Stresemanns Ganz normal

Die Geschichte des Radios (9): Wellensalat, Kultur & Hans Rosenthal

Die Geschichte des Radios

Wellensalat, Kultur und Hans Rosenthal

Folge 9: 1945 – 1950

Nach ihrem Sieg im Zweiten Weltkrieg entzogen die Alliierten den Deutschen sofort die Kontrolle über den Rundfunk. Am 13. Mai 1945, fünf Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, verstummte der Sender Flensburg, die letzte Station des Propagandafunks.

Das Bild der deutschen Nachkriegszeit ist geprägt von Verlust und Mangel, aber auch dem Wunsch nach Information. Kurz nach Kriegsende beginnt der schrittweise Wiederaufbau der Infrastruktur durch Bevölkerung und Alliierte gleichermaßen. Auch der Rundfunk wird neu geordnet. Unter strengen Auflagen der Alliierten bezüglich Materials, Lizenzen, aber auch der Bereitstellung von Geräten arbeiten zahlreiche Menschen daran, wieder senden und empfangen zu können.

Es ist eisig kalt im Nachkriegswinter 1946/1947. Es mangelt an Kohle und Gas. In Berlin sterben Dutzende an Erfrierungen. Die Stadt ist damals noch nicht streng in Ost- und Westberlin geteilt, sondern in die vier Sektoren der Siegermächte. Für dieses “Groß-Berlin” gibt es eine gemeinsame Stadtverordnetenversammlung, und dort war die katastrophale Energieversorgungslage eins der zentralen Themen am 30. Januar 1947.

1947 Gas- und Kohlenmangel im Kältewinter – Energieknappheit in Berlin

Nach dem Willen der drei westlichen Siegermächte durfte das Radio in Deutschland nie mehr zentrales Instrument der Informationsvermittlung werden. Eine staatsferne, öffentlich kontrollierte Rundfunkordnung sollte errichtet werden.

Man entschied sich für das System der BBC: gebührenfinanziert, dezentral organisiert und durch Gremien kontrolliert.

Bald wurden wieder politische Informationen verbreitet und der Rundfunk zur Verbreitung demokratischer Ideen benutzt. Eingeführt wurden zum Beispiel Diskussionen und Sendungen mit Hörerbeteiligung. Auch Bildung und Unterhaltung spielten wieder eine Rolle, dazu kam Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus.

Anklage gegen NS-Führung

Es war ein Meilenstein für die Deutschen und die Entwicklung des Völkerrechts: Von November 1945 bis Oktober 1946 saßen die führenden Nationalsozialisten auf der Anklagebank des Internationalen Militärgerichtshofs, den die Alliierten eingerichtet hatten.

Die Deutschen wurden erstmals mit den Verbrechen des Kriegs und der gezielten Vernichtung der Juden konfrontiert. Filme wurden im Gerichtssaal gezeigt, Augenzeugen kamen zu Wort, der Rundfunk berichtete. Damit war der Prozess auch ein Stück Mediengeschichte.

Ein früher Originaltonbericht aus dem Jahr 1949 zeigt die Mörder des NS-Regimes als Dutzendfiguren. Und noch 1965 stößt die Recherche im Umfeld einer NS-Euthanasie-Anstalt auf eine Wand des Schweigens.

1948 wurden auf der Kopenhagener Wellenkonferenz die Frequenzbänder für den Rundfunk neu vergeben. Deutschland war als besetzte Nation nicht vertreten und bekam so nur wenige schlechte Frequenzen ab, die aber auch nur den öffentlich-rechtlichen Sendern zur Verfügung standen. Deshalb wurde der Ausbau und die Entwicklung des UKW-Netzes stark vorangetrieben, das für die Bedürfnisse in der BRD wie geschaffen war. Denn die Reichweite für UKW-Sender ist wesentlich kleiner, was für die vielen verschiedenen Radiohäuser in den einzelnen Bundesländern mit begrenztem Einzugsgebiet kein Problem ist, sondern eher ein Vorteil, weil sich die verschiedenen Sender dann gegenseitig weniger stören.

Kopenhagener-Wellenplan-1948

In der französischen und englischen Besatzungszone wurde zunächst eine zentrale Sendestelle errichtet. So entstanden Südwestfunk und der Nordwestdeutsche Rundfunk, der 1956 in Westdeutschen und Norddeutschen Rundfunk aufgeteilt wurde. In der amerikanischen Besatzungszone wurde das dezentrale Konzept noch stärker verfolgt und so unter militärischer Kontrolle vier Sendestationen aufgebaut: Radio Frankfurt, später Hessischer Rundfunk; Radio München, später Bayerischer Rundfunk; Radio Stuttgart, später Süddeutscher Rundfunk und Radio Bremen. Der Radiobetrieb sollte dann aber bald schon nach dem oben beschriebenen Modell wieder in deutsche Hände übergehen.

