Ganz normal

#WMDEDGT – Dezember 2019


In unserem Büro ist das jedes Jahr ein absolutes Muss: Wichteln. Die Frage ist nur, wer mit wem? Ich habe die Karte von Ulla gezogen, eine Kollegin um die 50 Jahre alt, die ich nun mit einem Wichtelgeschenk erfreuen soll. Nun behaupte ich, dass ich die Kolleginnen und Kollegen in unserer Redaktion sehr genau kenne, schließlich arbeiten wir jeden Tag zusammen. Bei Ulla ist das aber etwas anderes. Ulla ist nämlich die “Raumpflegerin” unserer Büros. Nun gut, ich sehe sie sehr oft, gerade wenn wir vor Redaktionsschluss bis spät in die Nacht arbeiten. Aber außer einem “Guten Tag” oder eine “Ruhige Nacht” habe ich mich mit ihr wenig ausgetauscht. Schade eigentlich. Sonst wüsste ich jetzt schnell was ich ihr schenken könnte. Dazu kommt noch: Morgen ist Nikolaus und da werden alle Wichtelgeschenke verteilt. Was mache ich nur?

Werde mich um mein Wichtelgeschenk später noch kümmern. Wie jeden Tag beginnt jetzt die Redaktionskonferenz. Obwohl in den Straßen die Vorweihnachtszeit im vollen Gange ist, sind wir in der Redaktion schon im nächsten Jahr. In einem Vorschlag geht es um die Nachwirkungen der Autobahn-Maut. Wieviel Euro hat uns eigentlich die Maut genau gekostet und wie ist das gesetzlich geregelt? Der Kollege möchte das einmal verständlich auflisten. Mich bringt das zu der Aussage, dass die Straßenverkehrsordnung schon toll sei. So zum Beispiel § 1 Straßenverkehrsordnung: “Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.” Warum ersetzen wir das Grundgesetz nicht einfach dadurch? Eine Kollegin möchte gern eine Recherche über die “Traumfrau 2020” machen. Sie meint dazu: “Und ewig lockt das Weib… Das wissen wir seit dem Paradies – aber mit einem Apfel läßt sich heute kein Adam mehr ködern. Die Traumfrau 2020 sieht so aus: Ein Kumpeltyp mit schönen Augen und viel Spass am Sex”, so ihre Meinung. Das wollte ich doch ein wenig genauer wissen. Also, neueste Umfragen haben ergeben (u.a. Gewis, Emnid): dass ganz oben auf der Wunschliste Natürlichkeit steht, gepaart mit einem Hauch von Romantik. Davon fühlen sich 80 % der Herren angezogen. Tolle Figur? Die ist nur für 54 % der Männer wichtig. 67 % haben keine Probleme mit einer Partnerin, die älter ist als er selbst. Den Lippenstift können die Ladys beim Date allerdings in der Tasche lassen. Immerhin 37 % aller Männer küssen am liebsten ungeschminkte Lippen – natürlich ohne Silikon (95 %). Wollt ihr wissen, ob dieser Vorschlag von der Redaktion angenommen wurde? Aber sowas von – ohne Gegenstimmen. In einem weiteren Vorschlag geht es um die sich verbreitende Unsitte der Redewendungen. Beispielswiese: “Auf jeden Fall”. “Meist sind das die gleichen Leute”, meint der Praktikant, der den Vorschlag macht, “die hinter jede ihrer Nachrichten mehrere Ausrufezeichen setzen oder ihre SMS, WhatsApp oder Twitter mit Sternchen und Fragezeichenkumulation garnieren.” Na ja, der Vorschlag wurde zunächst angenommen und wir schauen, was er zum Thema “Redewendungen” herausfindet.

