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Wortspielereien: “Eins aus Zehn”

So kann es gehen – Blogger schreiben gemeinsam!

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An diesem Freitag möchte ich euch ein weiteres Wortspiel in meiner kleinen Reihe “Wortspielereien” vorstellen. Wenn es euch gefällt, möchte ich “Eins aus zehn” (so heißt dieses Wortspiel) regelmäßig einmal im Monat mit euch gemeinsam erarbeiten. Neu ist “eins aus Zehn” übrigens nicht, denn ich habe es von Westendstories übernommen, die es 2014 in ihrem Blog gestartet hat. Ganz nach dem Motto: Lasst uns doch mal wieder Geschichten zusammen schreiben – Blogger schreiben gemeinsam

Einmal im Monat gibt es hier zehn Wörter, mit denen jeder – der mitmachen möchte – eine Geschichte schreiben sollte. Die Wörter sollten also in der Geschichte vorkommen. Und hier die Regeln:

Und das sind die Regeln:

  • Jedes der zehn Wörter sollte mindestens einmal in eurer Geschichte vorkommen. Kann aber gern auch mehrmals sein.
  • Wenn euch kein Thema einfällt, dann könnt ihr alternativ auch eine Geschichte zu einem Foto eurer Wahl schreiben. Es sollten nur die zehn Wörter darin vorkommen
  • Für beide Varianten nehmt euch ein zeitliches Limit. Schreibt nicht länger als 30 Minuten. Dieses Projekt soll ja Spaß machen und nicht zu einer Qual werden.
  • Die Geschichte muss nicht perfekt sein, aber eben eine schöne Geschichte.
  • Schön wäre es, wenn eure Geschichte bis zum Ende des Monats fertig ist. So bleibt noch genügend Zeit, die Geschichten beste Geschichte herauszufinden.
  • Wenn die Geschichte fertig ist, verlinkt sie mit diesem Blog oder stellt eure Geschichte in einen Kommentar.
  • Ach ja, und es ist einfacher erst selber eine Geschichte zu schreiben, und erst dann die schon vorhandenen zu lesen.
Damit ihr seht, was so aus den zehn Wörtern geschrieben wird, hier einige Beispiele
Die zehn Wörter aus den Beispielgeschichten:
  • Rheinfall
  • Schlüssel
  • Bauchpinsel
  • Wien
  • Hinterausgang
  • Osso Bucco
  • Oralfreude
  • Laurie Anderson
  • Rittberger
  • Schaum

Unter den obigen Reitern findet ihr 5 verschiedene Geschichten zu den obigen zehn Wörtern. Bekommt keinen Schreck: Es sind auch sehr lange Geschichten dabei. Es muss aber keine lange Geschichte werden. Hauptsache, sie ist interessant. Achtung: Die zehn Wörter aus den obigen Beispielen sind nicht die, aus denen ihr eure Geschichte schreiben sollt. Die zehn Wörter für eure Geschichte stehen unten.

Sie stand oberhalb des R(h)einfalls und blickte hinab auf den Schaum, der beim Sturz der Fluten über die Felsen entstand. Das große Anwesen hatte sie aufgeben müssen. Zu neugierig war die Nachbarschaft gewesen, nachdem immer wieder Tiere aus dem Zoo und der Nachbarschaft verschwunden waren.
Das fiel wohl in die Kategorie Reinfall.

Mit ihr an der Brüstung stand Martin Rittberger und hatte den Arm um ihre Schultern gelegt. Sie hatte ihn bei einem Ausflug nach Wien kennengelernt, wo sie zum Zeitvertreib in einen Club ging. Das Musikthema des Abends: Laurie Anderson. Bei ihrem Titel Sharkey’s Day waren sie an der Bar ineinander gelaufen und hatten sich seither nicht mehr getrennt. Sie fühlte sich ihm so verbunden.

