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Vor 500 Jahren gab es den ersten “Selfie Blogger” – Matthäus Schwarz

Im Jahr 1520 begann ein junger Kaufmann aus Augsburg damit, ein ungewöhnliches Tagebuch anzulegen. Er beschloss fortan die kostbaren, zuweilen extravaganten Kleidungsstücke zu dokumentieren, die er für sich fertigen ließ. Der Name dieses jungen Mannes war Matthäus Schwarz und er sollte das Projekt des „klaidungsbuechlins“ für die nächsten 40 Jahre seines Lebens weiterverfolgen. In dieser Zeit entstanden 125 Miniaturen, die Schwarz insgesamt 137 Mal zeigen.

Als das im Herzog Anton Ulrich-Museum aufbewahrte „klaidungsbuechlin“ 2015 in einer englischsprachigen Publikation erschien, war das Presse-Echo enorm und Matthäus Schwarz wurde vielfach als der erste Selfie-Blogger der Geschichte bezeichnet.

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Kleiderluxus statt Mode für alle

Tatsächlich funktionierten Öffentlichkeit und Medien vor 500 Jahren etwas anders als heute. Nicht umsonst heißt die Redensart: Kleider machen Leute. Im 16. Jahrhundert war jedes Kleidungsstück eine Maßanfertigung und hochwertige oder farbige Stoffe waren enorm teuer. Damit war modische Kleidung schon aufgrund ihres Preises ein Luxus für die Wohlhabenden und Superreichen und hatte eine entsprechende Signalwirkung.

In einer Epoche, in der die Gesellschaft streng nach Ständen geordnet war, sollte man auch am Äußeren erkennen, wer Bauer, Handwerker, Kaufmann oder Adeliger war. Personen wie Matthäus Schwarz oder die schwerreichen Augsburger Handelsherren, drohten dieses System aber zu sprengen. Sie waren ebenso wohlhabend oder reicher als viele Adelige, konnten sich also theoretisch auch noch exklusivere Kleidung leisten. Die sichtbare Ständeordnung war damit in Gefahr und man versuchte sie durch Gesetze zu schützen.

Diese Kleiderordnungen, die genau bestimmten, wer welche Stoffe oder Pelze tragen durfte, bestimmten auch die Kreationen von Matthäus Schwarz. Ein Gewand aus Seide war ihm verboten? Dann verwendete er eben abwechselnde Streifen von Seide und Baumwolle. Ebenso konnten kreative Schnitte die Einschränkungen beim Material zumindest teilweise ausgleichen.

Der große Auftritt im kleinen Format

In den aufstrebenden bürgerlichen Kreisen Augsburgs war Matthäus Schwarz nicht der einzige, der versuchte, seinen gesellschaftlichen Stand in dieser Weise optisch aufzuwerten und die Kleiderordnungen soweit wie möglich auszureizen. Die Adressaten dieser modischen Botschaften waren die Mitglieder der eigenen Schicht, ebenso wie höhergestellte Kreise, die man wiederum nicht durch ein allzu forsches Auftreten vor den Kopf stoßen durfte.

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Die Bilder des „klaidungsbuechlins“ waren wie die darin dargestellten Gewänder reine Handarbeit und das kleine Büchlein (so etwa Smartphone-Format) existierte nur ein einziges Mal. Während Matthäus Schwarz mit seiner Kleidung also für ein großes Publikum sichtbar war, bekam das „klaidungsbuechlin“ wohl nur ein kleiner Kreis von Auserwählten zu sehen.


Zu den Bildern:

Nach Schulbesuch und Lehrzeit bei seinem Vater begann sich der 1497 geborene Matthäus für anderes zu interessieren und bezeichnet sich selbst als „gassenbuler“. In einer Gruppe gut situierter junger Männer machte er die Straßen Augsburgs unsicher und hatte wohl auch erste Liebschaften. Im Februar 1520 schreibt er: „da stach mich der narr mit eyner niderlendischen jungkfrau“ und 1529 endete ein weiteres Verhältnis zu einer anonymen jungen Frau. Im „klaidungsbuechlin“ kommentiert Matthäus dies unter dem Fenster der einst angebeteten mit den Worten „ist nix mer“.

Matthäus scheint sich als Junggeselle ziemlich wohl gefühlt zu haben, denn mit 40 Jahren – damals schon ein stattliches Alter – war er noch immer unverheiratet. Dies änderte sich schließlich mit der Hochzeit im Jahr 1538. Ob Matthäus sich in seine Braut Barbara Mangold verliebt hatte, oder ob es eine Ehe aus gesellschaftlichen Gründen war wissen wir nicht. In jedem Fall nahm der inzwischen 41-jährige erfolgreiche Geschäftsmann seine Ehe ernst. Im entsprechenden Bild des „klaidungsbuechlin“ wendet er sich nicht nur vom Betrachter, sondern auch von seinem „Bubenleben“, seinen wilden Jahren, ab und verbrannte das Tagebuch dieser Jahre.

Kleider machen Leute

Wie das „klaidungsbuechlin“ eindrucksvoll belegt, hatte auch Matthäus einen ausgeprägten Sinn für Repräsentation und Außenwirkung. Schon in jungen Jahren ließ er für sich aufwändige Kostüme schneidern, die seine Weltläufigkeit und seinen Geschmack unter Beweis stellten. Mit der Verwendung kostbarer Materialien präsentierte Matthäus sich aber auch deutlich sichtbar als erfolgreicher, wohlhabender Geschäftsmann und setzte dieses Bild wohl auch bewusst zur Eigenwerbung ein.

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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Berühmt werden will ich mit diesem Blog nicht. Ich mache nur etwas, was viele andere noch besser und wunderbarer tun als ich: Ich teile mich mit, über das, was mir auffällt, einfällt und überfällt.

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