Der wahre Stresemann

Natürlich liegt es nahe – obwohl es ja wie alles Andere ziemlich unwichtig ist – Parallelen von einem „stresemann“ zum anderen „stresemann“ zu sehen. Weit gefehlt, der eine hat mit dem anderen „stresemann“ nicht ganz so viel gemeinsam, als dass sich vielleicht ein wenig das Menschenverständnis und die Arbeitsweisen gleichen. Um das zu verstehen, hier einige Erläuertungen zum „echten“ Stresemann:

Gustav Stresemann wurde am 10.05.1878 als Sohn eines Berliner Bierhändlers geboren. Als einziger von 5 Kindern kam ihm das Privileg eines Universitätsbesuches zu; er studierte Staatswissenschaften und Nationalökonomie.

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Stresemann trat der Nationalliberalen Partei und fiel bald als innerparteilicher Kritiker mit unorthodoxen Vorstellungen auf, der eine Entwicklung seiner Partei weg von der regierungsfrommen Honoratiorenpartei hin zu einer selbstbewussten Volkspartei propagierte: „Wir müssen mit allen Schichten, mit Handwerken, mit den Arbeitern Fühlung suchen.“  Dass Stresemann seiner Zeit weit voraus war, zeigte bereits eine seiner ersten Reichstagsreden am 12.04.07, die er zum Etat des Innenministeriums hielt. Zu seinen Forderungen waren freie Organisationen von Gewerkschaften und Arbeitgebern, Tarifautonomie – Forderungen, die uns selbst in der postmodernen Zeit nicht ungewohnt in den Ohren klingen.

Die Anfangsjahre der Weimarer Republik waren für Stresemann auch Jahre des Wandels. Anderthalb Jahre brauchte er, aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnisse und politisch sozialisiert im kaisertreuen Nationalliberalismus, um die Zerschlagung dessen, woran er geglaubt und wofür er gekämpft hatte, zu verarbeiten. Im Namen aller bürgerlichen Fraktionen ergriff er im Reichstag das Wort, um die französische und belgische Besatzung zu verurteilen. Dieses würdige Eingreifen gepaart mit einer taktisch klugen und taktvollen Zurückhaltung in personalpolitischen Fragen brachte den Namen Stresemanns umso mehr in das allgemeine Gespräch über eine Nachfolge des glücklosen Reichskanzlers Cuno. Als dieser am 12.08.1923 zurücktrat, ernannte Reichspräsident Friedrich Ebert Stresemann zum neuen Reichskanzler.

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Stresemann gelang es, eine Regierung der Großen Koalition zu ermöglichen, an welcher vom linken Flügel der Sozialdemokraten bis zur Deutschen Volkspartei alle partizipierten. Dabei behielt Kanzler Stresemann das Amt des Außenminister – taktisch ein kluger Schachzug, denn in dieser Krisenzeit ging es auch darum, die Kontrolle über die Verhandlungen mit den Alliierten zu behalten, aber für den gesundheitlich stark angeschlagenen Stresemann eine kaum zu bewältigende Aufgabe, zumal die französischen Besatzer keine Anzeichen für einen Rückzug gaben.

Als auch die Regierung Stresemann der drohenden Inflation nicht Herr wurde, die Sozialdemokraten das Kabinett verließen, war das Fiasko der Koalition unumkehrbar. Bei den Verhandlungen mit den Vertretern des Rheinlandes kam es zum Streit zwischen dem Kölner Oberbürgermeister Adenauer und Stresemann. Der Stoff des Konfliktes war die Entscheidung, die zwischen einer weiteren Subventionierung des Rheinlandes, dem Nachgeben der Reparationsforderungen und andererseits dem Wert der Reichsmark zu treffen war. Für Adenauer gab es da keine Diskussion: Die Lebensnotwendigkeit des Rheinlandes ist mehr wert als ein, zwei oder drei neue Währungen. Stresemann nahm diese Formulierung sehr mit und später sagte er in Anspielung darauf:“ Die Oberbürgermeister des heutigen Deutschlands sind in Wirklichkeit (…) die Könige der Gegenwart“. Hundert Tage reichten Stresemann, um als Kanzler abzudanken.

Stresemanns blieb in der Nachfolgeregierung Außenminister und seine erste Rede im Völkerbund verdeutlichte seine Überzeugung, dass nur in einem gemeinschaftlichen Europa ein friedvolles Zusammenleben möglich sei:“ Nur auf der Grundlage einer Gemeinschaft, die alle Staaten ohne Unterschied in voller Gleichberechtigung umspannt, können Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit die wahren Leitsterne des Menschenschicksals werden. Nur auf dieser Grundlage lässt sich der Grundsatz der Freiheit aufbauen.“ Zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand erhielt er für diese Bemühungen am 10.12.1926 den Friedensnobelpreis.

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Bis zu seinem Tod am 03.10.1929 blieb Gustav Stresemann Außenminister, keine Regierung, sei sie sozialdemokratisch oder bürgerlich, wagte es, ihn abzusetzen. Mag er vom Urteil der reaktionären manchmal vernichtet worden, dem Urteil der Geschichte hält Stresemann stand. Für den Autor dieses Blogs ist Gustav Stresemann ein Vorbild in Arbeitsweise, Disziplin, Darstellung und Verständnis.

Die Fotos von Gustav Stresemann in diesem Beitrag dürfen wir mit Genehmigung von britannica.com hier verwenden. Vielen Dank.