Ganz normal

Meine “12 von 12” im Juli 2020

Heute ist wieder der Tag, an dem Caro in ihrem Blog “Draußen nur Kännchen” dazu aufruft, den Ablauf in 12 Bildern vorzustellen. Heute sind sehr viele Bilder gemacht worden, so dass es mir äußerst schwer fällt, die richtigen zu finden. Ich gehe einfach wahllos durch, schon weil es technisch auch nicht anders möglich ist. Ach, am besten ich erzähle mal der Reihe nach.

Ganz Normal Juli

01. Herzliche Grüße aus Bezau. Hier leben 32.000 etwas eigenwillige, höchst gastfreundliche Menschen. In 23 ursprünglichen Dörfern mit bäuerlicher Tradition und einer interessanten Mischung aus alter und neuer Architektur. Nach den Wochen im Homeoffice oder in den fast leeren Räumen der Redaktion ging es vorgestern “endlich” hierhin in den Urlaub nach Österreich. Besser gesagt im Voralberg in “Austria”. Das „austria“ Englisch für Österreich ist, wissen wir zwar, doch wusstet ihr, dass der Begriff im Urgermanischen seinen Ursprung hat? Das althochdeutsche „austar“ bedeutet „östlich“ oder „im Osten“, während „australis“ im Lateinischen „südlich“ bedeutet. Ich bin hier mit gemischten Gefühlen, denn mein Bezug zu unserem Nachbarland ist von klein auf ein wenig gespalten.

02. Das Ziel unserer Reise ist erreicht. Hier zwischen den Ortschaften Egg, Mellau und Bezau liegt unsere Hütte, die bis zu 20 Mitgliedern der Familie gleichzeitig ein Bett bietet. Eine einsame Hütte, zwar mit Strom, aber Wasser kommt aus der Quelle und beim Internet hoffe ich, dass die Reichweite meines Laptops reicht. Sonst ist hier alles spartanisch einfach. Jetzt, im Hochsommer, ist hier weniger los, als im Winter, wenn die Ski-Saison auf vollen Touren läuft. Die vollen Touren brauche ich nicht, ich will abschalten, ausruhen, laufen, wandern und geniessen.

03. Noch vor 20 Jahren war es in Vorarlberg zulässig, verendete Kühe im Steilhang in die Luft zu sprengen, um sie zu „entsorgen“. Heute ist das anders. Bauern bekommen die Bergung einer toten Kuh vom Land bezahlt. Dafür haben die Voralberger augenblicklich eine andere Eigenart: Hier kann man seinen hochprozentigen Spiritus spenden und daraus wird neues Desinfektionsmittel hergestellt, das momentan überall knapp ist. Ein Problem bei der Desinfektionsmittel-Herstellung sei nämlich im Moment die Knappheit an 85-prozentigem Alkohol. Also haben sich die Voralberger gedacht, die gesamte Vorarlberger Bevölkerung aufzurufen, ihre Hausbars zu plündern und Rum, Schnaps, Whiskey, Wodka und Gin zu spenden, um daraus 85-prozentigen Alkohol herzustellen. Mir ist nicht bekannt, wie viel Liter bei der Sammlung heraus kamen.

04. Mein Morgenlauf führt mich über die Bochere, einen bewaldeten Hügel, hinunter zum Dörnlesee, einem idyllischen Weiher. Das Gras ist noch feucht. Wiesenschaumkraut, Löwenzahn und Spitzwegerich strecken ihre Köpfe in die Höhe. Die Vögel singen, die Luft ist klar. Mein Ziel war es eigentlich beim “Wälderlauf” teilzunehmen. Etwa 1.800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer absolvieren jedes Jahr eine zwölf Kilometer lange Strecke von Mellau nach Bezau. Doch Corona hat auch hier seine Spuren hinterlassen. So wird der Jubiläumslauf erst im nächsten Jahr stattfinden und ich laufe jetzt allein meine Strecken über die vielen schönen Wege des Bregenzer Waldes.

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05. Streckenweise lässt der Wald neben dem Bachbett ausreichend Platz für meine Tritte. Dann machen riesige Steine den Fluss uferlos. An manchen Stellen führt der Weg durch das Wasser selbst. Rechts der oft steil aufsteigende wilde Wald, links das bisweilen laut rauschende und gurgelnde Wasser. Dann wieder tut sich der Wald auf wie zu einer unwirklichen Lichtung. Äste, Steine, Waldboden – alles an diesem Ort ist dicht mit Moos bewachsen. Moos in hellem, jungem Grün, man denkt dennoch an uralte Landschaften. An Märchen.

05. Das „Wälderbähnle“ ist ein Wahrzeichen des Bregenzerwaldes und daher aus dem Landschaftsbild gar nicht wegzudenken. Dass es bis heute auf der Strecke Bezau – Schwarzenberg unterwegs ist, ist dem Verein der Museumsbahn zu verdanken. Viele ehrenamtliche Eisenbahnfans sind als Dampf- und Diesellokführer, Heizer, Fahrdienstleiter, Zugführer, Schaffner und am Fahrkartenschalter im Einsatz. Immer wieder werden historische Loks und Waggons ausfindig gemacht und liebevoll restauriert.

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06. Dass in Österreich viel Wert auf Titel gelegt wird ist ein weit verbreitetes Klischee, das allerdings nicht zu Unrecht kursiert. Jüngere Generationen legen zunehmend weniger Wert darauf, ihren Namen von Titeln flankiert zu sehen, allerdings dürften die Ösis nach wie vor sehr titelgläubig sein. Eine sehr bezeichnende Anekdote zum Stellenwert von Titeln in Österreich: Als Gymnasiallehrer einst von Kaiser Franz Joseph eine Gehaltserhöhung verlangten lehnte er das Anliegen ab, gestattete ihnen aber, sich fortan Professor nennen zu dürfen. Damit waren die Herrschaften zufrieden.

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07. Drei ganz unwichtige Informationen über Österreich, die ich aber ganz lustig finde:

  1.  „1931 war Österreich „inoffizieller Fußballweltmeister“. „Offizieller Fußballweltmeister“ waren die leider noch nie – zweimal hat sich Österreich zwar für die WM qualifiziert, ist aber in den Vorrunden raus geflogen.
  2. „Zwei Drittel der Österreicher verwenden Klopapier am liebsten gefaltet; sieben Prozent knüllen es zusammen.“ Wer das herausgefunden hat, konnte ich nicht feststellen. Aber als Blogger mit vielen „Klogeschichten“ ist diese Info äußerst interessant.
  3. „Österreichs Warntafeln für Geisterfahrer werden durch Werbung auf der Rückseite finanziert.“ Da können wir uns doch mal eine Scheibe abschneiden! Verkehrsschilder sind unfassbar teuer – habe ich bei Mario Barth gelernt – warum also nicht mit Werbung finanzieren? Die Frage ist: was für Werbung kommt da drauf? Vielleicht kann ich das Geheimnis ja während meines Urlaubs lüften…
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08. Ich bin zwar im Nachbarland, aber bei einigen sprachlichen Kapriolen muss ich mir doch mein kleines “Übersetzungsbuch” herausholen: Lecker (g’schmackig). Tüte (Sackerl). Brötchen (Semmel). Wiener (in Bezug auf den gefüllten Tierdarm, den man hierzulande als Frankfurter kennt). Puderzucker (Staubzucker). Blumenkohl (Karfiol). Quark (Topfen). Sahne (Schlagobers). Ein originales Wiener Schnitzel kommt vom Kalb. Punkt. Alles andere ist maximal ein Kinderschnitzel oder ein Stück Fleisch mit Panade – Entschuldigung, Panier, da haben wir das nächste Streitwort. Interessanter Weise hat fast jeder hier genannte Ausdruck non grata etwas mit Verzehr zu tun. 

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09. Ich habe schon viel erlebt, aber so viele Orte mit kuriosen Ortsnamen gibt es bei uns in Deutschland wohl nicht. Beispielsweise: Äußere Einöde, Hühnergeschrei, Oberschaden (und Unterschaden) und St. Corona.

Zugegeben: Skurril ist dieser Ortsname erst seit Kurzem. Das beschauliche Örtchen St. Corona am Wechsel im südlichen Niederösterreich trägt leider nun einmal zufälligerweise denselben Namen wie das vermaledeite Virus, das die ganze Welt momentan außer Atem hält. Der Ort ist nach der heiligen Corona benannt, einer Märtyrerin aus dem zweiten Jahrhundert, die Schutzheilige der Goldgräber, Fleischer und Geldangelegenheiten sei und – jetzt wird’s schräg – auch als Patronin bei Seuchen und Krankheiten angerufen wird.

Wenn man am Arsch der Welt wohnt, wohnt man bekanntlich ebenfalls in der Einöde. Also nicht in der Kärntner Version, sondern natürlich wieder nur metaphorisch. Im Arschlochwinkel kann man sich hingegen in Österreich tatsächlich aufhalten, und befindet sich dabei keineswegs an einem Ort, an dem die Sonne niemals scheint. Etwas weniger niedlich klingt der Name dieser Ortschaft mit seinen etwa 40 Einwohnerinnen und Einwohnern in der Gemeinde Bruck an der Mur in der Steiermark: Kotzgraben.

Für einen Urlaub in der Türkei oder in Malta muss man nicht erst die Landesgrenzen verlassen. Man fährt in beiden Fällen einfach nach Kärnten. Sandstrände und historisch-osmanische Architektur sucht man im Türkei-Tal allerdings vergeblich. Und auch das Malta-Tal im Bezirk Spittal an der Drau lediglich den Namen mit dem südeuropäischen Inselstaat. Das war’s in Österreich aber längst nicht mit skurillen Namensgleichheiten mit anderen Ländern: Amerika liegt etwa im Innviertel, Chikago in Kittsee und Mexiko in Schrems. Idealer Anlass für eine kleine Rundreise. So kommen wir auch diesen Sommer nach Amerika und Mexiko.

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10. Was wäre denn auf Urlaub fahren ohne Postkarten? Das haben sich die Österreicher schon im 19. Jahrhundert gefragt, denn bereits am 1. Oktober 1869 wurden die ersten solcher Karten in der damaligen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn verschickt. Damals waren die sogenannten Correspondenzkarten mit eingedrucktem Postwertzeichen eine günstige Möglichkeit, kurze Nachrichten zu versenden – statt wie ein Brief 5 Kreuzer kostete eine Karte inklusive Versand nur 2 Kreuzer. Landschaftsbilder oder witzige Sprüche und Cartoons waren noch nicht auf ihnen zu finden. Stattdessen beschrieb man die gesamte blanke Karte mit seiner Nachricht. .

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11. „Und wie war dein Tag so?“ „Oh, sind wir schon per Du?“ Gut, die Höflichkeitsform an sich ist natürlich nichts spezifisch Österreichisches, aber sie scheint hierzulande doch einen besonders hohen Stellenwert zu besitzen. Dass man Vorgesetzte siezt, ist klar. Auch ältere Menschen haben allein schon aufgrund der Tatsache, dass sie sichtbar länger auf dieser Erde ausgeharrt haben als man selbst, einen Anspruch auf verbale Respektsbekundung. Aber was, wenn der Altersunterschied nicht eindeutig auszumachen ist? Aber mehr als das hat mich als Kind erschreckt, dass ich bei meinen Aufenthalten in Österreich als “Piefke” angesprochen wurde. Eine Bezeichnung, die viele Österreicher heute noch für uns Deutsche haben. Das hat zu meiner gespaltenen Meinung über Österreich geführt, denn das “Groscherl” vom “Piefke möchtens schon gern!” Ich korrigiere mich aber nun und gelobe Besserung, denn der Österreicher hat es auch getan: Wir Deutschen sind zwar immer noch die “Piefkes”, aber kaum ein Österreicher lässt es uns merken. Die Österreicher sind nett und höflich und es macht Freude, Österreich zu besuchen. Ok, das mit dem “Duzen”, daran werde ich mich auch noch gewöhnen.

12. Nachdem die Enkel sich gerade bettfein machen, nutze ich die kleine Terrasse vor unserer Hütte, um euch hier meinen heutigen Bericht zu übermitteln. Ich hoffe nun, es kommt alles gut an. Euch wünsche ich noch einen schönen Juli. Die nächsten “12 von 12” gibt es im August auf diesem Blog. Nun bin ich gespannt, was andere an diesem 12. Juli 2020 so erlebt haben. Dazu verlinke ich meinen Beitrag noch rüber zu Caros Blog „Draußen nur Kännchen“. Caro betreut das Projekt und sammelt allmonatlich als Linkliste die Meldungen anderer Blogger/Innen. Wer sich auch einmal in anderen #12von12 Tagesabläufen umgucken möchte…  die gemeldeten Blogeinträge werden hier gesammelt. Danke Caro für Deine große Mühe.


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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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Blog-Info:

Berühmt werden will ich mit diesem Blog nicht. Ich mache nur etwas, was viele andere noch besser und wunderbarer tun als ich: Ich teile mich mit, über das, was mir auffällt, einfällt und überfällt.

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