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Radio an, Radio aus

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Heute ist “Welt-Radio-Tag”!

Mal unter uns: hört ihr noch Radio? Echt? Ich packe das nicht mehr, und das liegt nicht am fortgeschrittenen Alter. Es liegt am Programm.

Ich gebe es zu. Auch als “Radiomacher” bin ich nicht mehr mit Begeisterung dabei. Radio machen, Radio senden und Radio hören ist anders geworden! Heute höre ich wenig das, bei dem ich mitgewirkt habe. Mehr Podcast, mehr gezielte Informationen. Bewusst schalte ich das Radio noch ein, wenn ich etwas über das Wetter wissen möchte. Ich weiß, es ist inkonsequent, dies zu tun, und ein Blick auf die Wetter-App im tragbaren Telefon würde mich sogar deutlich detaillierter informieren. Aber da ist noch ein alter Reflex in mir, den ich nicht unter Kontrolle habe. Er stammt aus grauer Vorzeit, als ich ein geradezu passionierter Radiohörer war. Und Angewohnheiten, erst recht, wenn sie sich Jahrzehnte lang ungestört entwickeln konnten, lassen sich nun einmal nicht rein mit dem Verstand ablegen.

Radio machen, Radio senden und Radio hören ist anders geworden!

Stresemann
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Photo by Eric Nopanen on Unsplash

Ich war viele Jahre lang ein passionierter Radiohörer. Ob daheim, ob im Auto, ob im Büro oder im Garten, das Radio war von morgens bis abends dabei. Die Leidenschaft begann mit einem kleinen, tragbaren Transistorgerät von der Größer einer Packung Roth-Händle; so ein Teil war in den frühen 1960er Jahren etwas Besonderes, das nicht jeder hatte. Es hat ein Band, die Mittelwelle, und auch die nur reichlich berauschend, aber immerhin. Abends stellte ich es unter der Bettdecke an, dann schafften es auch ein paar Sender aus dem weiteren Umfeld wie AFN und der Piratensender Veronica von der Nordsee bis zu mir.

Fernsehen gab es auch schon, aber für mich nur bis spätestens 20 Uhr und – ausgewählte Sendungen. Bei dem Angebot damals, waren das aber nur eine Handvoll. So stieg die Lust auf das Radio, denn die Auswahl war hier viel, viel größer. Nie verpasste ich ein „Zeitzeichen“, nie ließ ich ein „Kalenderblatt“ ungehört zu Boden flattern. Ich lernte viel über höheren Blödsinn, wenn der WDR Moderator Dieter Thoma spät abends mit erlesenen Gästen in der Sendung „Die fixe Idee“ über so spannende Themen wie „Brauchen Schizophrene zwei Steuerkarten?“, „Kann man letzte Worte früher sprechen?“, oder „Wie kann man Weihnachten im Auto feiern?“ diskutierte. 

Reminiszenz an einen Radio-Humoristen

Der schrägste Vogel im Radio war ohne Frage für mich Hermann Hoffmann. Wenn er seine „Kleine Dachkammermusik“ in der samstäglichen „Unterhaltung am Wochenende“ (UaW) ablieferte, ließ ich alles stehen und liegen und lauschte ihm nicht weniger andächtig als einst das Publikum Mose bei der Verkündung der 10 Gebote. Ich hatte keine Ahnung, wer Hermann Hoffmann war, ich wusste nur: So einen gibt es nicht zweimal. Hermann Hoffmann war ein absoluter Radionarr, der, ehe er zum „richtigen“ Radio kam, einen echten Piratensender (Sender Zitrone) betrieb und dafür sogar verknackt wurde. Er bekam die Chance und ging mit dem Sender Zitrone öffentlich-rechtlich auf Sendung, zudem präsentierte er jeden zweiten Samstag eine Viertelstunde „Die kleine Dachkammermusik“, deren Erkennungsmelodie „Sah ein Knab ein Röslein steh’n“ auf einer Luftpumpe gespielt wurde. Hoffmann hatte eine Reihe von Charakteren in seine Dachkammer „eingeladen“, die dann mehr oder weniger platte Witze von sich gaben.

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Aber die Witze waren nicht das Wesentliche: Der leicht reizbare Ostfriese Otto de Vries, der gutmütige Schwabe Pankratius Schräuble, der ostpreußische Wirt Cäsar Schlotterbeck und einige andere Charaktere sowie Hoffmann selbst als Chef musizierten „zusammen” alle 14 Tage samstags um 17.45 Uhr im WDR-Radioprogramm. Dabei entlarvte Hoffmann sich selber schon im Intro, wo er in bis zur Unverständlichkeit zunehmendem Tempo alle Aufgaben vorstellte – erledigt von Hermann Hoffmann. Alles wurde in mühsamer Kleinarbeit von ihm selbst gesprochen, komponiert, gespielt und bearbeitet – eine starke Leistung, denn ein Computer stand für solche Gimmicks noch nicht zur Verfügung.

Da wurde das Radio noch gefeiert

Ich besuchte ihn in seinem Doppelhaus, in dessen einer Seite er sich sein eigenes Rundfunkradio gebaut hatte. Mühselig nahm er Spur für Spur mit seinen Bandmaschinen auf und schnitt die Bänder millimetergenau. Legendär sind die Besuche der damaligen Comedy-Stars wie Insterburg & Co, Heino Jäger, Schobert & Black oder Wolfgang Masur & Babette Renaux. Viele Eindrücke der Besuche gab es später in der Dachkammermusik oder der UaW. Da wurde das Radio noch gefeiert. Mehr als 600 Sendungen produzierte der fleißige Hoffmann, bis ihn die Entwicklung des Radios einholte. 

In den Fünfzigern und Sechzigern war das Radio noch im Mittelpunkt. Wir haben es eingeschaltet, um Hörspiele zu hören. Dann saßen wir im Kreis und lauschten gespannt. Diese Funktion hat heute längst das Fernsehen übernommen. Für eine bestimmte Sendung schaltet heute keiner mehr das Radio an. […] „Irgendwann wird es nur noch Autofahrer-Radio geben. Die Leute wollen einfach nicht mehr konzentriert Radio hören. Das ist wohl eine Generationenfrage.“

Hermann Hoffmann
Eine kleine Dachkammermusik (Hermann Hoffmann)

In wenigen Tagen wäre Hermann Hoffmann übrigens 91 Jahre alt geworden. Mehr Infos über den Künstler findet ihr unter

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Die Fotos dieses Beitrages stammen aus dem WDR- bzw. NDR-Archiv und wurden mir von den “Freunden Hermann Hoffmanns” zu Verfügung gestellt (näheres siehe oben). Vielen Dank dafür.

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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