Das lag vielleicht ein wenig daran, dass er gleich gemerkt hatte, dass sie keine normale Frau war. In einer heißen Liebesnacht war ihr ein Grollen entglitten, das einer Erklärung bedurfte. Sie erzählte ihm alles. Als sie geendet hatte, war er, zu ihrer Verwunderung, keineswegs erschrocken. Vielmehr schien es sie noch mehr zu wollen und sie fühlte sich seither sehr erleichtert. Sogar, als sie aus dem Wiener Zoo ein Wildschwein anschleppte und im Hotelzimmer eine ziemliche Schweinerei hinterließ, blieb er bei ihr; besorgte sogar den Schlüssel zum Hinterausgang, um mit ihr die Reste der Sau zu entsorgen.
Nur den Schwanz behielt er. „Vielleicht brauch ich den noch. Für Dich, als Bauchpinsel.“ Sie liebte seine kuriose Art von Humor.

Sie fröstelte, es war spät geworden und sie gingen, eng umschlungen, in Richtung ihrer neuen Behausung. Wieder ein großes Grundstück, diesmal mit weniger Nachbarn. Als sie das Haus betraten, stieg Ihnen ein wunderbarer Duft in die Nase. Martin hatte nicht nur keine Angst vor ihr. Er war zudem auch noch ein ausgezeichneter Koch. Im Ofen schmorte eine vorzügliche Oralfreude: Ihr Leibgericht (nach rohem Fleisch), Osso Bucco. Sie liebte diesen Kerl…

„Eine Nixe, wie aus dem Schaum der Herbstgicht geboren, tauchte empor aus dem Loch in der dicken Eisschicht, die sich über dem Fluss ausgebreitet hatte. Sie bauchpinselte um ihren nackten Nabel herum und zwei Beine bildeten sich von Sternchen und Glitzer und Funkeln begleitet aus ihrem Flossenschwanz heraus. Die ersten Schritte waren noch unsicher, doch mit wenig Übung wandelte sie voll Anmut über das Eis. Nackt. Bekleidet nur mit ihren Haaren trat sie in die Menschenwelt ein. Keinen Hinterein- oder ausgang nutzend, nein, in voller Sicht für alle auf der Promenade spazierend.

Ein alter Herr kam ihr entgegen: „Rittberger mein Name. Kann ich Sie in ein Geschäft begleiten?“ Die Nixe begutachtete den Alten verwundert: Was sprach er? Wohl sah sie, dass Worte aus seinem Mund kamen, doch da es um sie keine Wellen gab, die diese zu ihrem Innenohr transportiert hätten, und vielleicht auch, weil sie die Sprache nicht gekannt hätte, hatte sie keinen Schlüssel zum Verstehen zur Hand. Darum beachtete sie ihn nicht weiter.

An der Spaziermeile reihte sich ein Esstempel an den anderen. Worte mit Zeichen wie „Wiener Kaffeehaus“ und „Echtes Mailänder Ossobuco“ purzelten vor ihren Augen. Doch nichts davon verstand sie. Welch Oralfreuden sie sich vielleicht entgehen lassen musste! Vielleicht auch nicht. Alles, was sie bisher gegessen hatte, waren Meeresfrüchte gewesen. Ob ihr das Menschenessen überhaupt geschmeckt hätte? Sie war enttäuscht, irgendwie enttäuscht. In der dunklen Tiefe gab es Gerüchte über Nixen, die die Menschenwelt wundervoll gefunden hatten, die von Prinzen gefangen genommen worden waren, sich aber in sie verliebt hatten; die froh waren, dem ewigen Nass entkommen zu sein und durch den Regen tanzten; die die Sprache hatten verstehen und das Essen hatten genießen lernen. Aber wie seltsam erschien der nackten Nixe nun alles.

Also wandte sie sich wieder dem Fluss und dem Loch im Eis zu: R(h)einfall.“ Und damit beendete Laurie Anderson ihre Performance. Auf deutsch.

