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Frau am Kreuz (1. Teil)

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Von der mittelalterlichen Heiligen zu Pop-Ikone

Mit Conchita Wurst eroberte eine bärtige Frau Europa: Das gab es schon viel früher – lange vor dem Jahr 2014. Ausgerechnet im katholischen Volksglauben des Mittelalters findet sich ein heute weitgehend vergessener Kult um eine Frau mit Bart: Die heilige Kümmernis.

Das Frauenmuseum im österreichischen Hittisau widmet sich in einer Ausstellung der „Frau am Kreuz“. Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Oktober 2019 zu sehen. Eine Frau mit Bart am Kreuz ist ein sehr altes Motiv und noch dazu eines, das an Orten zu finden ist, an denen man es nicht vermuten würde: nämlich im katholischen Volksglauben im mittelalterlichen Europa.

In vielen Regionen West- und Mitteleuropas entstanden im 14. und 15. Jahrhundert Legenden von einer Märtyrerin mit Bart, die gekreuzigt worden sein soll. Sie hat viele Namen: Kümmernis oder Wilgefortis heißt sie etwa in Österreich und Bayern, Ontkommer in Belgien, Uncumber in England.

Wie diese Legende genau entstanden ist und was sie beinhaltet, erzählt euch Michael Köhlmeier, sowohl im Film, als auch im Wort.

Der Bart als Schutzschild

Die Geschichten, die sich um die Heilige Kümmernis ranken, sind in ihren konkreten Ausformungen höchst unterschiedlich, die zugrundeliegende Legende ist aber immer die gleiche: Ein König (meistens der König von Portugal) will seine schöne, jungfräuliche Tochter mit einem anderen König (meistens dem von Sizilien) verheiraten. Diese sträubt sich dagegen und bittet Gott im Gebet darum, sie so zu verändern, dass kein Mann mehr Interesse an ihr habe.

Daraufhin wächst der jungen Frau über Nacht ein Bart. Sie werde Christus gleich, heißt es in einigen Versionen. Der König ist erzürnt und lässt sie zur Strafe – wie Christus – kreuzigen. Der Bart funktioniert in der Geschichte wie ein Schutzschild, um die Jungfräulichkeit der Prinzessin und damit ihre sexuelle Selbstbestimmung zu bewahren. Durch ihren Tod am Kreuz wird sie schließlich tatsächlich Jesus gleich – ein Ziel, das viele Gläubige im Mittelalter anstrebten.

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Eine Ausstellung im Frauenmuseum Hittisau rollt die 500-jährige Geschichte der Kultfigur der Frau am Kreuz auf, geht ihrer Bedeutung für die Menschen früherer Zeiten nach, befragt aber auch ihre heutige Rolle als mögliche Leitfigur eines geschlechterinklusiven Menschenbildes.

In einem zweiteiligen Beitrag möchte ich euch die „Frau am Kreuz“ einmal näher vorstellen.

Verwechslung als Ursprung

Heute gilt es als wahrscheinlich, dass die Legende nicht auf wahren Begebenheiten fußt. Gemäß dem am weitesten verbreiteten Erklärungsmodell beruht der Kümmernis-Kult vielmehr auf einer Verwechslung. Der Ursprung der bärtigen Jungfrau am Kreuz sind demnach bestimmte Darstellungen der Kreuzigung Jesu.

Während Jesus am Kreuz typischerweise gezeichnet vom Leid, mit Dornenkrone und fast nackt dargestellt wird, entwickelten sich im Europa des zehnten bis zwölften Jahrhunderts auch andere Darstellungen, die ihn als Triumphator über den Tod mit entspannter Miene und manchmal auch mit einer goldenen Krone am Kreuz zeigten. In einigen dieser Darstellungen trägt er eine lange Robe mit goldenem Gürtel.

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Die älteste erhaltene Darstellung der heiligen Wilgefortis stammt aus einem Gebetbuch um 1400 und befindet sich heute in der Schlossbibliothek Aschaffenburg.

Der beigefügte Text bezieht sich auf das Gleichnis der törichten und klugen Jungfrauen (Mt 25,1-13): „Hec est virgo sapiens, quam Deus vigilantem invenit.” („Dies ist die weise Jungfrau, die Gott wachsam vorfandt”)

Eine der bekanntesten Varianten dieses bekleideten Gekreuzigten ist das Volto Santo („heiliges Gesicht“) in Lucca in der Toskana. Und dieses soll nach der gängigen Erklärung auch der Ursprung des Kümmernis-Kults sein. Nachahmungen des Volto Santo hätten sich als kleine Gebetsbilder oder Ähnliches über ganz Europa verbreitet und seien von den Gläubigen, die keine gewandeten Jesus-Darstellungen kannten, fälschlicherweise als weibliche Figuren interpretiert worden.