07.02.1946 Sendefolge des ersten DIAS-Programms (später-RIAS)
Sitz des DDR-Rundfunks war das Funkhaus Nalepastraße, das über hervorragende Aufnahmestudios und Konzertsäle verfügte. (Bild: Funkhaus in der Nalepastrasse, Aufnahme von 1992. Foto: Imago/Rolf Zöllner)

Während in West-Berlin die Radiolandschaft zwischen SFB und RIAS aufgeteilt wurde und kleinere Sender wie der AFN dazwischenfunkten, wurde in der Hauptstadt der DDR der Rundfunk zentral organisiert. 1949 entstand unter sowjetischer Ägide der Rundfunk der DDR. Es war bis zur Wiedervereinigung die zentrale Radioanstalt im SED-Staat.

Erster Ultrakurzwellensender Europas

Bis 1949 entstehen in den Westzonen nach und nach Rundfunksender, dezentral organisiert und unabhängig vom Staat, angelehnt an das Vorbild der britischen BBC. Diese sogenannten öffentlich-rechtlichen Sender schließen sich 1950 zur ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands, zusammen.

Der RIAS, der Sender der amerikanischen Militärregierung, ist direkter Konkurrent des Ost-Rundfunks. Bis 1993 strahlte der Sender zwei Programme aus und hatte in West-Berlin Kultstatus. Vor allem RIAS 2 war bei den Berliner beliebt, und nicht wenige, die in der Mauerstadt ihre Jugend verbracht haben, erinnern sich etwa an den alten Ami Rik De Lisle und viele andere Moderatoren wie Lord Knud, Barry Graves – und auch der legendäre Hans Rosenthal war einst RIAS-Moderator. Eine Funkstille im deutschen Äther herrscht allerdings auch in der so genannten „Stunde null“ nicht, denn auch an anderen Orten haben zu diesem Zeitpunkt schon die Sender der Alliierten ihr Programm aufgenommen.  

Der SFB nimmt am 31. Mai 1954 das Programm auf. Alfred Braun spricht zu den Berlinern und sagt die Zeit an. Foto: Imago/ZUMA/Keystone

Nach Kriegsende und der Teilung der Stadt sendete man in West-Berlin unter britischer Verwaltung anfangs als Berliner Satellit des in Hamburg ansässigen NWDR. Spätestens nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 wurde klar, dass West-Berlin, neben dem im amerikanischen Sektor angesiedelten RIAS, eine eigene öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt braucht. Am 1. Juni 1954 nahm der SFB das Programm auf

01.06.1954 SFB Opener-Sendestart um 04:57-Uhr
Radiogeschäft: Menschen vorm Radiogeschäft von Ernst Kauffmann, Winter 1946. Foto: Imago/Horst Müller

Die Radiogeschäfte waren in Berlin so etwas wie der Apple-Store heute, oder MediaMarkt und Saturn. Sie waren die High-Tech-Händler schlechthin. Vor dem Krieg wurden dort vor allem Volksempfänger verkauft. Nach dem Krieg öffneten recht bald die Radiogeschäfte in der zerstörten Stadt. Neben der Tageszeitung war das Radio die einzige Quelle, sich mit aktuellen Nachrichten zu versorgen. Aber die Berliner sehnten sich auch nach Unterhaltung und „leichten“ Themen, wie Musiksendungen und Konzerten.

Kultur wurde wichtig, denn die Deutschen hatten viel aufzuholen

Von der internationalen Entwicklung in Musik und Literatur waren sie lange abgeschnitten gewesen, viele große Künstler waren ins Exil gegangen. Jetzt konnte man sie wieder dank Hörspielen und Lesungen im Radio erleben.

1954 – NDR – Ein Abend für junge Hörer

Ab den 1950er Jahren etablieren sich Hörer*innensendungen wie „Frag den RIAS-Antwortmann” oder das „Klingende Sonntagsrätsel” (1965). Mit dem Wirtschaftswunder florieren auch die Gerätehersteller. Der Radio-Markt ist groß und bringt viele Klassiker hervor, die noch Jahrzehnte in bundesdeutschen Haushalten stehen, darunter der Rundfunkempfänger „Simonetta 5234”. Die Konkurrenz zwischen den Systemen in den Besatzungszonen – ideologisch und strukturell – ist auch zu hören. Der Konflikt wird zum Kalten Krieg; eine Front dieses Krieges liegt im Äther.

Der Konflikt wird zum Kalten Krieg; eine Front dieses Krieges liegt im Äther. Der RIAS sendet neben Berlin auch aus Hof in Nordbayern und kann damit fast flächendeckend in der sowjetischen Besatzungszone empfangen werden . Die DDR-Propaganda richtet sich umgekehrt gezielt gegen das Hören von Westradio, unter anderem mit Plakaten, die dem RIAS „Mord- und Sabotageanweisungen“ und „amerikanische Boogi-Woogi-Kultur” unterstellen.

In der nächsten Folge:

1950 – 1955

Im Spannungsfeld zwischen der von der Staatsmacht gestellten Aufgabe der “Herausbildung des sozialistischen Bewusstseins” und den Wünschen seiner Hörer nach Unterhaltung, Information und Bildung führte der Rundfunk in der DDR ein schwieriges Dasein. Die Mitarbeiter der Sendeanstalten versuchten, den Anforderungen “beider Seiten” gerecht zu werden.

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