„Wien ist doch immer wieder eine Reise wert“, fand Francois de Chardonnay, während er, den Schlüssel vom Hotel in seinem eleganten Anzug verstauend, über das Kopfsteinpflaster zum „Le Gourmet“ flanierte. Nachdem er am Vortag in Mainz im „Domspatzen“ den größten kulinarischen R(h)einfall seiner bisherigen Karriere erlebt hatte, sehnte er sich mehr denn je nach einer wirklichen Oralfreude, einem Gaumenschmaus, der Seinesgleichen würdig ist.

Mario Konrads, der Restaurantleiter im Restaurant „Zum Domspatzen“ hatte offensichtlich nicht gewusst, wer da vor ihm saß. Andernfalls hätte sich dieser inkompetente und schmierige Bauchpinsel doch sicherlich etwas mehr Mühe gegeben, als er ihm- Francois de Chardonnay, dem weltberühmten und hochgeschätzten Restaurantkritiker- das angeblich beste Menü des Hauses serviert hatte. „Desaströs!“, hatte François nur gesagt, als er entsetzt aufstand, die Serviette auf den Teller warf, Konrads einen wütenden Blick zuwarf und das Restaurant stillschweigend und ohne zu bezahlen verließ. Jede Pommesbude hatte mehr zu bieten, als die Möchtegern-Köche im „Domspatzen“ und ihn wunderte, dass die Spatzen nicht schon längst von den Dom-Dächern pfiffen, dass dieses Restaurant die reinste Zumutung war.

Nun, nach seinem Besuch würde es sicherlich nicht mehr lange dauern, bis in Mainz ein neues Ladenlokal zur Verfügung stand. Den Artikel würde er am kommenden Montag verfassen, das Gesundheitsamt informieren und das Schicksal dieser Kaschemme wäre besiegelt. Nun aber freute sich François auf ein Wochenende im majestätischen Wien und insbesondere auf einen exquisiten Abend im „Le Gourmet“ mit dem weltweit besten Osso Bucco, das ihm jemals serviert worden war. Inhaber Sebastian „Sepp“ Rittberger hatte den Erfolg und eine tadellose Kritik wahrlich verdient. Seine Sterneköche waren legendär, die Speisen eine Geschmacksexplosion und unvergessliche Komposition.
Selbst Laurie Anderson hatte das „Le Gourmet“ besucht und ihre Eindrücke, dieser einzigartigen, hohen Kochkunst aus purer Leidenschaft und unvergleichlichem Genuss, in ihre Musik einfließen lassen.

François betrat das Restaurant, nahm seinen Lieblingsplatz in der Nähe des Hinterausgangs ein und bestellte „Osso Bucco de la Vienna“, die neuste Kreation des Hauses aus dem zartesten Kalbsfleisch, das jemals einen Gaumen berührt haben soll. Während er wartete, erschien Rittberger an seinem Tisch: „Aaaah geeeeeh, der Herr Monsieur de Chardonnäh, habn wir wiederramal die Eeehre“ begrüßte er seinen prominenten Gast in der typischen Wiener Schmäh. „Es freut mich außerordentlich, wieder hier zu Gast zu sein, mein werter Herr Rittberger“. „Die Freude is gaanz meinerseits Monsieur de Chardonnay, hams denn schon unsre Weinkarten studiert?“ „Selbstvertändlich Herr Rittberger. Ein Sauvignant Noir wird mir, auf Empfehlung des Küchenchefs, zum Osso Bucco serviert.“ „Na dann lassens sich guat gehn Herr Monsieur, aber machens mim Rotwein keine Flecken“ verabschiedete sich Rittberger zwinkernd, als der Kellner mit François‘ Bestellung kam.

François nahm den ersten Bissen.
Er hielt erschrocken inne.
Das war ein wahres Feuerwerk.
Das Meisterstück!
Diese Komposition übertraf Alles.
Sie hatte eine ganz besondere Note.
Eine Note, die er nicht greifen konnte, nicht definieren konnte, aber die offensichtlich etwas ganz Außergewöhnliches war.