Setze meine Suche nach einem Wichtelgeschenk fort: Eine Kollegin verrät mir, dass Ulla sich gerne für Zeichentrickfilme begeistert. Neulich habe sie erzählt, sie schaue sich “Den kleinen Maulwurf” an. Kennt ihr diesen kleinen Kerl noch? Schaut mal hier:

Ganz Normal Weihnachten

Das war ein guter Einstieg. Ich habe während der Mittagspause weitere Erkundungen über Ulla bei den Kolleginnen und Kollegen eingezogen. Was bei einigen hinter vorgehaltener Hand zur Frage führte: “Was hat der für ein Interesse und was will der von unserer Raumpflegerin?” Hat mich aber nicht davon abgehalten weiter zu recherchieren. Vom Pförtner bekam ich einige wichtige Tipps über Ulla, was das Bewichteln wesentlich einfacher macht. Sie ist ein Rätselfreund. Spielerätsel in erster Linie. Das ist nicht so ganz mein Metier, aber dem offensichtlich in den Pförtner 70ern liegenden Musikgeschmack nach wäre das vielleicht ein Spiel, das auch euch eventuell bekannt sein könnte? Es besteht aus Karten, so wie früher die Autokartenspiele und es gilt Ereignisse aus dem jahrzehnt zu erraten.

Alle Fragen orientieren sich an den 1970er Jahren und greifen auf Politik, Mode, Sport, Weltgeschehen, Musik sowie Filmzitate auf. Es nennt sich Grapevine. Und? Habt ihr es erkannt? War doch leicht, oder? Ich komme an dieser Stelle nicht umhin damit zu prahlen, dass ich dieses Spiel einst meisterlich beherrschte. Damals, als Männer noch Feuer machten.

In den vergangenen Monaten habe ich hier viel über unseren Praktikanten geschrieben. Dadurch erhielt ich einge Reaktionen von euch, wie wir denn hier mit unseren Praktikanten umgehen. Nein, der hat es hier gut und ja er bekommt auch ein kleines Entgeld für seine Arbeit hier. Heute – zum Beispiel – darf er alle Kekse mitnehmen, die bei der Redaktionskonferenz heute morgen übrig geblieben sind.

Ich würde Ulla auch gerne eine musikalische Freude machen, wobei ich Naidoo und Boss Hoss per se mal ausschließe. Aber wenn ich mir so die Titel ansehe, wäre das vielleicht was? Ich habe extra etwas ausgesucht, dass nicht so ganz mainstreamig ist (Ulla scheint mir nicht der mainstreammige Typ zu sein, schon weil sie die Papierkörbe mehr hinter sich her schleift, als sie zur Musik aus ihren Ohrstöpseln zu wiegen), aber irgendwie doch zu passen scheint. Wobei ich mich natürlich komplett täuschen kann. Aber da muss Ulla durch, Sie wollte ja bewichtelt werden.

Ich habe nicht herausgefunden, ob das großartige Soloinstrument Ullas Geschmack entspricht, aber immerhin habe ich von Nena Abstand genommen, weil – wie ich von unserem Praktikanten erfuhr – sie die nicht ausstehen kann. Je länger ich über Ulla recherchiere, um so mehr fällt mir ein, was ich ihr schenken könnte. Sie bekommt ein Bild von James Dean. Woher ich das weiß? Das hängt in unserer Teeküche und sie putzt es jeden Tag mit so viel Liebe ab, da muss doch etwas dran sein. Ich gehe gleich los in ein Poster-Geschäft. Drück mir die Daumen, dass ich ein schönes Bild von James Dean finde. Ich muss jetzt Schluss machen. Ulla kommt gerade rein, will meinen Schreibtisch abwischen …….


Ganz Normal Titelbilder

Ich stelle diesen Beitrag nun in meinen Blog und verlinke ihn zu Frau Brüllen. Wenn ihr also noch mehr Tagebucheinträge von heute lesen mögt, dann schaut mal bei Frau Brüllen vorbei. Ich freue mich auf Eure Erlebnisse von heute und auf ein Weiterlesen im Januar. Und wenn du magst, dann höre doch jeden Tag mal in meinen Weihnachtskalender rein. Du findest die bisherigen Seiten oben rechts in der Kategorienleiste dieses Blogs unter “Weihnachtskalender” oder hier! Viel Spass

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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