Stresemanns Ganz normal

“Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen”. So begann jeder der sieben Folgen der „phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ – ein Straßenfeger der Wirtschaftswunderzeit mit Einschaltquoten von 56 Prozent.

Als 1966 die erste deutsche Science-Fiction-Serie namens “Raumpatrouille Orion” im deutschen Fernsehen zur besten Sendezeit nach der Tagesschau in der ARD landete, rieben sich die Zuschauer die Augen und trauten ihren Ohren nicht: Eine wagemutige Crew um Major Cliff Allister McLane, Kommander des Schnellen Raumkreuzers Orion (gespielt von Dietmar Schönherr), erlebte phantastische Abenteuer im Weltraum.

Rund 50 Prozent der Fernsehzuschauer sahen die sieben Folgen der “Raumpatrouille” im Herbst 1966. Dabei waren sie eigentlich davor gewarnt worden – von einer Presse, die dem Phänomen “Science Fiction” verständnis- bis fassungslos begegnete. Das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” attestierte der Serie, sie sei “pseudowissenschaftlicher Quatsch” und gebäre eine “Utopie ohne Geist”. Der Informationsdienst “Kirche und Fernsehen” beklagte, insbesondere die Dialoge seien “zu kompliziert für das Publikum”. Und noch 1975, neun Jahre nach der Erstausstrahlung, schimpfte die Münchner “tz” anlässlich einer Wiederholung: “Kein Schwachsinn ist offenbar groß genug, um nicht wiederholt zu werden.”

Die Produktionskosten dieser damals aufwendigsten deutschen TV-Serie – sieben einstündige Folgen zu einem Gesamtpreis von 3,4 Millionen Mark – würden sich die ARD-Stationen in Köln, Stuttgart, Hamburg und Baden-Baden mit dem französischen Fernsehen teilen, vermeldete man und stellte fest: “Mit den phantastischen Abenteuern des Raumschiffes Orion (so der Untertitel der Serie)” suchten die Sender “Anschluss an die anglo-amerikanischen TV-Fabrikanten, die ihre Heimkinos schon seit Jahren mit zukunfts-fiktiven Schockern füttern.”

Wie auch in der Serie mit schrullig verschrobener Kreativität gearbeitet und Dinge wie Bügeleisen oder Bleistiftanspitzer in die Armaturen des Raumschiffes eingebracht wurden, so baute auch Komponist Peter Thomas in seine Filmmusik bislang neuartige Soundschnipsel ein. Und wie die gedrehte Sternenexplosion aus einer mit Reis, Sand, Puderzucker und Kaffee gefüllten Kugel, schien auch Thomas’ Soundtrack vor verrückten Ideen regelrecht zu explodieren. Sie beginnt mit dem inzwischen legendären Kraftwerk-esquen Countdown einer Vocoder-Stimme – “10, 9, 8, 7, 6, Fünef, 4, 3, 2, 1, 0” – um dann in die swinglastigen Titelmelodie “Space-Patrol” hinüberzugleiten. Die “Fünef” ist übrigens dem Berliner Dialekt Thomas’ geschuldet, der natürlich hier selbst zu hören ist.

Als die Musik erstmals 1966 erschien, wurde das Vinyl für die damalige Zeit ebenfalls äußerst ungewöhnlich präsentiert, es gab ein aufwändiges Klappcover mit Szenenfotos zu bestaunen. Der Soundtrack wurde immer wieder neu herausgebracht, zuletzt 2010 unter dem Zusatz “The Complete Music” mit unveröffentlichten Tracks wie “Mars Menuett” oder “Attention Frogs!”.

