Stresemanns Ganz normal

Teuflische Jahre

Pardon

vom 16. Oktober 2022 bis zum 19. März 2023 im Caricatura Museum Frankfurt – Museum für Komische Kunst

Lächelt freundlich, hat’s aber faustdick hinter den Ohren: Der PARDON-Teufel, entworfen 1962 von F.K. Waechter Foto: CARICATURA/© B&N

Längst ist PARDON, die vor 60 Jahren gegründete „deutsche satirische Monatsschrift“, Legende. Die Ausstellung im Caricatura Museum macht nachvollziehbar, warum das Frankfurter Blatt so erfolgreich war und innerhalb kürzester Zeit mit über 300.000 verkauften Exemplaren zur größten Satirezeitschrift Europas aufstieg. Gleichzeitig wird in der Jubiläumsausstellung “Teuflische Jahre“ deutlich, wie prägnant sich in dem Satiremagazin die bewegte Geschichte der Bundesrepublik in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts spiegelt.

PARDONs Markenzeichen von Anfang an: Ein von F.K. Waechter entworfener Teufel, der scheinbar freundlich seine Melone zum Gruß hebt, um dabei jedoch diebisch lachend seine Hörner zu offenbaren. Gegründet wurde die Zeitschrift 1962 in Frankfurt von Hans A. Nikel zusammen mit Hans Traxler, Chlodwig Poth und Kurt Halbritter. Schnell entwickelte sie sich zum Zeitgeist-Magazin des Aufbegehrens der Jugend gegen den Muff der Adenauerzeit und seiner Autoritäten. PARDON eckte immer wieder an, wurde mit Prozessen überzogen, legte sich mit den meist klerikalen Sittenwächtern an, agitierte gegen die weitverbreitete Prüderie und bürgerliche Doppelmoral der frühen Bundesrepublik. Dies führte von Anfang an zu Verbotsanträgen, Zensurversuchen und Verkaufsbeschränkungen.

Teufel trifft Elch: Die beiden Kuratoren Gerhard Kromschröder
(links) und Till Kaposty-Bliss mit dem Plakat der PARDONAusstellung vor dem CARICATURA-Gebäude an der Elchstatue, dem Erkennungszeichen des Museums
Foto: CARICATURA /© Edith Nikel

PARDON bezog Stellung, ergriff Partei. Das Konzept, Humor, Komik und Satire mit engagierten Texten und Reportagen zusammenzubringen, kam an. Karikaturen standen neben bissigen Polemiken, Fotomontagen neben Buchbesprechungen, ernsthafte Reportagen neben leichtfüßigen Parodien. Alles bunt gemischt, jedoch geeint in der kritischen Betrachtung der bestehenden politischen Verhältnisse. Bald war das Magazin erste Adresse für junge Karikaturisten, entwickelte sich zum Karrieresprungbrett für journalistische Berufsanfänger wie Günter Wallraff, Alice Schwarzer, Wilhelm Genazino oder den späteren “Stern“-Reporter Gerhard Kromschröder. Auch Eckard Henscheid begann dort seine Karriere. Immer wieder machten die PARDON-Redakteure durch spektakuläre satirische Aktionen auf sich aufmerksam. So enthüllten sie eine Statue des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke vor der Frankfurter Paulskirche, sie verteilten angeblichen Atommüll unter Passanten, deponierten eine Büste von Günter Grass in der Walhalla, dem deutschen Heroen-Tempel an der Donau, oder sie veranstalteten Lichtbildervorträge „zur Früherkennung von Bankräubern“, bei denen sie die NPD für sich einspannten.

Bayrische Wochen: Nach einer Strafanzeige wegen Beleidigung und übler Nachrede durch Franz Josef Strauß posiert die PARDON-Redaktion 1972 in Landestracht, um damit satirisch Besserung zu geloben. In der Bildmitte mit Hut der 2018 verstorbene Verleger Hans A. Nikel, ganz rechts Gerhard Kromschröder, heute Kurator Foto: CARICATURA /© Ernst Steingässer

Die große Jubiläumsausstellung “Teuflische Jahre“ dokumentiert auf den vier Ebenen des Museums in Originalzeichnungen, Fotos und Gerichtsakten den Werdegang des Magazins. Der Versuch des PARDON-Verlegers Hans A. Nikel, in den späten 70er Jahren die Zeitschrift für New-Age-Themen zu öffnen, beschleunigte den personellen Aderlass. Wichtige Mitarbeiter setzten sich ab, ein Teil firmierte fortan als “Neue Frankfurter Schule“ (NFS). Die Gruppe, zu der auch die Texter von Otto Waalkes, Robert Gernhardt, Peter Knorr und Bernd Eilert gehörten, gründete schließlich 1979 das Konkurrenzblatt “Titanic“.

Ein Blumenstrauß und mittendrin eine Bombe mit brennender Zündschnur: die erste PARDON-Ausgabe vom September 1962, gezeichnet von Loriot. Foto: CARICATURA/© B&N

Das Motiv des PARDON-Titels vom Dezember 1969 wurde auch als Plakat tausendfach verbreitet und erfreute sich in progressiven Wohngemeinschaften besonderer Beliebtheit.
Foto: CARICATURA /© B&N

1982, unter ihrem letzten Chefredakteur Henning Venske, wurde PARDON eingestellt. In seiner 20jährigen Geschichte hatte sich das Magazin als stilprägend für Medienschaffende erwiesen, dessen Einfluss bis heute nachwirkt. Caricatura-Direktor Achim Frenz: „Mit der Ausstellung schließt sich eine Lücke, und PARDON, dieses kreative Sammelbecken, aus dem auch die ‘Neue Frankfurter Schule‘ hervorgegangen ist, erhält endlich den Platz, den es historisch verdient.“

Titelbild: Spurensuche zur Ausstellungsvorbereitung: Gerhard Kromschröder (rechts) mit Till Kasposty-Bliss beim Sichten von PARDON-Archivmaterial in seiner Hamburger Wohnung Foto: CARICATURA/© Sabine Voigt

BESUCH

PREISE
8,- € / 4,- € ermäßigt
Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche
bis 18 Jahre


ÖFFNUNGSZEITEN
Sonderöffnungszeiten:
Montag, 17.10. und Dienstag, 18.10.
von 11.00 – 18.00 Uhr geöffnet
Montag und Dienstag geschlossen
Mittwoch bis Sonntag von 11.00 – 18.00 Uhr

Caricatura Museum Frankfurt
Museum für Komische Kunst
Weckmarkt 17
60311 Frankfurt am Main

+49 (0) 69 / 212 30161
caricatura.museum@stadt-frankfurt.de

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