Stresemanns Ganz normal

Erinnerst Du dich?

Mit Erik Ode als Kommissar Herbert Keller beginnt eine bis heute andauernde Epoche von TV-Ermittlern. Figuren wie Derrick, Matula und Köster hatten ihren Auftritt. Doch keine der nachfolgenden Serien vermochte an Qualität dem “Kommissar” den Rang abzulaufen. In dieser Serie mit Erik Ode wurden filmische Kunstwerke geschaffen, denen man heutzutage, im Zeitalter der Säuselstimmen und operierten Gesichter, vergeblich nachtrauert.

Ode hatte bereits eine lange Karriere als Filmschauspieler und Regisseur hinter sich, als er ab 1969 die Rolle des Kommissars übernahm. Zudem wirkte er als Synchronsprecher. Unter anderem war er die deutsche Stimme von Cary Grant.

Erik Ode, der durch seine Rolle als Kommissar Keller sein eigenes Denkmal schuf, legte in den Charakter, der er verkörperte, in erster Linie eine Mischung aus fühlbarer Menschlichkeit, väterlicher Fürsorge, großer Hartnäckigkeit und feiner bis greller Ironie. Zum Beispiel wenn er das Badezimmer des versoffenen Blasek begutachtet und sagt: “Seidenhemdchen, Strumpfhosen… naja, das ist ja alles was man so braucht!”; mit einem kurzen Lacher und todernstem Blick!

Getrieben wird dieser Mann durch drei Motivationen. Einerseits ist es seine Arbeit, Mörder zu überführen. Desweiteren fangen Fälle irgendwann an, ihm Spaß zu machen. Und schließlich provozieren ihn manchmal die Verdächtigen, so dass er ihnen nicht selten offen mitteilt, dass er sie für schuldig hält und er sie nicht und niemals in Ruhe lassen wird. Fast bekommt man mit diesen Gejagten Mitleid, wie z.B. mit Franz Berneis (Christoph Bantzer) in “Toter gesucht”, dessen Vater (Berhard Wicki) ein veritabler Kotzbrocken ist.

Nur selten ist der Kommissar moralisch. Wenn Keller in “Die Tote im Park” mit Vater Halonde spricht, der an der Moral der Gegenwart und der jungen Leute zweifelt, grenzt er sich ab: “Der Mann sucht die Moral. Da haben wir es einfacher. Wir brauchen nur einen Mörder zu suchen.” Der Zuschauer kann darüber nachdenken, wie das einzuordnen ist, wenn sich um 1970 herum zwei ältere Herren über Moral unterhalten.

Und nicht selten dürften sich die Zuschauer wünschen, der Kommissar möge nicht zum Erfolg kommen. Warum nur muss Keller die alten Damen überführen und in den Knast bringen, die ihre Ehemänner – sämtlich seelenlose Drecksäcke – in gut organisierter Teamarbeit ins Jenseits befördert haben? Wieso muss er der Hotelsekretärin das Geld abjagen, die sich für ihre todkranke Tochter ins Zeug legt und korrupten Kunstbetrügern Geld ab erpresst, welches ursprünglich aus dem Riesenvermögen kuweitischer Ölscheichs stammt?

Der Kommissar ist oft Beobachter. In “Die Schrecklichen” z.B. begnügt er sich lange damit, den älteren Herren zu folgen. Und sehr oft steht er scheinbar abseits, schaut zu, während seine Inspektoren Verdächtigen Fragen stellen. Und er nimmt oft Details wahr, die anderen entgehen, z.B. die Zigarettenstummel mit Lippenstift im Kamin von Dr. Meinhardt. Gut Hingucken und Zuhören – dadurch ist er immer einen Schritt voraus.

Musik spielt eine große Rolle im “Kommissar”, der sie – in der Regel in Anwesenheit schöner junger Damen – auch genießen kann. “Am Tisch” mit Marion (Ann Smyrner) lauscht er den Akkorden und betörenden Melodien, die Ben (Herbert Bötticher) hervorzaubert, sowie dem schwelgenden Mitsummen der schönen Bardame. Mitunter tanzt der Kommissar…

Und als Proschitz (Günter Ungeheuer) im Gespräch mit dem Kommissar über die schöne tote Gerda zu sprechen anfängt, setzt punktgenau im Hintergrund eine wunderschöne Trompetenmusik ein. Begabte Menschen – leider Opfer von Verbrechen – komponieren sogar: Klavierspieler Fellner ebenso wie Eva Wechsler. Ihre Klavierstücke rühren die Hinterbliebenen zu Tränen.