So außergewöhnlich, dass er vor eisigem Schreck erstarrte, als er die grausame Wahrheit erkannte, ihm Schaum vor die Lippen trat und er tot über seinem Teller zusammenbrach.Sein Hand schlug als letzter Akt gegen das volle Weinglas mit dem edlen Sauvignant Noir. Als sich das wankende Glas zur Seite neigte, klirrend zu Boden fiel und sich der Rotwein dunkelrot über dem Tischtuch auszubreiten begann, sah man draußen einen dunklen Schatten zwischen den Fiakern verschwinden. Vielleicht war es tatsächlich Mario Konrads‘ hasserfülltes Gesicht, das Sekunden zuvor mit einem psychopathisch-zufriedenen Grinsen an der Scheibe des „Le Gourmet“ und dem sterbenden François erschienen war.

Ich sitze nervös im Restaurant. Italienisch, er hatte es ausgesucht. Das Beste in der Stadt meinte er. Besser italienisch hätte er außerhalb von Italien bisher nur in Wien gegessen. Wie nannte er es noch genau, eine unvergessliche Oralfreude. Ich musste lachen als er mir das Restaurant damit schmackhaft machen wollte. Ich blicke erneut auf die Uhr und frage mich warum ich bloß 20 Minuten zu früh da sein musste. Ich habe das Gefühl alle starren mich an und denken sich, ach die arme Frau sitzt ganz alleine im Restaurant, wurde wohl versetzt. Nachdem mich der Kellner erneut angesprochen hat bestelle ich dann doch ein Glas Wasser, damit ich wenigstens irgendwas hatte woran ich mich festhalten konnte.

Ich bin nervös, weiß gar nicht wann ich das letzte Mal so nervös war. Meine Arbeit hat dies anfangs auch noch geschafft, aber man wird ruhiger mit der Zeit, obwohl ein bisschen Nervosität und Angst immer dazu gehört, so bleibt man wachsam. Aber dieses Date macht mich definitiv nervöser als sonst etwas. Bisher hatten wir nur telefoniert und ab und an mal eine Mail geschrieben, persönlich treffen ist dann doch gleich nochmal ein Schritt vorwärts. Wir haben bereits Fotos ausgetauscht, daher gilt Blind-Date hier nicht mehr, aber gerade bei den Fotos sucht man wahrscheinlich das Beste das man finden kann. Wie sehr dies dann der Wahrheit entspricht ist eine ganz andere Geschichte.

Ich blicke erneut nervös auf die Uhr während ich an meinem Wasserglas nippe. Noch fünf Minuten, meine Nervosität steigt nochmal an. Ich dachte nicht, dass das möglich sei. Ich blicke mich im Restaurant um und entdecke den Kellner, der mich bedient hat. Er grinst mich an. Warum grinst der mich so an, denke ich mir, als ich ihn plötzlich sehe. Der Kellner zeigt in meine Richtung. Er lächelt, hebt die Hand zum Gruß und macht sich auf den Weg zu mir. Definitiv besser als das Foto denke ich mir als ich aufstehe, um ihn zu begrüßen.

Wir schütteln uns die Hand, doch er kommt näher und küsst mich auf die rechte dann auf die linke Wange. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Wahrscheinlich habe ich mich auch genauso dabei angestellt. Als wir uns wieder hinsetzen lächelt er mich nur an und sagt „Wir sind für heute in Italien, da macht man das so.“ Ich lächle zurück. Er bestellt eine Flasche Wein für uns und der Kellner bringt gleichzeitig mit dem Wein die Speisekarte. Ich kenne mich mit italienischer Küche nicht aus, außer Pizza und Spaghetti natürlich, aber ich denke das wäre hier und heute unpassend. Ich blättere also in der Speisekarte und entscheide mich letztlich für ein Risotto alla milanese während er sich Osso Bucco bestellt. Bei Risotto weiß ich wenigstens, dass es sich um Reis handelt, was er sich bestellt hat bleibt mir jedoch rätselhaft, möchte mir aber die Blöße auch nicht geben und ihn danach fragen. Ich werde es dann ja schon sehen denke ich mir.

