Ganz normal

Kuckuck? Wo bin ich?

09:13 Uhr

Bin gerade aufgewacht. In einem Krankenhaus offensichtlich. Liege vollkommen in Gips, nur die rechte Hand ist frei, mit der ich noch schreiben kann. Scheine aber keine ernst zu nehmenden Verletzungen erlitten zu haben. Weiß nur noch, dass unser Flugzeug notlanden musste. Aber in welchem Land?

10:00 Uhr

Gerade kam eine glutäugige Schönheit an mein Bett. Sie brachte mir Frühstück und redete mit Lauten auf mich ein, als würde sie bei der Muppets-Show ein Huhn synchronisieren. Ich verstand kein Wort. Ob ich auf den Fidschi-Inseln bin?

11:22 Uhr

Mit den Fidschi-Inseln liege ich geographisch doch wohl falsch. Das Mittagessen verabreichte mir eine Dame mit Schlitzaugen, freundlich wie eine Kichererbse und mit Haube etwa 1 Meter 45 groß. Sie trällerte einen Satz, der wie Wing-Weng-Wung klang. Wenn ich nicht in Korea bin, fresse ich einen Staubsauger.

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13:00 Uhr

Müsste den Staubsauger eigentlich fressen, denn auch mit Korea ist es nichts. Der Oberarzt war nämlich gerade da. Er sieht aus wie Achilles mit Solarium, spricht offen hörbar griechisch, klopfte helenisch gegen meinen Gips und hob beim Abschied die Hand zum Gruß wie ein Olympiasieger mit Lendenschurz. Ich bin in Athen, oder?

17:15 Uhr

Auch in Athen scheine ich nicht zu sein. Kann den Ort also von meiner Liste streichen. Als mir vor zehn Sekunden eine amtlich zugelassene Oberschwester den Puls abtastete, wagte ich sie anzusprechen. Aber nur japanische Worte quollen mir entgegen. das Krankenhaus scheint in Tokio zu ein. Langsam dreht sich alles um mich.

19:00 Uhr

Bin jetzt vollkommen verwirrt. Das Nachtessen brachte mir eine Pflegerin, die so spanisch aussah, wie Carmen im Stadttheater Bochum. Das Bettlaken wurde mir von einer Italienerin glatt gestrichen, ein tibetanischer Hilfssanitäter steckte mir ein Thermometer in den Mund und eine chinesische Praktikantin zog es wieder heraus. Alle meine Spekulationen sind im Eimer. auf den Fidschi-Inseln bin ich nicht, in Korea ebenso wenig, Griechenland, Japan, Spanien, Italien, Tibet – fallen flach. Sollte ich tatsächlich in Peking sein? Mir wird gelb vor Augen.

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23:58 Uhr

Die Nachtschwester kommt zwar aus dem Iran, spricht aber fließend gebrochenes Deutsch. Und endlich weiß ich auch, wo ich bin. Dem Himmel sei Dank: Ich bin in einem deutschen Krankenhaus.

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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