänger 1933-1937 (Reportage des Rias Berlin aus 1988)

Die organisatorische Gleichschaltung des Rundfunks wird durch personelle “Säuberungen” ergänzt. Jüdische, sozialdemokratische und kommunistische Mitarbeiter werden entlassen. Goebbels fordert die Intendanten der Rundfunkanstalten am 25. März 1933 auf, diesen “Reinigungsakt” selbst zu vollziehen: “Tuen Sie das aber nicht oder wollen Sie das nicht, dann wird’s von uns aus gemacht.” Drei Monate später sind die Intendanten bis auf einen, der in die NSDAP eintritt, ebenfalls alle entlassen. Beim Rundfunk dürfen nur noch Journalisten arbeiten, die Mitglied in der “Reichsrundfunkkammer” sind – einer Abteilung der “Reichskulturkammer”. Aufgenommen wird nur, wer Goebbels’ Kriterien erfüllt.

Die Partei entscheidet, was der Deutsche hören darf

Die Nazis versuchen, die Hörer mit einem heiteren Programm an die Reichssender zu binden. “Sie wollten Ablenkung und Entspannung bieten, aber gleichzeitig auch Aufmerksamkeit für die eigene Propaganda wecken”, so der Historiker Prof. Konrad Dussel in seinem Buch “Deutsche Rundfunkgeschichte”. Das Rundfunkprogramm wird im Propagandaministerium zusammengestellt. Täglich wird von Goebbels entschieden, welche Informationen in welchen Formulierungen verbreitet werden sollen.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 berichten ausländische Medien über Misshandlungen und Mord in deutschen Konzentrationslagern. Um diese Berichte zu entkräften, macht die NS-Führung das KZ Oranienburg in der gleichnamigen Kleinstadt in der Nähe von Berlin zu einem angeblich gläsernen Vorzeigelager. In Propagandafilmen werden KZ-Häftlinge “bei Sport, Spiel und leichten Tätigkeiten” gezeigt. Am 30. September 1933 entsteht die erste und einzige Hörfunk-Reportage aus einem KZ: “Das junge nationalsozialistische Deutschland wehrt sich gegen Lügen- und Gräuelmeldungen, die ein Teil der Auslandspresse verbreitet hat”, sagt der Ansager. “Eine Lüge jagte die andere Lüge. So bringen wir heute einen wahrheitsgemäßen Ausschnitt aus dem Konzentrationslager Groß-Berlins.” Die Reportage wird auf neun Schallplatten aufgezeichnet.

30.09.1933 – Deutschlandsender – Reportage aus dem KZ Oranienburg – “Eine Lüge jagt die andere!”

“Wir befinden uns hier in einem hell gestrichenen, von der Sonne durchfluteten Raum, alles sauber, weiß, die Möbel weiß lackiert, vor uns ein großer Sanitätsschrank mit Medikamenten.” Reporter Geböse tut bei der Beschreibung des angeblichen “Krankreviers” so, als wäre Oranienburg ein Erholungsheim. Er lässt sich vom KZ-Kommandanten Werner Schäfer durch das Lager führen: “Wir können vielleicht bei dieser Gelegenheit gleich mal die Schlafräume besichtigen.” Welche Räume der Reporter daraufhin beschreibt, ist heute nicht mehr rekonstruierbar. Die tatsächlichen Schlafräume liegen jedenfalls im Keller der ehemaligen Brauerei, aus der die SA am 21. März 1933 ein KZ gemacht hat. Wie es in dem feuchten und fast fensterlosen Kühlkeller aussieht, beschreibt ein Jahr später der ehemalige Häftling und SPD-Abgeordnete Gerhart Seger nach seiner Flucht ins Ausland: “Wir lagen auf dem rohen Strohsack, von den Wänden rann das Wasser.”

Die Häftlinge spielen in der Reportage nur eine Nebenrolle. Kommen sie zu Wort, loben sie das Lagerleben. In Wirklichkeit gibt es tägliche Schikanen und Misshandlungen. Einsitzende Juden müssen die Latrinen mit bloßen Händen säubern. Im “Zimmer 16” wird bei den Verhören gefoltert. Von insgesamt rund 3.000 Häftlingen kommen in Oranienburg mindestens 16 um, unter ihnen der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam, der 1934 ermordet wird.

Nach Aufzeichnung der Hörfunk-Reportage besteht das KZ Oranienburg noch ein knappes Jahr. Nach dem sogenannten Röhm-Putsch im Juli 1934 übernimmt die SS Oranienburg, löst es im selben Monat auf und verlegt die Insassen. Zwei Jahre später entsteht im Oranienburger Ortsteil Sachsenhausen ein neues Konzentrationslager. Durch das KZ Sachsenhausen werden keine Reporterteams mehr geführt, es dient der Vernichtung.

In der nächsten Folge:

1935 – 1939: Aus dem Oberkommando der Wehrmacht

Fernsehen ist im Nationalsozialismus kein Massenmedium – aus technischen Gründen. Der Hörfunk hingegen vergrößert sein Sendegebiet im Zweiten Weltkrieg mit dem Vorrücken der Wehrmacht immer mehr.

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