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Man nehme einen trunkenen Hummer…

„In Brasilien“, erzählte ein als Feinschmecker bekannter Freund von uns, „haben sie fürs Hühnerbraten ein Rezept. Man nimmt ein lebendes Huhn, gibt ihm einen Schluck Rum zu trinken ….“

„Rum?“ schrie ich auf. „Dem Huhn?“ „Genau!“ versetzte der Freund. „Die Idee ist nicht so unsinnig. Sie würden sich wahrscheinlich auch nicht gern den Kopf abhacken lassen, wie? Alles in Ihnen würde sich dagegen sperren, Sie wären verkrampft nicht wahr?“
„Das will ich meinen“, bestätigte ich. „So geht‘s auch dem Huhn“, nickte er lebhaft, sich zusehends für da Thema erwärmend. „Deshalb gibt man ihnen etwas Rum – und nach kurzer Zeit vergehen ihm die Sinne – und dann schnell runter mit dem Kopf und hinein in die Pfanne mit dem Vogel, entspannt bis in jeden Muskel – und daher dann wundervoll zart!“

In der darauffolgenden Woche erwartete ich Gäste zum Abendessen und hatte lebende Hummer bestellt. In großen Kübeln voll Seetang verpackt kamen sie an. Ich schleppte die Kübel in die Küche und kippte die Hummer aus. Sie krochen mit zuckenden Bewegungen auf dem Fußboden herum, machten Stielaugen und schnappten mit den Scheren. Dann verzogen sie sich rückwärts in Richtung Ausguss und starrten angespannt zu mir herauf. Angespannt! Verkrampft!

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Unser Gespräch fiel mir wieder ein. Gott im Himmel, wie wäre mir zumute, wenn ich in einen Topf mit kochendem Wasser geworfen werden sollte? Es war klar, was ich zu tun hatte. Ich ging weg und kaufte acht Liter Weißwein. Am Abend gossen meine Frau und ich die Hälfte davon in einen großen Topf, stellten ihn auf den Fußboden und warfen den ersten Hummer hinein. Er versank in dem Rebensaft und versuchte zu schwimmen. Dann schossen seine Augen steil in die Luft, er fuhr wild mit den Scheren hin und her, gab ein empörtes Zischen von sich und kletterte über den Rand des Topfes auf den Fußboden – ein Abstinenzler offenbar! Wir taten ihn wieder hinein, ebenso seine Gefährten. Diesmal ging es besser, und er reagierte wie die anderen. Zuerst: ,,Dieses Zeug rühr’ ich nicht an!” Dann: „Na schön, vielleicht mal einen Schluck…”.

Als die Gäste erschienen, ruderten die Hummer bereits selig, mit hin- und her wandernden Stielaugen, einander mit Scheren umarmend, im Wein herum. Dann liess allmählich alle Bewegung nach und wie in einem gemeinsamen Aufseufzen vergingen ihnen die Sinne.

Das Essen war köstlich, die Hummer mild und zart. Entkrampft!

Photos by Toa Heftiba on Unsplash

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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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