Nach dem Essen entschuldigt er sich kurz auf die Toilette. Ich lächle, eigentlich ist das doch ein Frauending, um das Makeup nach dem Essen zu checken. Nachdem er den Tisch verlassen hat atme ich tief durch, und versuche mir erneut in Erinnerung zu rufen, dass ich nicht träume sondern diesen tollen Abend wirklich erlebe. Plötzlich höre ich mein Handy in meiner Tasche vibrieren. Ich hatte es lautlos gestellt, es ganz abzuschalten hatte ich nicht geschafft. Ich überlege kurz und denke mir dann aber, da mein Date ja grad nicht da ist, kann ich ja zumindest mal nachsehen wer es denn ist. Als ich auf Display blicke wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Einen kleinen Moment spiele ich mit dem Gedanken nicht zu antworten, weiß aber im selben Augenblick, dass ich meine innere Ruhe den ganzen Abend nicht mehr finden würde, wenn ich dies mache.

Ich drücke also die ‚Antworten-Taste‘ und verzichte auf das höfliche Hallo. „Ich hoffe es ist wichtig sonst bezahlst du einen Monat lang meinen Kaffee.“ Ich höre meinem Partner am anderen Ende der Leitung zu und bemerke nicht, wie mein Date wieder an den Tisch zurückkommt. „Ich bin am anderen Ende der Stadt, treffen wir uns gleich direkt vor Ort. Ich kann in 15 Minuten dort sein. Bye!“ Ich nehme das Telefon runter und merke erst jetzt, dass meine Begleitung bereits zurückgekehrt ist. Ich lächle nervös, er sieht mich besorgt an. „Ist alles in Ordnung?“ fragt er mich. Ich überlege kurz, was ich ihm sagen soll oder besser noch, was ich ihm überhaupt sagen kann. Er weiß, dass ich Polizistin bin, aber ansonsten haben wir über meinen Job noch nicht viel gesprochen. Wie auch, ich kann ihm doch beim Kennenlernen nicht von den Schattenseiten der Stadt erzählen. Ich spüre eine Hand auf meiner und kehre zurück in die Realität. Ich versuche zu lächeln. Ich vermute es gelingt mir nicht wirklich, zumindest sieht er mich immer noch besorgt an. So ein Reinfall schwirrt durch meinen Kopf. Ich ziehe meine Hand sanft zurück und nehme meine Tasche.

„Es tut mir sehr leid. Das war mein Partner am Telefon. Unsere Dienststelle ist unterbesetzt heute Nacht und ich muss daher leider dringend zur Arbeit.“ Das muss reichen, mehr kann ich nicht sagen. Hoffentlich fragt er mich nicht, ob oder gar was denn passiert ist. Ich möchte ihn nicht bei unserem ersten Date belügen müssen. Unser Kellner geht gerade an unserem Tisch vorbei und ich nutze die Chance, um ihm ein leises „Zahlen, bitte!“ zuzurufen. Ich kann ihn doch nicht bezahlen lassen, wenn ich ihm schon davonlaufe, denke ich mir dabei noch. Dann krame ich in meiner Tasche nach meiner Geldbörse während ich immer noch auf seine Reaktion warte. Als ich meine Geldbörse gefunden habe lege ich sie langsam auf den Tisch. Ich muss ihn nun wieder ansehen, kann ihn nicht länger ignorieren. Gesagt hat er leider immer noch nichts. Ich hebe den Kopf und blicke in ein trauriges Gesicht. „Es tut mir sehr leid“, sage ich erneut. Und bevor ich wirklich nachgedacht habe, sage ich als nächstes „Ich mache das beim nächsten Mal wieder gut, versprochen!“ Beim nächsten Mal, hatte sie das gerade wirklich gesagt. Wahrscheinlich will er gar kein nächstes Mal nach diesem Abend.

