Ganz normal

Eigentlich hatte ich nur Hunger …

Neulich entdeckte ich bei einem Besuch in München vor einer pompösen Villa einen Lieferwagen jener Feinkostfirma, die dafür berühmt ist, dass sie in den Salons der feiernden Reichen köstliche Büfetts aufbaut und die Kellner gleich mitliefert. “Das ist die Stuckvilla, dort ist heute eine öffentliche Versteigerung moderner Kunst”, erfuhr ich von meiner ortskundigen Begleitung.

Die willkommene Verbindung von moderner Kunst mit Feinkost bewirkte, dass wir uns eine Minute später in einem kleinen Saal voller Leute niederliessen. Ein Mädchen hob ein Kunstwerk in die Höhe: “Nummer 1921 – zwölfhundert sind bei mir …. zwölfhundertundfünfzig … wer bietet mehr?” fragte der Auktionator. Auf dem Blatt war ein Brot abgebildet.

Photo by Giammarco Boscaro on Unsplash
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Ich beugte mich zu meinem linken Nachbarn, der mit dem Sitz seiner Krawatte beschäftigt war: “Gibt es auch was Warmes oder nur kalt?” Er schien es nicht zu hören und nestelte an seinem Schlips. Als das Brot bei 2.000 Euro angelangt war, klopfte der Auktionator auf den Tisch. Mein Nachbar stand auf und verliess mit zufriedenem Lächeln seinen Platz.

“Der hat gerade das Brot ersteigert!” klärte mich meine Begleitung auf. “Ob er jetzt was zu essen kriegt?” fragte ich und erhob mich halb, um ihm nachzusehen. “Neunhundert fünfzig für den Herrn dort hinten …” rief in diesem Moment der Auktionator in meine Richtung, “… zum dritten!” Klopf – und eine pochoirikolorierte Kaltnadelradierung gehörte mir.

Photo by Sebastian Pichler on Unsplash
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Meine Begleitung war nicht weniger überrascht als ich. Ich kratzte mich verlegen am Ohr, worauf der Auktionator mir eine “Liegende mit Hündchen” für 2.500 Euro überlassen wollte. Glücklicherweise rückte vorne ein Herr seine Brille zurecht und so ging die Liegende für 2.700 Euro in seinen Besitz über. In den nächste Minuten trieb ein Juckreiz in meinem Auge den Preis für einen französischen Spätkubisten in die Höhe, durch einen Nieser handelte ich mir eine Landschaft mit kleinen Ausrissen an der unteren Blattkante ein und war wegen eines nicht zu unterdrückenden Hustenanfalles von acht- bis zwölfhundert Euro an der Preisentwicklung eines abscheulichen Bildes beteiligt, das dann von einem langen Dünnen mit einem gekonnten Augenzwinkern für 1.350 Euro ersteigert wurde.

Inzwischen juckte es mich überall. Kratzte ich mir aber den Kopf, gehörte ich automatisch zu den Bietern eines Worpsweder Malers, wohingegen eine unvorsichtige Handbewegung zum Rücken mich als Interessenten für die Wiener Schule aus wies. Als mich ein Gähnkrampf befiel, wagte ich nicht, die Hand zum Mund zu heben. Doch es nützte nichts: Mein offener Mund brachte mir für 750 Euro die Radierung eines belgischen Surrealisten ein.

Von nun an zog ich es vor, die Freigabe des kostenlosen kalten Büfetts auf dem Boden liegend abzuwarten. Leider verursachte der Zwang, mich dort unauffällig still zu verhalten bei mir fast epileptische Zuckungen, die dem Auktionator nicht entgingen und meinen Kunstbesitz derartig vergrößerten, dass ich unter dem bewundernden Beifall der anderen Mitbieter den Saal verliess, weil ich für die vielen Bilder, die ich mir erjuckt, erzuckt und erhüstelt hatte, zu Hause keine leeren Wände mehr haben würde. An mir vorbei trugen die Feinkost-Kellner die Aperitifs ins Haus.

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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