Ganz normal

Die Geschichte des Toilettenpapiers

Nach dem Besuch auf der Toilette verwenden wir Toilettenpapier. Jedes Kind weiß das, (fast) alle tun es. Dabei ist die Geschichte vom Toilettenpapier noch gar nicht so alt.

Die Römer nahmen die Finger und später einen Stock zur Hilfe, an dem ein kleines Schwämmchen befestigt wurde. Im Mittelalter wurden gerne Leinwandfetzen, Stroh oder Laub benutzt. Die Schwester des französischen Sonnenkönigs griff zu Schafswolle. Zeitungen wurden erst später zum Abwischen eingesetzt. Das erste kommerziell vertriebene Toilettenpapier kam erst Ende des 19. Jahrhunderts auf. In den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde ein Markenartikel daraus. Das Papier wurde heller und bekam eine garantierte Blattzahl.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung WDR-Archiv

Vorreiter in Sachen Toilettenpapier waren die Chinesen. Erste Aufzeichnungen stammen aus dem 6. Jahrhundert, als der Gelehrte und Beamte Yan Zhitui niederschrieb: „Paper on which there are quotations or commentaries from Five Classics or the names of sages, I dare not use for toilet purposes.” 

Doch wie hat man sich in der Prä-Toilettenpapier-Ära in Europa beholfen? Die Griechen der Antike nutzen Lehm, die wohlhabenden Römer Wolle und Rosenwasser. Auf öffentlichen Toiletten verwendeten ein auf einem Stock aufgespießter Schwamm. Der Schwamm wurde vor und nach dem Geschäft in einer Wasserrinne vor dem Örtchen gewaschen. War kein fließendes Wasser vorhanden, wurde ein Gefäß mit Salz- oder Essigwasser bereitgestellt. Im Falle, dass keine Schwämme zur Hand waren, galt bei Römern als auch Griechen die Verwendung von drei Steinen als ideal, um den After zu reinigen.

Mit Stoff, Wolle oder Stroh den Hintern säubern

Im Mittelalter und später verwendete man das, was ortsüblich zur Hand war: Stroh, Stöcke, Sand oder Wolle in Europa. Kokosnussschalen in Hawaii. Die Eskimos nutzten Schnee und Moos und die frühen Siedler in Amerika verwendeten Laubblätter, Maiskolben und Muschelschalen. Die rauen Matrosen und Weltumsegler mochten es sanfter und recycelten ausgefranste Taue zum Zwecke der Säuberung. Noch weicher hatte es lediglich die europäische Aristokratie, welche auf Spitze, Hanf und erlesene Wolle zurückgriff.

Foto: Mit Genehmigung des Bayrischen Rundfunks

Der chinesischen Akribie zur Niederschrift verdanken wir zu wissen, dass bereits im frühen 14. Jahrhundert in der heutigen Zhejiang Provinz jährlich zehn Millionen Pakete Toilettenpapier hergestellt wurden. Jedes Paket beinhaltete dabei 1.000 bis 10.000 Blätter des begehrten Papiers. Erhältlich war es ausschließlich für die Oberschicht. Im Jahr 1393 wurden allein für den kaiserlichen Hof 720.000 Blätter Toilettenpapier produziert, jedes Blatt ganze 2×3 Fuß (61 x 91 cm) groß. Die Entscheidung „knüllen“ oder „falten“ fällt bei diesem Maßstab wohl gleich in ein ganz anderes zeitliches Gewicht.

Berufswunsch: Königlicher Popo-Putzer am Hofe

Während der gewöhnliche Bürger auch Stofffetzen wiederverwendete oder seine Notdurft direkt in einem Fluss verrichtete, unterhielt der englische Monarch im Mittelalter eigens einen Höfling für seine Toilettengänge. Der sogenannte „Groom of the Stool“ war dafür verantwortlich, dem König beim Toilettengang zu assistieren und im Nachgang den königlichen Hintern zu säubern. Mag dieser Job aus heutiger Sicht gewiss nicht auf dem ersten Platz der Berufswünsche stehen, war diese Position selbst bei Edelleuten begehrt, da der König in dieser intimen Situation gerne das ein oder andere Macht versprechende Geheimnis ausplauderte.

Foto: Günter-Havlena_pixelio.de_

Beim französischen Adel kam im 19. Jahrhundert das Bidet in Mode, ein Sitzwaschbecken zur Reinigung der Genitalien und des Anus. Währenddessen ging man in Amerika dazu über Bücherseiten, sowie Zeitungs- und Katalogspapier zu sammeln und neben der Toilette bereit zu legen. Der Sears Roebuck Katalog erfreute sich großer Beliebtheit und kam dabei noch kostenlos mit der Hauspost.

Die Industrialisierung des Toilettenpapiers

1857 verkaufte der New Yorker Joseph Gayetty das erste Toilettenpapier in den Vereinigten Staaten von Amerika und es dauerte bis 1928 bis in Deutschland die erste Fabrik für Toilettenpapier eröffnete. Den nächsten großen Schritt tat Seth Wheeler 1871 mit seinem Patent auf Toilettenpapier aufgewickelt auf einer Rolle. Praktischerweise meldete er gleich auch noch ein Patent auf den passenden Toilettenpapierhalter an. Zum Erfolg brachte es das Nischenprodukt schließlich ab 1890, als die Scott Paper Company der Brüder E. Irvin und Clarence Scott Toilettenpapier in ihr Sortiment aufnahmen.

Foto: Mit Genehmigung des Bayrischen Rundfunks

Im 20. Jahrhundert trat das Toilettenpapier, auch dank immer mehr Privathaushalten mit angeschlossenen Toiletten, seinen Siegeszug an. Ab 1907 wurde für die Herstellung von Toilettenpapier nicht mehr gewöhnliches Zeitungspapier verwendet, sondern ein weicheres, extra gefertigtes gekrepptes Papier. Aber erst um 1930 sollte schließlich und endlich auch splitterfreies Toilettenpapier hergestellt werden. 1942 kam es dann zu so etwas wie der Toilettenpapierrevolution, als das englische Unternehmen St. Andrew’s Paper Mill das erste zweilagige Toilettenpapier weltweit auf den Markt brachte. Ein himmlisch weicher Traum aus Papier, zumindest für alle aufgerauten Krepppapier-Hintern.

Ein Innovationsprodukt

Mit dem zweilagigen Klopapier wähnte man sich auf dem Gipfel der Weichheit. Alle waren nun weiß und weich. Damit man sich von anderen Herstellern unterscheiden konnte, mussten die Produzenten sich neue heraus stechende Merkmale für ihr Produkte ausdenken. Und so wurde ab 1954 wurde buntes Toilettenpapier in den Geschäften angeboten. Auch das Fernsehen eroberte das Klopapier als 1955 die erste Fernsehwerbung gezeigt wurde. 

Seit dem Siegeszug des Toilettenpapiers kam es zu immer neuen Innovationen: dreilagig, vierlagig, recycelt, farbig, weiß, geblümt, Toilettenpapier mit Duft und feuchtes Toilettenpapier, extra dicke Rollen mit extra vielen Blättern, weicher, stärker, extra aufsaugend…

1 Kommentar

  • Tolle Information. Da kann man mal sehen, man benutzt es zwar, aber man weiß nichts darüber. Doch hier durch ist frau nun schlauer. Danke. 🙂

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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Berühmt werden will ich mit diesem Blog nicht. Ich mache nur etwas, was viele andere noch besser und wunderbarer tun als ich: Ich teile mich mit, über das, was mir auffällt, einfällt und überfällt.

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