Dieses Mal unterbricht uns der Kellner mit der Rechnung. „Alles zusammen?“ fragt er als er an den Tisch tritt. Bevor ich etwas sagen konnte, höre ich von ihm ein freundliches „Selbstverständlich“ Er bezahlt also die komplette Rechnung und gibt auch noch saftiges Trinkgeld. Ich blicke auf die Uhr und werde langsam nervös. 15 Minuten hatte ich versprochen, aber die Tatsache, dass er nun auch noch alles bezahlt hat, macht das Aufstehen und Gehen jetzt nicht gerade einfacher. Doch er überrascht mich erneut, als er aufsteht und mir seine Hand reicht.

„Komm ich bring dich noch zum Auto.“

Er stellt keine Fragen. Wie perfekt können ein Date und ein Mann sein, bevor es zu perfekt wird. Ich parke direkt am Hinterausgang des Restaurants, daher haben wir auch nicht mehr viel Zeit zu reden, während er mich begleitet. Ich krame in meiner Tasche nach meinem Schlüssel. Er öffnet mir die Tür, wie der perfekte Gentleman. Bevor ich einsteige, drehe ich mich nochmal zu ihn um. Wir verabschieden uns italienisch mit einem Küsschen auf jede Wange. „Ruf mich an“ sagt er noch als ich in den Wagen steige. Ich lächle ihn an, dieses Mal ist es ein einfaches und ehrliches Lächeln und dann mache ich mich auf den Weg zum Tatort. Als ich am Hotel ankomme, erwartet mich Michael, mein Partner, schon in der Eingangshalle. Neben ihm steht ein dünner groß gewachsener junger Mann. Er stellt sich mir als ‚Herr Rittberger‘ vor, nachdem ich ihm meine Marke gezeigt habe. Er ist blass und wirkt sehr nervös und nachdem er uns in ein kleines Büro hinter den Empfangsbereich führt, beginnt er zu erzählen.

„In Zimmer 515 hat heute Morgen eine Frau Falling eingecheckt. Sie erzählte freudig an der Rezeption, dass sie extra angereist sei um das Laurie Anderson Konzert heute Abend zu besuchen. Sie hatte mich gebeten, sie pünktlich um 18:30 Uhr anzurufen. Sie hatte wohl Angst zu verschlafen und das Konzert zu verpassen. Ich habe also angerufen, aber es hat keiner geantwortet. Ich dachte mir, dass sie vielleicht im Bad sei. 15 Minuten später habe ich es erneut versucht, aber es hat wieder keiner geantwortet. Ich bin dann also nach oben gegangen, ich wollte nicht daran schuld sein, dass sie ihr Konzert verpasst und habe an die Türe geklopft. Als ich wieder kein Glück hatte, bin ich mit meinem Schlüssel ins Zimmer gegangen und.“ Er war noch blasser geworden und konnte nicht weiter sprechen. Er würgte und schüttelte den Kopf als könne er dadurch die Erinnerungen loswerden. Es muss wohl kein schöner Anblick gewesen sein, denke ich mir. Wir verabschiedeten uns vorerst von Herrn Rittberger teilten ihm jedoch auch gleich mit, dass wir noch einmal genauer mit ihm sprechen müssten. Danach war es Zeit sich den Tatort selbst genauer anzusehen.

