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Visionen unter der Buche

Der „krause Baum“ auf dem Schöppinger Berg symbolisiert Geschichte und Träume

Auf dem Schöppinger Berg, mitten im Naturschutzgebiet Buchenwald, rund 3,5 Kilometer vom Ortskern entfernt, befindet sich eine über 300 Jahre alte Buche. Der Schöppinger nennt sie liebevoll „den krausen Baum“, weil die Verzweigung dieser Buche

Krauses Baum
Die 300 Jahre alte Buche, der “krause Baum”

teilweise recht wirr ist, wodurch offensichtlich auch der Beiname kraus entstanden ist. Über die kleineren Zweige rankt Efeu und anderer Wildwuchs, was den Baum von Weitem aussehen lässt, als wäre er mit vielen Vogelnestern überdeckt und sein unverwechselbares Aussehen unterstreicht. Mit einem Stammdurchmesser von rund 68 Zentimetern und einer Höhe von fast 40 Metern ist der Baum der mit Abstand größte im Wald. Im Frühjahr und Sommer ist er samt nahe gelegener Grillhütte ein beliebtes Ausflugsziel für Spaziergänger und Wanderer.

Buchen, wie der „krause Baum“ gaben dem „Buch“ seinen eigentlichen Namen, da es zu Zeiten entstand, als die Schriftstücke aus zusammengesetzten Buchenbrettchen bestanden. Auch die Buchstaben haben eine Beziehung zur Buche, waren doch die Runen unserer Vorfahren aus Buchenholz. Die Sage nennt Buchen auch Hexenbäume oder Zauberbäume, weil Hexen unter Buchen tanzen und mit vorübergehenden Wanderern gerne Schabernack treiben. Auch heute ist die Buche noch eng mit Buchstaben verbunden. Wer durch den Buchenwald am Schöppinger Berg wandert, kann sie mannigfaltig entdecken: Ein „L“ oder „V“ oder ein „M“.

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Diese Hinterlassenschaften wurden durch Liebespaare – oder solche die es werden wollten – gefertigt. Buchen sind nämlich ideale Bäume, um in dessen Rinde Zeichen für die Nachwelt zu hinterlassen. Schon die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff schrieb in ihrem Roman „Die Judenbuche“: Sie kaufen eine Buche und ritzen folgendes hinein: “Wenn du dich diesem Ort nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.”

Die unangenehmste Version des Baumrinderitzens ist die aus Liebeskummer: In tiefer Trauer wird ein Herz mit Initialen eingeritzt. Das in der Hoffnung, von der Angebeteten doch noch die Liebe erwidert zu bekommen. Die meisten Einritzungen sind Herzen mit Buchstaben, gefertigt mit einem Bleistift und einem scharfen Taschenmesser. Ritzexperten behaupten, das Anfertigen eines Herzens in die Rinde der Buche brauche eine gute Stunde, wenn es perfekt aussehen soll. Dabei sollten Herz und Buchstaben von der Person angefertigt werden, die das meiste künstlerische Geschick besitzt. Aha, aber muss es gerade ein Baum sein? Was Liebende erfreut und Naturschützer ärgert, denn derartige Verletzungen der Baumrinde schaden dem Baum erheblich.

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Wenn es denn unbedingt so ein Herz sein muss, sollte es besser in ein Brett geritzt werden, vielleicht irgendwo an einer Scheune. Dabei wird mit dem Anfangsbuchstaben des Angebeteten angefangen (gehört sich so). Ein „I“ geht dabei schneller, als ein „W“. Danach folgt ein „+“ und dann wird  der eigene Buchstabe hintendran gesetzt. Sind die Buchstaben fertig und wurden diese auch stolz der Begleitperson präsentiert, kommt das Herz an die Reihe, der schwierigere Teil, da es gleichmäßig rund sein muss. Wer möchte, ist dazu eingeladen, unter oder neben sein Herz noch das Datum oder zumindest das Jahr zu ritzen. So begründet sich die Vision, auch in 20 Jahren noch zu sehen, wann das war, falls das Liebespaar dann nicht wegen gegenseitiger Abneigung aus dem Brett schon Brennholz gemacht hat.

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Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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