Anders als in heutigen TV-Produktionen scheute man sich damals nicht, die soziale Wirklichkeit zu zeigen. “Das Leben ist ein Geldproblem.” Armut gibt es weit häufiger zu sehen als schöne Villen, nagelneue Limousinen und reiche Leute. Man sieht heruntergekommene Altbauten, alte Rostlauben, dreckige Hinterhöfe, und na klar, wenn da eine alte Frau 3000 Mark im Lotto gewinnt, dann ist sie so gut wie tot. Aber nicht Geldgier ist das Motiv, sondern Geldnot. Auch, wenn sie sich noch so sehr bemühen, sie kommen aus ihrer elenden Lage nicht heraus: weder Kellner Wachsner, noch Gemüsehändler Stöber oder Anna Bergmann, auch nicht Witzeerzähler Waldmann.

In allen diesen Filmen glänzt Erik Ode mit seinen sprachlich-stimmlichen Fähigkeiten ebenso wie mit seiner Ausdruckskraft. Ein intimer Moment, der unter die Haut kriecht, geschieht in der Folge “Überlegungen eines Mörders”, als der Kommissar die geschiedene Frau Taveller (Nadja Tiller), deren Ex-Mann soeben erschossen wurde, durchdringend ansieht und ihr sagt: “Ich versuche, Ihre Gefühle zu erkennen.” Ein großartiger Moment, großes Schauspiel!

“Der Kommissar” und das Schauspielen von Erik Ode sind eine Schatzkammer intensiver Momente. Groteskes ist zu sehen wie die Konfrontationen mit Mandy Schulz (Helmut Lohner), Mutter Boszilke (Marianne Hoppe) oder Wolfgang Karass (Götz George); Tragisches wie die Schicksale von Dr. Winter oder Hugo Bechtold; Verzweiflung wie der vergebliche Kampf von Mutter und Tochter Gutmann gegen eine unheilbare Krankheit; unglaubliche Brutalität wie die Ermordung von Frau Klett oder die Mißhandlung der kleinen Ilse Kempe (Anne Bennent).

Ständiger Begleiter: Der Alkohol. Keller und seine Leute lassen es sich schmecken von früh bis spät. Kaum zu glauben, dass irgendwer da noch handlungsfähig ist, wenn der Schnaps beizeiten sogar aus Trinkgläsern getrunken wird. Aber es gibt auch die, die der Alkohol zerstört hat: Blasek zum Beispiel, oder Biebach oder Schichta, den man despektierlich “die Ratte” nennt. Diese Alkoholiker indessen zeichnen sich aus durch Menschlichkeit und Mitleid, durch Solidarität mit Ihresgleichen. Biebach und Hugo teilten alles miteinander, wenn es nicht gerade “nur was für einen” ist. Und Schichta ist der einzige, der der in die Jahre gekommenen Hure Heide Hansen bei Regen und Kälte ein Obdach gibt.

Alles das, unzählige Charaktere – kaum einer davon oberflächlich inszeniert oder schlampig besetzt – gibt es im “Kommissar”. Viel Spannung, viel Humor, viel Gefühl, viel Menschlichkeit, große Schauspieler, große Stoffe… alles das hat diese großartige Serie legendär gemacht, vor allem aber Erik Ode, der heute Geburtstag gefeiert hätte. Der kleine Mann, der ein ganz Großer war.

In der nächsten Folge:

Der Lord und der Finanz-Playboy. So jedenfalls wurden Tony Curtis und Roger Moore in ihrer Serie “Die Zwei” dargestellt. Das Original floppte in Großbritannien, die Version in Deutschland wurde zum Kult, durch die ungewöhnliche Synchronisation.

1 Kommentar

  • Oh ja und wie ich mich erinnere. Gerade über die Mediathek einige Serien vom Kommissar und auch von Derrick noch mal geschaut.

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