Auf dem Weg in den fünften Stock erklärt mir Michael nur kurz, dass die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner bereits vor Ort seien. Ansonsten wurde nichts weiter gesprochen. Als wir Zimmer 515 betreten stockt auch mir kurz der Atem. Der Anblick, der einem dort geboten wird ist wahrlich kein schöner. Eine junge Frau, Anfang bis Mitte 30, lag dort nackt und mit Händen und Füßen ans Bett gefesselt. Michael und ich traten näher. Eine blutverkrustete Lippe und ein Rinnsal an getrocknetem Blut von der rechten Augenbraue bis zum Hals zeigten, dass sie wohl mehrfach geschlagen wurde. Sie hatte Schaum vorm Mund. „Wurde Sie vergiftet?“ frage ich eigentlich mehr zu mir selbst als zu allen anderen. Der Gerichtsmediziner blickt hoch und antwortet kurz und sachlich. „Sie wurde definitiv brutal vergewaltigt und geschlagen. Ob sie vergiftet wurde werden wir erst später wissen.“

Ich nicke ihm kurz zu und blicke mich dann weiter im Zimmer um und entdecke dabei etwas eingeklemmt zwischen Matratze und Bettrahmen. Ich streife mir einen Handschuh über und ziehe einen kleinen etwas eigenartig aussehenden Pinsel hervor. „Was ist das?“ frage ich als ich mich zu den anderen umdrehe. Der Gerichtsmediziner steht auf uns sieht sich den Pinsel näher an. „Das ist ein Bauchpinsel! Wird zur Massage und Sinneserweckung eingesetzt. Sehr entspannend!“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Ich sehe mir den Pinsel genauer an und blicke dann erneut zur Leiche. „Ich denke hier war es alles andere als sehr entspannend!“ Das Lächeln verschwindet unmittelbar aus dem Gesicht des Gerichtsmediziners. Ich packe den Pinsel in eine Tüte und drehe mich zu Michael. „Was denkst du?“ „Ich denke, dass wir von nun an wohl ein paar Schichten zusätzlich arbeiten werden.“

Paul war genervt und auch leicht wütend. Nur durfte er es sich gerade nicht anmerken lassen. Denn ihm gegenüber sass hier im Restaurant Klara, Ihres Zeichens Vertriebs-Assistenten und seine Ansprechperson eines neu gewonnenen Kunden. Paul wurde gestern nämlich geschäftlich nach Wien geschickt, um einen Auftrag unter Dach und Fach zu bringen.

Du musst da bloss hingehen und den unterschriebenen Vertrag abholen, sagte sein Chef.
Danach schaust du dir noch die Stadt an und gehst am Abend fein Essen, natürlich auf Geschäftskosten, sagte sein Chef. Dass er das Nachtessen mit der brutal langweiligen Klara zu sich nehmen musste, das hatte sein Chef natürlich NICHT gesagt.

So war er auch etwas überrascht, als sie ihn, gerade als er nach der Vertragsübergabe wieder gehen wollte, an Ort und Uhrzeit für den Abend erinnerte. Als Klara seinen leicht verwirrten Gesichtsausdruck sah, erwähnte sie das geführte Telefonat mit seinem Chef und die kommunizierte Einladung ins Restaurant und ob er, Paul, denn nicht Bescheid wusste? Paul war sichtlich bemüht, seine Ahnungslosigkeit nicht zur Schau zu stellen. Während er sich innerlich von einem gemütlichen Abend in einer Sportbar verabschiedete, schlug er sich spielerisch gegen den Kopf, klagte ob seiner Vergesslichkeit und meinte, dass er sich sicher nicht einfach so sang- und klanglos durch den Hinterausgang davonmachen wollte, nachdem der Vertrag jetzt unterzeichnet war.

Und so sass er jetzt mit ihr da. Klara, die sich zwar schön zurecht gemacht hatte, dafür aber kaum ein Wort sagte, leicht nervös wirkte und sich immer wieder umschaute. Wenn sie etwas erzählte, dann nur öde Spaziergeschichten über ihre Bulldogge Rittberger, welche unter dem Tisch lag und gerade seine Schuhe vollsabberte. Ansonsten schien sie überhaupt nichts zu interessieren; also sowohl die Bulldogge als auch Klara. Und er hatte sich wirklich Mühe gegeben: er bauchpinselte Klara bezüglich ihres Kleides und ihrer Einstellung zur Tieren, lobte die Geschäftsphilosophie ihres Unternehmens, schnitt Themen zu Kultur und Urlaubsaktivitäten an, aber sie schien gar nicht richtig anwesend zu sein. Sagte nur Ja und nein und erzählte dann, wie Bulldogge Rittberger mal von einer Tapetenabrisskante Leim geleckt hatte und sich danach den ganzen Tag übergeben musste. In den vielen zuvor geführten Telefonaten war die Kommunikation bedeutend einfacher gewesen. So war er innerlich genervt über die Situation und wütend auf seinen Chef.

