Ganz normal

Ein Wintermärchen im Ballon

Kennen sie das Lied von Reinhard Mey “Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein..”? Auch ich habe immer wieder mal davon geträumt durch die Luft zu gleiten und eines der letzten romantischen Abenteuer unserer Zeit selbst zu erleben und zu erfahren, dabei den Alltag und das Irdische zu vergessen.

Um so überraschter war ich, als mich Jürgen Menger einlud, seinen neuen Heißluftballon zu testen. Um nicht ins Fettnäpfen zu treten: Es heißt Ballon fahren, nicht fliegen. Und die Fahrer eines Ballons nennen sich Piloten. Einer der ersten Menschen in einem Ballonkorb hieß nämlich Pilatre und so wurden später nach ihm alle kundigen Luftfahrer benannt.

Am vereinbarten Treffpunkt angekommen, wurde ich von Jürgen Menger und seiner Crew herzlich in Empfang genommen und los ging es zum Startplatz, einer Wiese in unmittelbarer Nähe. Jürgen Menger, mehrfacher Deutscher Meister im Ballonfahren, wies mich schnell, aber bestimmt in die Sicherheitsvorschriften und die Tätigkeiten zur Startvorbereitung ein. Ballon in Windrichtung entfalten, Kronenleine stramm halten etc. während er selbst recht zügig den Korb nebst Brenner aufrüstete. Anschließend wurde der Ballon mittels eines starken Gebläses mit kalter Luft gefüllt, danach kommt der Brenner zum Einsatz. Dem Piloten entgeht keine Unaufmerksamkeit, denn Sicherheit ist das oberste Gebot.

 

Während ich noch in aller Eile ein paar Photos mache, kommt auch schon das Kommando, an Bord des Ballons zu kommen. In vielen Grüntönen leuchtet der Ballon, wobei die Hülle aus einem neuen, silber beschichteten Stoff besteht. Nur ein paar Feuerstöße und eh wir uns versehen haben, heben wir auch schon ab in den winterlichen Mittagshimmel über Münster. Dieser Moment ist wahrscheinlich der Schönste. Unmerklich steigen wir scheinbar schwerelos auf und blicken hinunter auf die auf der Erde Verbliebenen, die unser Entschweben mit sehnsüchtigen Blicken verfolgen. Wiesen und Hecken ­ das ganze Panorama des Münsterlands mit einem Blick. Lautlos schweben wir dahin, lediglich der einsetzende Brenner unterbricht die himmlische Stille. Kein Schaukeln, kein Ruckeln weder Schwindel­ noch Höhengefühle stellen sich ein. Jürgen Menger liefert mir die Erklärung: “Der Ballon nimmt ohne Widerstand sanft und unmerklich die Geschwindigkeit des Windes auf. Hier oben ist es deshalb auch windstill und das menschliche Auge gekoppelt mit dem Gleichgewichtssinn wird beim Ballonfahren nicht irritiert.”

Die Menschen auf dem zugefrorenen Aasee sehen von hier oben aus wie Ameisen. Denen dürfte es ganz schön kalt sein auf dem Eis. Befürchtungen, dass es hier oben vielleicht noch kälter ist, werden schnell zerstreut. Die Wärmeabstrahlung des Brenners und die Windstille wirken einer Temperaturabnahme entgegen. Mitunter ist es bis zu 10 Grad wärmer als am Boden. Und wie lässt sich so ein Ballon steuern? Die Flughöhe und -tiefe kann Jürgen Menger recht gut bestimmen. Um aufzusteigen, muss der Ballon angeheizt werden. Viel schwieriger aber ist es, mit dem Gefährt in eine bestimmte Richtung zu fahren. Schließlich treibt er immer mit dem Wind! Doch genau das nutzt Jürgen Menger aus. Denn in unterschiedlichen Höhen blasen die Winde in verschiedene Richtungen. Also bringt er den Ballon in die Höhe mit der gewünschten Windströmung.

Während wir sprachlos und staunend in einer Höhe von 850 m über dem Meeresspiegel und einer Geschwindigkeit, die ca. 14.4 km entspricht, die Blicke in die Ferne schweifen lassen, behält Jürgen Menger die Instrumente wie Höhenmesser, Variometer, Hüllenthermometer und das GPS im Auge; ihm scheint kein Detail zu entgehen. Nach einer Strecke ca. 22 km und einer Fahrzeit von 1 Stunde und 20 Minuten haben wir unseren Landeplatz, eine Wiese, ausgemacht und unsere Verfolger werden per Flugfunk informiert. Während ich den winterlichen Sonnenuntergang genieße, gibt es die letzten Anweisungen für die bevorstehende Landung. Landungen, so Jürgen Menger, sind überall erlaubt, dennoch sollte Rücksicht geübt und keine größeren Flurschäden angerichtet werden. Für eine Entschuldigung bei den Eigentümern wird immer ein kleines Präsent bereitgehalten. Leicht schwebt der Ballon auf die angepeilte Wiese ein, und während wir aus Sicherheitsgründen in die Hocke gehen, um den Landestoß abzufedern. Es ruckelt einmal und dann hat uns die Erde wieder.

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  • Das fand ich jetzt sehr schön zum Lesen. Vor allem, weil ich den Ballonfahrern sehr gerne zuschaue, wenn sie hier über die Dächer gleiten und man zwischendurch den Brenner hört. Winken gehört dazu. Ehrensache!

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du oben unter der Rubrik "Zum Autor und Inhalt"

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