Ganz normal

Die Karriere des stillen Örtchens (2)

Wer würdigt schon etwas, was immer da ist, aber über das nicht geredet wird. Dabei ist es über 5000 Jahre alt: Unser Klo. Stresemann meint, es ist mal an der Zeit diesem Örtchen die notwendige Ehrung zuteil werden zu lassen. Denn so still wie es um unser Klo geworden ist, war es nicht immer. Zu manchen Zeiten war der öffentliche Toilettengang sogar ein gesellschaftliches Ereignis. Die Geschichte des Klos verrät einiges über die Menschheit. Im ersten Teil ging es um die Ägypter, die Römer und die Rittersleut, oder – besser gesagt – um deren Örtchen. Hier geht es um Könige und Erfinder. Den ersten Teil findet ihr hier!


Stinkender Schloßpark

Auch in der Neuzeit verbesserte sich die Klokultur nicht wirklich. Nicht nur das einfache Volk setzte sich aufs Feld oder in den Stall, um seine Notdurft zu verrichten, auch der Adel hatte kaum dazugelernt. Am Hof von Louis XIV in Versailles gab es zwar 2.000 Zimmer, aber nur ein eingebautes Klo. Stattdessen benutzte man Kackstühle, auf denen der König sogar ungeniert bei Empfängen zu sitzen pflegte. Bei pompösen Festen mit vielen tausend Besuchern erleichterten die Gäste sich im Schlosspark. Die Beseitigung der Abwässer und Fäkalien blieb allerdings ungelöst.

Foto: BR

Die unzureichende Ausstattung hatte zur Folge, dass für die Notdurft ohne Hemmungen Korridore, Flure, Raumecken, Eingänge und Durchfahrten sowie Höfe, Gärten und Parkanlagen benutzt wurden und ein penetranter Geruch die Schlösser durchzog. Die Abwässer wurden in Gräben, Gewässer oder Kanäle geleitet (→ Necessarium) oder sie versickerten einfach im Boden. Die Anlage von Sammelrohren wurde zwar angestrebt, aber kaum durchgeführt. Die Hauswasserversorgung erfolgte meist durch hauseigene Pumpen, Schöpf- und Ziehbrunnen, mit der Gefahr der Verseuchung durch ungeklärte Abwässer. Schlafgemächer und Kabinette waren mit tragbaren Leibstühlen oder kleinen Lavoirs ausgestattet.

Endlich gab es das „doppelt gekrümmte Abflussrohr“

Die Landbevölkerung, vor allem die Bauern, bevorzugten noch bis in das später 17. Jahrhundert die Natur für ihr Geschäft. Wer nicht, wie Dürer, zuhause aufs Klo gehen konnte, wich gerne auf menschliche “Dixi-Klos” aus. Erst 1775, meldete der englische Erfinder Alexander Cummings das Patent für die Ausführung eines Wasserklosetts an.  Ihm haben wir nicht nur die Wasserspülung, sondern auch das doppelt gekrümmte Abflussrohr, das Siphon, zu verdanken. Damit war auch das Geruchsproblem gelöst.

Foto: Günter-Havlena_pixelio.de_

1777 erhielt Samuel Prosser ein Patent für ein Plumps-Klo. Ein Jahr später entwickelte Joseph Bramah einen Toilettentyp, der häufig auf Schiffen und Booten eingebaut wurde. Eine letzte einschneidende Erfindung war das Wasserklosett der Madame Bidet, dass sie im Jahre 1823 zum Patent anmeldete, sich aber in Deutschland nicht durchgesetzt hat.

Im schottischen Edinburgh, aber auch in Frankfurt am Main sollen Ende des 18. Jahrhunderts Männer und Frauen mit langen Umhängen Passanten angeboten haben, für ihr Geschäft unter ihren Mantel zu schlüpfen. Dort hielten die “mobilen Abtrittsanbieter” in der Regel einen Eimer für die Kundschaft parat. 

Klo-Innovationen innerhalb weniger Jahre

Gazeneuve et Companie erfand in Paris zu Beginn des 19. Jahrhunderts den geruchlosen beweglichen Abtritt, der viel zu einem verbesserten Wohnwert beitrug. Er verbreitete sich rasch und beschäftigte unter anderem den Münchner Architekten Leo von Klenze, der diese technische Innovation 1822 im neu erbauten Palais Leuchtenberg installierte.

