Stresemanns Ganz normal

Künstlerpech

Ab und an sind uralte Geschichten wieder so fremd, dass sie sich erneut erzählen lassen. Die nachfolgende Geschichte stammt nicht aus meiner Feder, es ist nicht bekannt, von wem. Aber sie ist so schön, weil sie eben noch jeden Tag so passieren kann.

Der Rundfunksprecher Jan Konrad Albertsen, seit drei Jahren bei einem Sender tätig, wurde eines Tages mit dem Ansagen des musikalischen Unterhaltungsprogrammes beauftragt. Niemand konnte so weich und schmelzend die Namen „Tschaikowsky“, „Mendelssohn-Bartholdy“ oder „Anton Dvorak“ aussprechen wie er. Ob russische, spanische oder italienische Komponisten – Albertsen sagte sie mit derselben spielerischen Leichtigkeit an, wie skandinavische oder deutsche Namen.

Eines Abends jedoch, als er zu Hause auf dem Sofa saß und das Programm für den folgenden Tag durchblätterte, fiel sein Blick auf den Namen, der ihn zuerst stutzen und dann erbleichen ließ. Mit einem Satz fuhr er in die Höhe.

„Da haben wir‘s!“ sagte er atemlos zu seiner Frau. „Einmal musste es ja so kommen. Früher oder später – nun ist es soweit!“

„Wovon sprichst du, Konrad?“ fragte seine Frau verstört. „Von diesem verdammten Russen Kimsky Rosakow … nein, Unsinn … Rimska Romanskow … Komska Womsikow … nein, nein! Ich kann den Namen nicht aussprechen!“

Seine Frau warf einen Blick in das Programm. „Rimsky-Korsakow“, sagte sie kopfschüttelnd. „Das ist doch kein Kunststück! Jedes Kind kann das sagen: „Rimsky-Korsakow, Rimsky-Korsakow!“ „Ich weiss nicht, woran es liegt, aber bei uns im Sender kann niemand den Namen richtig aussprechen. Jedem Ansager graut davor. Warum muss das Los gerade mich treffen? Die Hörer werden sich über mich lustig machen – vielleicht verliere ich meine Stellung. Am nächsten Tag wird in der Zeitung stehen, es sei ein Skandal, dass ein Rundfunksprecher nicht einmal die elementarsten Grundbegriffe der Sprechtechnik beherrscht. Glaub mir, ich weiß Bescheid … am Ende muss ich bei der nächsten Intendantensitzung hundertmal zur Strafe sagen: Rimska … Ramska … Ramski … Romski … nein …Kimsky Komskonom!“

„Rimsky-Korsakow!“ berichtigte seine Frau. „Richtig, ja … Komsky Rimskikow…!“ In der folgenden Nacht schlief Albertsen sehr unruhig. Am Morgen fuhr er mit seinen Versuchen fort, den Namen richtig auszusprechen. Indessen – außer den schlimmsten Verdrehungen und Entstellungen kam nichts dabei heraus. Als Jan Konrad Albertsen schliesslich auf dem Weg zum Sender war, fühlte er, wie seine Knie zitterten. Der Zeitpunkt der Ansage rückte immer näher. Albertsen wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. An den Lautsprechern konnte man sein Herz so deutlich klopfen hören, wie die Paukenschläge zu Beginn von Beethovens Sinfonie: „Bumm, bumm, bumm, bumm!“

Dann begann er: „Und nun, liebe Hörerinnen und Hörer, spielen wir eine halbe Stunde lang russische Musik, ausgeführt von unserem Sinfonieorchester. Wir beginnen mit einer Komposition von … Rimsky-Korsakow!“ Es klappte! Er hatte es geschafft! Die dunklen Schatten verschwanden von seinem Gesicht. Die Techniker im Kontrollraum strahlten. Albertsen atmete erleichtert auf und fuhr fort: „Wir beginnen mit der dymphonischen Sichtung ‚Die Hirtensucht des Sennmädchens‘!“

1 Kommentar

  • Herrlich!!!! Wer kannt solche Stolpersteine nicht? Da wundert es dann nicht, wenn ein Vertreter einen kleinen aber im EU-Parlament vertretenen Partei ein T-Shirt trägt, auf dem deutlich zu lesen ist: ‘Truck Fonald Dump’

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