Vom Älterwerden

Vor kurzem sagte eine etwa 60-jährige Nachbarin: «Es ist schon schwer, alt zu werden». Eine andere mein­te ein paar Tage später: «Eigentlich geht es mir immer besser – je älter ich werde.» – Offenbar kann man das Altern recht unter­schiedlich erleben. Auch wenn ganze Industriezweige «Anti-Aging» versprechen, ist es gar nicht zu verhindern, dass wir täglich älter werden und uns dabei verändern. Zwar wird gesagt, dass auch schon ein Säugling altert und Abbauprozessen unterliegt, aber eigentlich merken wir erst in der Lebensmitte, dass Alterungsprozesse stärker werden als Wachstums- und Erneuerungskräfte.

Früher waren wir auf jedes hinzugekommene Jahr stolz. Älter werden bedeutete, jetzt mehr zu können – und vor allem auch zu dürfen als «die Kleinen». Irgendwann registrierte man es dann eher bedenklich, dass wir schon wieder ein Jahr älter geworden sind. Im Sport über­trumpfen uns jetzt die Jüngeren, die Haare werden weniger und grau­er, viele uns liebe Menschen sind schon gestorben und wir merken, dass die Jahre, die wir noch auf der Erde sein werden, vielleicht schon weniger sind, als diejenigen, die wir bisher hier verbracht haben — und das sie beschwerlicher werden könnten.

Eigentlich war Wachsen und Älter werden aber schon immer auch mit Verlusten verbunden. Irgendwann gelang es nicht mehr, den großen Zeh lustvoll in den Mund zu stecken, niemand wirbelt uns mehr durch die Luft, und wären wir noch in der Lage, eine Nacht durchzumachen und sähen wir noch einen Sinn darin? Dafür konnten wir eines Tages selbst laufen und hüpfen, lernten selbst zu lesen, ein Essen zu kochen und waren in so vielem nicht mehr darauf angewiesen, zu warten, bis ein anderer für uns sorgte. Es erfüllte uns mit Stolz, «selber groß» zu sein. War es einstmals von größter Bedeutung, wenn wir wieder ein paar Zentimeter gewachsen waren, so wurde es später wichtiger, wenn wir es gelernt hatten, einen Computer zu bedienen, eine Frau anzusprechen, ohne dabei rot zu werden, oder mit einem in uns aufsteigenden Zorn umgehen zu können, ohne herum zu brüllen oder alles kurz und klein schlagen zu wollen, wie es uns vielleicht in der Pubertät gegangen ist. Die Bedeutung des Leiblichen trat zurück und Seelisches und Geistiges wurde bedeutsamer.

Dann kommt der Zeitpunkt, ab dem unser Leib nicht nur ausge­wachsen ist, sondern Verfallserscheinungen auftreten. Manchmal kann das die gewonnene seelische Freiheit erheblich beeinträchti­gen. Trotzdem: Vollkommen aufhalten lassen sich Alters­veränderungen nicht.

Aber in der Seele können wir jung, lebendig und beweglich bleiben – denn der tiefste Kern unseres Wesens ist und bleibt alterslos.