Stresemanns Ganz normal
Hausen & wohnen

Konzert des Alltags

Das leben spielt immer anders als der Raum

Auf 90 Quadratmetern kann man sein Leben unterschiedlich gestalten. Gleicher Raum bedeutet nicht, dass der Mensch auf ähnliche Weise den Raum nutzt. Er gestaltet das Innere seiner vier Wände nach seinen Bedürfnissen, finanziellen Möglichkeiten und Vorlieben.

In meinem Mehrfamilienhaus lässt sich die Vielfalt der Lebensgestaltung ab 7 Uhr morgens akustisch erahnen: Im Erdgeschoss lautes Babygeschrei und Knallen der Badezimmertür. Eine Großfamilie, die den Kampf um die Dusche ausficht. Aus dem ersten Obergeschoss erklingen Mozarts kleine Nachtmusik und das freudige Bellen eines Hundes, der das Gassigehen kaum erwarten kann. Auf dem Parkett der zweiten Etage ist das Geräusch der Gummireifen eines Rollstuhls zu vernehmen. Meine betagte Nachbarin fährt ihren Mann ins Bad und hilft ihm beim Anziehen. Im obersten Geschoss streitet sich eine alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern am Frühstückstisch.

Die tägliche Geräuschkulisse unseres Mehrfamilienhauses birgt eine Vielfalt an Lebensmodellen. Die Hellhörigkeit der Wände lässt mich einen virtuellen Blick in das Leben meiner Nachbarn werfen. Ein Konzert an Geräuschen des Alltags. Jeder Ton zeichnet eine andere Handlung, einen Gedanken, eine andere Lebenslinie und Entscheidung. Den Tag über wirkt unser Hausflur lebendig: Geschirr klirrt, viele Stimmen, Musik im Radio, das Klingeln des Postboten, spielende Kinder, Abschließen von Türen ein ständiger Wechsel – das Leben macht keine Pause.

Abends wird es zunehmend ruhiger im Mehrfamilienhaus. Im Erdgeschoss werden die Kinder der Reihe nach ins Bett gebracht. Die erschöpften Eltern haben nicht mehr viel vom Abend für sich. Über ihnen hört man Beethovens Mondscheinsonate und das freudige Bellen des Hundes, der gleich mit seinem Herrchen Gassi geht. Im zweiten Obergeschoss ist nur leises Knacken eines Holzbettes zu hören. Das ältere Ehepaar liegt bereits im Bett. Die alleinerziehende Mutter aus der dritten Etage schaut mit ihren Kindern eine Cartoonserie.

Draußen vor dem Haus an der Straße stehend und in die Fenster der Menschen blickend, denke ich über das Leben meiner Nachbarn nach. Wir alle haben die gleiche Quadratmeterzahl an Fläche, und doch gestaltet sich unser Alltag vollkommen anders. Das Leben spielt immer anders als der Raum, kommt mir in den Sinn. Es füllt und bestimmt ihn, gibt den Takt an und lässt ihn klingen.

Es wird leise im Hausflur und ein letztes Licht brennt noch im ersten Obergeschoss, bei dem Herrn, der bis in die Nacht hinein noch liest. Das Konzert des Alltags neigt sich dem Ende zu.

Unser Dank an Margarete Schylek, Pastoralreferentin der Gemeinde St. Joseph-Süd in Münster, die uns diesen Text zu Verfügung stellte. 

In der nächsten Folge:

Wohnt Gott noch hier?

Wenn Kirchen nicht mehr als Kirchen Verwendung finden, was passiert dann mit ihnen?

Wir verraten euch, wie Sakralbauten umgenutzt werden. Einige Ideen sind dabei ziemlich pfiffig.

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