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Der arme Geiger

Für diese Deutung spricht auch noch eine weitere Figur, die oft zusammen mit der heiligen Kümmernis abgebildet wird: Neben dem Kreuz findet sich immer wieder ein Geiger, meist in Verbindung mit einem Schuh, der der Gekreuzigten fehlt. In der Kümmernis-Geschichte wird auch dies unterschiedlich ausgelegt, meistens aber so, dass der Geiger als Lohn dafür, dass er sie mit seiner Musik am Kreuz begleitet, einen silbernen oder goldenen Schuh als Belohnung erhält. Der Geiger wird daraufhin für einen Dieb gehalten, bekommt aber vor den Augen derer, die dies behaupten, auch noch den zweiten Schuh geschenkt.

Auch dieses Motiv gab es schon früher in Verbindung mit dem Volto Santo von Lucca. Dort wird schon im 12. Jahrhundert von einem Wunder berichtet. Ein armer, aber sehr frommer Pilger, der das Kruzifix verehrte, soll von diesem auf wundersame Weise einen silbernen Schuh geschenkt bekommen haben. Der Schuh und der arme Mann bzw. später der Geiger stellen also eine weitere Verbindungslinie zwischen der weiblichen Gekreuzigten nördlich und dem männlichen Gekreuzigten südlich der Alpen dar.

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In der Reihe der jungfräulichen Märtyrerinnen Margarete, Katharina, Barbara, Paula, Julia, Eulalia und Blandina – nehmen jene einen prominenten Platz ein, die durch ihren Tod am Kreuz in besonderer Weise Christus ähnlich wurden.

Der Legende nach erleidet die heilige Margarete den Tod durch das Schwert, nachdem sie unglaubliche Martern ertragen hat. Allerdings zeigen zwei Altäre dieser Heiligen aus dem 15./16. Jahrhundert heute in Dijon bzw. London – auch diese iungfräuliche Märtyrerin als Gekreuzigte.

Weite Verbreitung

Ungeachtet der Ursprünge zeugen bis heute zahlreiche Darstellungen der bärtigen Jungfrau am Kreuz davon, dass die Legende im Europa des Mittelalters sehr weit verbreitet gewesen sein dürfte. Sehr frühe Belege finden sich etwa in den Niederlanden, wo die bärtige Heilige als „Ontcommer“ bekannt war, oder aus England, wo sie „Uncumber“ hieß. Beide Namen weisen auf die Funktion hin, die der Märtyrerin zugeschrieben wurde: „Entkümmerung“, also die Befreiung von Lasten und Sorgen.

Auch im deutschsprachigen Raum, vor allem in Tirol und Bayern, gab es zahlreiche Stätten, die der rätselhaften gekreuzigten Jungfrau geweiht waren. Die Kunsthistorikerin Ilse E. Friesen hat 2001 in ihrem Buch „The Female Crucifix“ Kümmernis- und Wilgefortis-Kulte in ganz Europa untersucht und widmet Kümmernis-Darstellungen in Tirol ein eigenes Kapitel.

Geschichtlicher Feminismus

Generell steht die Geschichte der heiligen Kümmernis in einen feministischen Kontext. Der Legende liegt das Bedürfnis nach einer weiblichen Christusfigur zugrunde, auch wenn sich nicht genau sagen lässt, wo die Geschichte vom König und seiner widerspenstigen Tochter herkommt.

Die heilige Kümmernis entspringt demnach dem Bedürfnis einer gesellschaftlich marginalisierten Gruppe nach Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Auch wenn die Umstände mit der Gegenwart kaum vergleichbar und die Parallelen zufällig sind, dieser Grundgedanke gilt wohl auch für den augenblicklichen Feminismus mit der derzeit bekanntesten bärtigen Frau des 21. Jahrhunderts. Aber auch mit den Darstellungen moderner Künstler.

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Was haben Georg Grosz, Rosa oder Madonna mit der “Frau am Kreuz” zu tun? Im 2. Teil erzähle ich euch etwas mehr darüber.

Über das Frauenmuseum Hittisau

Weltweit gibt es über 50 Frauenmuseen – in Städten wie Bonn, Meran, Ärhus, Dakar, Xi’an‚ Ho-Chi-Minh-Stadt oder San Francisco. Das Frauenmuseum Hittisau ist das einzige im ländlichen Raum. Starke Frauen spielen in lokalen Mythen des Bregenzerwaldes eine große Rolle. So sollen Frauen in der Schlacht an der Roten Egg am Ende des Dreißigjährigen Krieges schwedische Truppen in die Flucht wurde geschlagen haben. Im Jahre 2000 wurde in Hittisau ein Gebäude für Feuerwehr und Kultur geplant. Daraus entwickelte die aus Hittisau stammende Elisabeth Stöckler ein Konzept für ein Museum, in dem Frauengeschichte und Frauenkultur erforscht, ausgestellt und vermittelt werden.

Im Jahre 2020 feiert das „Frauenmuseum Hittisau“ sein 20-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung zum Thema „Geburt“.

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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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