“Sprechen Sie nach dem Piepton!”

Spätestens seit dem Vorhandensein des eigenen Handys ist es einfacher geworden, mal eben anzurufen. Doch leider wird dabei allzu oft die Tageszeit vergessen. So besteht dann schon einmal die Möglichkeit, die Mailbox seines Gesprächspartners kennen zu lernen. Das ist fast genauso schlimm, wie ein Anrufbeantworter.

Der Anrufer versinkt bei dessen Meldung im atmosphärischen Knistern der Leitung, dem modernsten Symbol für das Aus­geliefertsein des Menschen an den unmenschlichen Apparat, wenn es mit allem Zynismus der Welt heißt „Bitte sprechen Sie nach dem Piepton…“. Leere. Vollkommene Leere und die unerträglichste Form der Einsamkeit kün­digt das „Signal“ an. Als wäre das menschliche Gehirn genau auf jene Trööt-, Hup- oder Pfeiftöne geeicht, die gemeinhin den Beginn der „Sprechzeit“ ankündigen, setzt bei ihrem Auftreten jedes klare Denken und mit ihm jegliche Wortgewalt schlagartig und rückstandslos aus. Eben wusste man noch ganz genau, naja: ziemlich genau, was man eigent­lich wollte. Doch plötzlich fällt einem nicht Mal mehr der eigene Name ein. Bin ich Männchen oder Weibchen, und darf das alles überhaupt wahr sein? Die Sekunden schleppen sich dahin, die Schmerzen werden immer größer, die Wahrscheinlichkeit einer zusammenhängenden Antwort sinkt gegen und dann auch noch unter null. Bis schließlich das Piep-piep-piep der automatischen Abschaltung den Anrufer aus der Hypnose, aus dem tiefsten Kommunikations-Koma reißt.

Schwere Fälle schnemissen das Handy weg, sobald sie bemerken, dass sie mit einem Anrufbeantworter verbunden sind.. Die meisten aber hören sich den Anrufbeantworter bis zu Ende an. Warum? Masochismus? Nein, Faszination und Bewunderung! Auch wenn die Ansage seit 14,2 Jahren nicht verändert wurde („Hier spricht leider nur der automatische Anrufbeantworter von …“) und der Daueranrufer sie mitbeten kann: Noch die dümmste Ansage ist der unumstößliche Beweis, dass es Personen gibt, wahrscheinlich auch aus Fleisch und Blut, die fähig sind, geschlagene 20 Sekunden lang auf ein Band zu sprechen, und zwar zusammenhängend, verständlich, beinahe sogar vernünftig. Ja, ein anderer Mensch, vor dem Gesetz und evtl. auch Gott gleich, hatte sich über seinen Anrufbeantwor­ter gebeugt, hatte seinen Mund in den vorgeschriebenen Abstand von 15 cm zum eingebauten Mikrofon gebracht und etwas gesagt. Unglaublich! Sagen­hafte Leistung! Bei einigen stolzen Besitzern eines Anrufbeantworters ergibt sich im Nachhinein die Erkenntnis, dass es in der dritten Klasse nicht ungerecht war, sie in den Vorrunden des Vorlesewettbewerbes ausscheiden zu lassen.

„Hier spricht der automatische Anrufbeantworter …” wird da mit Roboterstimme verkündet, „der Nummer 478 33 26″. In der Tat, wer solche Nachrichten absondert, kann nur eine Nummer sein. Dass der Anrufbeantworter automatisch ist, drängt sich übrigens auch jedem Anrufer auf, denn ein nichtautomatischer Anrufbeantworter würde sich zweifellos als Mensch zu erkennen geben, wenn’s denn zur Sekretärin nicht gereicht hat. Als Nächstes wird uns Anrufern Lebenshilfe zuteil. Wir „können eine Nachricht hinterlassen” und „Namen und Telefonnummer” nennen, damit der Anrufbeantworter sein Versprechen erfüllen kann: „Ich rufe so bald wie möglich zurück.”

Aus dem Grundgesetz wissen wir, das Eigentum verpflichtet. Wer einen Anrufbeantworter besitzt, sollte seinen Anrufern etwas bieten, auch und gerade als Belohnung, denn immerhin haben sie es geschafft, eine bis zu sie­benstellige und längere Nummer absolut fehlerfrei anzuwählen Sie haben den Durchbruch geschafft, wenn Ihre Nummer unter Kennern herumgereicht wird, die enttäuscht den Hörer auflegen, wenn Sie ausnahmsweise mal persönlich zu Hause sind und abnehmen.

1 comment

  • Mein Anrufbeantworter ein guter Filter gegen unerwünschte Anrufe. Sei es zu nachtschlafender Zeit, zu Verkaufszwecken, bzw. Werbung und von Personen, die ihre eigene T.-Nr. unterdrückt haben oder nicht in meinem Telefonverzeichnis eingetragen sind. Auch Telefonterror und anere Üverschämtheiten werden effektiv unterbunden.
    All diesen Anrufern bleibt natürlich die Möglichkeit, sich “nach dem Piepton” zu Wort zu melden oder eben nicht.
    Wer etwas von mir will, meldet sich in den meisten Fällen.
    Ich kann mir im Übrigen auch nicht vorstellen, dass es so furchtbar schwierig sein soll, den eigenen Namen und den Grund des Anrufes zu nennen.
    Was den Ansagetext des AB betrifft, so ist er weitgehend automatisiert und bedarf keiner weiteren Bearbeitung. Natürlich bleibt es jedem Besitzer unbenommen, einen etwas persönlicheren Text zu formulieren.
    Mit anderen Worten, wenn mich jemand anruft, kann ich frei entscheiden, ob ich den Anruf annehme oder nicht. Ich finde das eine feine Sache.

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du oben unter der Rubrik "Zum Autor und Inhalt"

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