Great Exhibition im Jahre 1851 im Hyde Park in London Bild mit freundlicher Unterstützung durch das Victoria and Albert Museum, London – Vielen Dank

Wo in Deutschland die erste Toilette mit Wasserspülung installiert wurde, ist strittig. Bekannt ist, dass im Schloss Ehrenburg in Coburg 1860 eine installiert wurde. Sie wurde damals für Queen Victoria, die dort häufig zu Gast war, eigens aus England importiert. Älter ist das WC im Schloss Bad Homburg. Die Ehefrau von Landgraf Friedrich Josef VI., Elisabeth, eine Tochter des englischen Königs Georg III., ließ bereits 1820 eine Toilette mit Wasserspülung bauen. Diese ist nicht mehr erhalten, da sie späteren Renovierungen zum Opfer gefallen ist. Der Entwickler des WCs ist der englische Klempner George Jennings (1810–1882): Er stellte es auf der Great Exhibition im Jahre 1851 im Hyde Park in London aus. Ein deutscher Architekt erkannte das Potenzial

In Deutschland verbreiteten sich Toiletten mit Wasserspülung gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Städten, als Wasseranschlüsse in den Häusern und vor allem die Kanalisation üblich wurden. Auf dem Land blieben dagegen oft noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg “Plumpsklos” üblich, also Abtritte mit Sickergruben (Latrinen), wie sie zuvor auch in den Städten üblich waren.

Der Umgang mit dem stillen Örtchen

Darauf folgte die Verbreitung von Kanalisationssystemen vor allem in Großstädten mit denen auch die Sauberkeit zunahm, die sich im Laufe des 19. Jahrhundert zu einer stark ausgeprägten Sittenreinheit entwickelte. Die Benutzung der Toilette fand hinter verschlossenen Türen statt – diskret und hygienisch wurde ihr Inhalt weggespült. Was vor wenigen Jahrzehnten noch ohne Scham behandelt wurde, löste nun Ekel aus und wandelte sich zu einem Akt des Privaten und Intimen. Seitdem hat sich der Umgang mit dem stillen Örtchen nicht sehr geändert.

Mit freundlicher Genehmigung des Freilichtmuseums Detmold
Mit freundlicher Genehmigung des Freilichtmuseums Detmold

Dieser Raum, so klein er auch sein mag, besitzt trotzdem eine große Bedeutung, da hinter verschlossen Türen jeder Einzelne mit seiner persönlichen Natur und dem natürlichen Vorgang konfrontiert wird, dessen Ergebnis in einem Keramikbehälter mit viel Wasser entsorgt wird.

Die heute benutzte Toilettenbürste beruht in ihrer Form übrigens auf eine der ersten EU-Normen aus dem Jahre 1958.

Toiletten kommen in Mode

An Cummings Modell hat sich wenig geändert. Heute kennen wir in Europa und den USA vor allem drei Klosett-Arten: den Flachspüler, den Tiefspüler und das Absaugeklosett. Beim Flachspüler bleibt das Häufchen gut sichtbar liegen und wird erst mit der Spülung gegen die Vorderseite der Schüssel gedrückt und dann ins Siphon gespült. Der Tiefspüler hat den Vorteil, dass die Kacke gleich in eineinhalb Liter Wasser fällt und somit kaum noch zu sehen ist. Das Modell hat allerdings den Nachteil, dass es beim Plumpsen nach oben spritzen kann. Das typisch amerikanische Absaugeklosett hat sich in Europa kaum durchgesetzt. Bei diesem Toilettentyp wird im stark verengten Siphon ein Vakuum erzeugt, das die Schüssel ruckartig leersaugt. Das Modell findet man hierzulande in modernen Zügen und in Flugzeugen. Allerdings verbraucht es 15 Liter Wasser und damit vier mal so viel wie eine herkömmliche Toilette.

Etwa 3566 Stunden seines Lebens verbringt ein Mensch auf dem Klo, was dazu führt das dieser Ort für vielerlei Zwecke benutzt wird. Hauptbeschäftigung ist das Zeitunglesen, die gebräuchlichste Lektüre ein Tageszeitung mit vier Buchstaben, bei den Damen sind es eher Modezeitschriften. Auf dem Klo wurden aber auch Reden geführt und Verträge unterschrieben.

Na denn wünsche ich auch in Zukunft erfolgreiche Geschäfte.

Das Beitragsbild wurde mir freundlicherweise vom © imago/UPI Photo für diesen Beitrag zu Verfügung gestellt.
Ganz Normal Werbebilder

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

%d Bloggern gefällt das: