Ganz normal

Mit dem Feldstecher hinter der Fichte

Reinhard Mey, als er noch bissige Texte schrieb, widmete ihr gleich eine musikalische Trilogie, und Erich Kästner machte sie zur Hauptperson eines seiner besten Gedichte: die strenge, keusche Vermieterin. Was waren das noch Zeiten, als sich die Wirtin noch höchstpersönlich um “ihre” Studenten kümmerte.

Wie schade, dachte ich, dass es so etwas heute nicht mehr gibt, und lehnte mich in einen Polstersessel meines verschwiegenen Wohnheim-Paradieses zurück, wo niemand ist, der mir, wenn mir etwas einfiele, eine spontane Orgie zu feiern, die Verwerflichkeit einer solchen Vergnügung darlegen würde. Und hätte mich nicht Christine, meine Flurnachbarin, eines besseren belehrt, ich bedauerte noch heute, dass die Spezies der strengen, keuschen Vermieterin schon lange ausgestorben ist.

Ein ganzes Semester lang hatte Christine das Vergnügen, zusammen mit sieben Kommilitonen/innen von einer alleinstehenden alten Dame in hingebungsvoller Weise umsorgt zu werden. Heute, in ihrer wilden Wohnheimzeit, sehnt sie sich mit Wehmut noch häufig in die Zeit ihres Studienbeginns zurück, wo im Mietpreis auch gleich der Rat für alle Lebenslagen inbegriffen war. War sich etwa Christine oder eine ihrer Mitbewohnerinnen nach einer feuchtfröhlichen Nacht nicht ganz sicher, ob der Kommilitone, mit dem sie dort Brüderschaft getrunken hatte, auch der richtige Umgang für sie war, half schon am nächsten Morgen Frau B. aus dem Dilemma: “Also, der junge Mann, der mit dem Bart, der Sie gestern Nacht um zwei nach Hause gebracht hat, machte aber einen sehr netten Eindruck.”

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Wie bei allen Gästen ihrer Mieter war sie auch bei der Begutachtung des bärtigen jungen Mannes mit ihre gewohnten Diskretion vorgegangen: Sie verbarg sich nicht etwa hinter dem Vorhang des Badezimmerfensters, um des Gastes ersichtig zu werden. Stattdessen merkte der Gast am verhaltenen Quietschen der Briefkastenklappe: good Mother was watching him! Natürlich nur, damit sie ihm im Falle eines Falles vor Gefahren – etwa in Gestalt eines zähnefletschenden Hundes – rechtzeitig hätte warnen können.

Und welche Freude, wenn Frau B. Christine schon morgens mit einem Brief winkend entgegen eilte: “Fräulein Christine, Sie haben schon wieder Post von ihrer spanischen Freundin!”Natürlich sahen die Mieter/Innen der Frau B. auch ein, dass eine verantwortungsbewusste Vermieterin jederzeit über die Korrespondenz ihrer Schützlinge informiert sein musste. Fuhren sie etwa freitags abends zum Wochenende nach Hause und fanden am Sonntag einen bei ihrer Abreise auf dem Schreibtisch deponierten Brief an der Pinnwand wieder, dann sagten sie sich in stillem Einverständnis: “Aha, Frau B. hat wieder ihrer Sorgfaltspflicht genüge getan! Schließlich musste sie ja auch überprüfen, ob ihre Lieben nicht gar mit subversiven Elementen in Briefkontakt stehen …

Dass sich Frau B, – einmal im Zimmer – auch gleich im Kleiderschrank umsah, war nur logisch und jedesmal rührte es Christine, wenn sie bemerkte, wie sehr sich ihre Vermieterin um ihre Gesundheit sorgte: “Fräulein Christine, Sie haben ja drei Flaschen Rotwein im Schrank! Dabei ist Alkohol für junge Leute nicht gut!” Dass Frau B. Besuch vom anderen Geschlecht bei ihren Mietern/-innen nicht gerne sah, machte sie ihnen bei jeder günstigen Gelegenheit deutlich und liess es auch gleich an einer Warnung nicht fehlen: “Werfen Sie sich bloss nicht so früh weg!”

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Wenn sich die Mieter mit Freunden zum Kaffee bei Christine trafen, behielt sich Frau B. eine Begutachtung der Gäste vor. Wie oft hatte Christine ihr aber erklärt, dass ihre Methode bei solchen Gelegenheiten mit einem Feldstecher hinter der Fichte zum Balkon hinaufzuspähen, nicht gut für ihren Rücken sei. Doch andererseits musste sie wissen, wer in ihrem Hause ein und aus ging …

Tja, so habe ich dann erfahren, warum Christine bis zu ihrem zweiten Semester gegen moralische Fehltritte und falsche Freunde gänzlich gefeit war. Auch heute noch gerät sie in’s Schwärmen über ihre Zeit bei Frau B. und immer noch besucht sie dort gerne ihre Freundinnen. Nur den Grund, warum sie aus diesem geborgenen Heim bei der sendungsbewussten Witwe mit dem unfehlbaren Gefühl für Gut und Böse schliesslich ausgezogen ist, den hat sie uns allen bis heute nicht verraten. Es wäre nun auch zu spät für sie, zu Frau B. zurückzukehren, denn längst haben sie ihre Flurmitbewohner in den Sumpf des Lasters hinab gezogen.

Fotos: Pexels
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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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