Dazu hatte sie die widerliche Angewohnheit mit offenem Mund zu essen. Sah er sie an, hatte er den besten Blick auf durchgekautes Osso Buco. Hätte Paul einen Essensfetisch gehabt, wäre das Beobachten ihres Essverhaltens eine wahre Oralfreude gewesen, aber so….. Zu seinem Leidwesen bestellte sie sich auch noch ein Dessert. Paul war danach überzeugt, nie mehr ein Stück Schwarzwälder Torte essen zu können. Er nahm noch einen Schluck von seinem Latte Macchiato mit aufgeschäumter Milch. Er war immer noch wütend ob der Situation; hatte jetzt zudem auch noch Schaum vorm Mund. Nur die Musik von Laurie Anderson jetzt hören zu müssen wäre schlimmer gewesen als dieses Geschäftsessen hier! Dieser Abend war einfach nur ein riesiger Reinfall gewesen. Er nahm sich vor, in der nächsten Woche vier Tage blau zu machen und es so seinem Chef heimzuzahlen.

Kaum hatte Klara das letzte Stück Torte verschlungen, machte er den Kellner auch schon auf die Rechnung aufmerksam. Vor dem Restaurant wollte er sich auch gleich verabschieden, aber Klara ergriff plötzlich seinen Arm und sah ihm in die Augen.

Sagte unruhig, dass sie ja so was noch nie gemacht hatte.
Sagte nervös, dass sie deswegen den ganzen Abend etwas aufgeregt und abgelenkt war.
Sagte leicht zitternd, dass sie ihn, Paul, ja irgendwie mochte.
Sagte etwas verlegen, dass sie ja froh war, dass er sich quasi nicht aus dem Hinterausgang davongemacht hatte.
Sagte entschlossen, sie würde ihm jetzt ihren Hausschlüssel in die Hand drücken.
Sagte herausfordernd, damit könnte er sich jetzt Zugang zu einem ganz anderen Hinterausgang beschaffen.

Paul sagte gar nichts mehr. Schaute sie nur überrascht an, und dabei war sein Mund noch weiter offen, als ihrer während des gesamten Essens…..

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Zu gewinnen gibt es auch etwas:

Ich fange diese Woche an, zehn Wörter vorzugeben und diese sollen dann im Text beinhaltet sein. es sind bewusst leichte Wörter für den Anfang. Bitte schreibt nun keine zusammenhanglosen Sätze, wie es beispielsweise im “Freitagsfüller” sein kann. Eine richtige Geschichte (wie in den obigen Beispielen) sollte es schon sein. Hier sind also jetzt eure zehn Wörter für eine Geschichte. Daher heißt es ja auch: “Eins aus Zehn”:

  • Heimweh
  • Sterne
  • Gemüsesuppe
  • Ivan Growanowitsch
  • Frühsommer
  • Haltbarkeitsdatum
  • Gesichtsmaske
  • Nachbarhund
  • Gretchenfrage
  • Kapitalvermögen

Nun bin ich gespannt auf eure Geschichten. Ich wünsche euch viel Spass und Freude beim Schreiben und natürlich auch ein wenig Glück. In diesem Sinne euch ein schönes Wochenende.

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Macht mit bei schönen “Wortspielereien”:

  • Der Freitagsfüller
  • Der Freitagstexter
  • 18 Worte am 18ten
  • Eins aus Zehn
  • Die “abc-Etüden”
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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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