Seinen avantgardistischen Ansatz empfand Peter Thomas selbst “wie eine Mondlandung 40 Jahre zu früh” (Süddeutsche Zeitung, 23.01.1999). Thomas’ Tracks landeten erst im Jahr 2000 schließlich doch noch in den Clubs von London und Berlin. Aber in den Sechzigern mussten die Raumpatrouille-Schauspielern in der Serie bereits zu dem ungewohnten Space-Sound tanzen, und diese Szenen gehören zu den skurrilsten: Im submarinen “Starlight Casino” verrenken sich die Darsteller zu dem eigens dafür kreierten Tanz “Galyxo”.

Helden in Schwarzweiß: Sie waren die Crew der ersten und bislang einzigen deutschen Science-Fiction-Serie “Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion” – Wolfgang Völz als Leutnant Mario de Monti, Dietmar Schönherr als Major Cliff Allister McLane, Eva Pflug als Leutnant Tamara Jagellovsk, Friedrich G. Beckhaus als der Astrogator Atan Shubashi und Ursula Lillig als Leutnant Helga Legrelle.

Foto: WDR/Bavaria/ picture-alliance / obs

Hund und Katze im Weltall: Star der Serie war Dietmar Schönherr als der rebellische Major Cliff Allister McLane, der die “Orion” befehligte. Da er sich gleich in der ersten Folge einer “Alphaorder” seiner Vorgesetzten widersetzt und auf dem Saturnmond Rhea landet, werden er und seine Mannschaft zum Raumpatrouillendienst strafversetzt. Zudem bekommen sie Tamara Jagellovsk (gespielt von Eva Pflug) vom Galaktischen Sicherheitsdienst als Aufpasserin mit an Bord. Spannungen zwischen McLane und Jagellovsk sind da natürlich vorprogrammiert.

Die Zukunft schon heute: Plastikbecher als Lampen, ein paar Küchengeräte, Bleistiftanspitzer und Uhrenpendel als Schalter, 3200 blinkende Glühlampen und ein paar Designerstühle – fertig war die Kommandostation der “Orion”. Für Fans ist das Bügeleisen heute noch Kult. 

Foto: WDR/Bavaria/ picture

Tanz die Zukunft: Regelmäßig trafen sich die Crewmitglieder der “Orion” in dem futuristisch eingerichteten “Starlight Casino” auf dem Meeresgrund.

Foto: Bavaria Film

Es werde Laser: Die Besatzung der “Orion” war zuständig für die Überwachung des Weltraums. In sieben jeweils 60 Minuten langen Folgen flogen sie durchs All, landeten auf fremden Planeten und bekämpften Außerirdische.

Foto: Bavaria Film

Aus dem Meer ins All: Da die Menschen in der Zukunftswelt auf dem Meeresboden lebten, mussten sich die Tricktechniker für den Unterwasserstart des Raumschiffs etwas einfallen lassen. Um etwa die Illusion zu erzeugen, filmten sie Sprudeltabletten.

Foto: Bavaria Film

Zukunftsweisend: Als die “Raumpatrouille” 1966 auf Sendung ging, saß halb Deutschland gebannt vor dem Fernseher. Eine solche Zukunftsvision war eine Premiere im deutschen Fernsehen. Mit dem Siegeszug des Farbfernsehens alterte der futuristische Look der Serie allerdings rapide.

Foto: Bavaria Film

Flug durch die unendliche Weite des Studios: In nur 19 Wochen wurden die sieben Folgen für die Fernsehserie “Raumpatrouille Orion” gedreht. Der größte Teil davon in den Kulissen in den Bavaria-Studios. Einige Außenaufnahmen gab es aber doch. Die Raumschiffbasis etwa war in Wirklichkeit der leergeräumte Königsplatz in München. Die Fische, die über dem Casino schwammen, befanden sich hingegen im Aquarium des Berliner Zoos.

Foto: Bavaria Film

In der nächsten Folge:

Science-Fiktion aus Großbritannien

Auch die Engländer konnten “Zukunft”. Was bei “Orion” die Laserwaffe, war bei “Ufo” das Elektroauto. Die englische Serie zeigte viele bahnbrechende Ideen und Raumfahrer die “Kette” rauchten.

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