Stresemanns Ganz normal

Unser Gesicht – Ein Spiegel der Seele

Das Gesicht spielt für die Verhaltensforscher eine besondere Rolle. Aber ist das menschliche Antlitz ein Spiegel der Seele?

Schließlich können wir uns auch mittels mimischer Winkelzüge verstellen. Das schon, räumen Verhaltensforscher ein. Allerdings nur über einen begrenzten Zeitraum. Das Pokerface, ohnehin nur eine Leistung mimischer Vollprofis, lässt sich eben höchstens über die Dauer eines Spiels aufrechterhalten. Im Gesichtsausdruck des Gegenübers nach Persönlichkeitsmerkmalen zu fahnden oder gar eine Einschätzung über den Gesundheitszustand abzugeben, gilt heute als unseriös.

Dennoch ist unser Gesicht eine Visitenkarte. Wer Rückschlüsse aus dem Gesicht seines Gegenübers ziehen möchte, sollte aber zwischen Emotionen und Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden. Das heißt: Vermutet jemand beispielsweise bei seinem Gegenüber aufgrund der sprichwörtlichen Denkerstirn besondere Geistesblitze, sollte das lediglich eine Vermutung bleiben. Anders verhält es sich bei Emotionen. Fröhlichkeit, Wut oder Angst lassen sich auch kulturübergreifend in allen Gesichtern als solche identifizieren. Denn die Körpersprache, in diesem Fall das Gesicht, schafft uns sogar einen entscheidenden Informationsvorsprung.

Warum wir die Mimik aussagefähiger als die mündliche Information einstufen?

Unsere sprachlosen und noch lautmalenden Vorfahren waren auf die Gebärden, besonders aber auf den Gesichtsausdruck, als verlässliche Informationsquelle angewiesen. Das gleiche Prinzip lässt sich heute im Straßenverkehr beobachten. Damit der rückwärtige Fahrer uns auf die andere Spur lässt, müssen wir zu ihm Blickkontakt aufnehmen. Blicken wir in ein freundliches Gesicht, dessen Wohlwollen zudem mit einer Geste betont wird, wissen wir: Einem sofortigen Spurwechsel steht nichts im Wege.

Glück, Zorn, Überraschung, Furcht, Trauer, Ekel. Die Verhaltensforscher sprechen hier von so genannten Basis-Gefühlen. Menschenkinder können diese Palette der Emotionen bereits ab dem ersten Lebensjahr mimisch äußern. Und zwar auf den James-Cook Inseln genauso wie in Indien oder Dänemark. Der amerikanische Psychologe Paul Ekman spricht hiervon einer Universalität als Teil eines entwicklungsgeschichtlichen Erbes. So stehen beispielsweise weltweit gehobene Augenbrauen, weit geöffnete Augen, ein offener Mund sowie ein leicht herabfallendes Unterkinn für Erstaunen, Verwunderung und Verblüffung. Dies gilt – wie Ekman herausfand – übrigens auch für blinde Menschen.

Ein zorniges Gesicht gilt in Asien als grobe Unhöflichkeit.

Dennoch zeigen auch die Einwohner der Morgenländer diese Emotionen. In einer Studie verglich der Psychologe die Reaktionen von Japanern und Amerikanern, indem er ihnen immer wieder bestimmte Sequenzen aus Spielfilmen zeigte. Japaner wie Amerikaner zeigten während Ekmans Filmdarbietung identische Reaktionen. Also auch Zorn und Ekel. Wer gegenüber wem und in welcher Intensität mimisch Gefühle zeigt, hängt weniger von kulturellen Regeln als von den Voraussetzungen einer Darbietung ab, folgert der Psychologe. Das bedeutet in diesem Fall: Besonders die Japaner hatten jenseits jeglicher gesellschaftlicher Konventionen das sichere Gefühl „unter sich” zu sein.

Im europäischen Kulturkreis heißt es besonders im beruflichen Bereich mimisch Haltung zu bewahren. Auch wenn der Ärger berechtigt ist: Ein andauernd unmutiges oder arrogantes Gesicht gilt auch hierzulande als KO-Kriterium. Insbesondere für denjenigen, der in einer Gesprächsrunde einen Auftrag an Land ziehen möchte. Ebenso lässt sich ein falsches Lächeln enttarnen. Erkennen kann man es – wie hinlänglich bekannt ist – nicht nur an den „passiven” Mimikfältchen der Augenpartie, sondern auch an den Augenbrauen. Bleiben diese in unveränderter Position, ohne sich zu senken, verstellt sich laut Ekman der Lächler. Wenn die Körpersprache sich widersprüchlich zum gesprochenen Worte verhält, lohnt sich ein genauer Blick ins Antlitz seines Gegenübers. Dabei setzt man vielleicht auch eine bestimmte Miene auf: das Spurensicherungsgesicht.

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