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#WMDEDGT Juni 2019

Vor mehr als sechs Jahren hat Frau Brüllen in in ihrem Blog den Anfang mit einer Tagbuchblog-Woche gemacht und seitdem kann jeder der möchte einmal aufschreiben, was genau er am 5. des Monats gemacht hat. Abends wird das im Blog von Frau Brüllen verlinkt und so lässt sich dann auch bei anderen lesen, was die denn am 5. des Monats gemacht haben. Das Ganze läuft unter der gemeinsamen Überschrift: #WMDEDGT? und heisst:„Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

Hier ist nun mein heutiger Tagesablauf:

6:00 Uhr

Der Mittwoch beginnt bei mir stets sehr früh. Zunächst mit einem Tee. Dabei schaue ich schon einmal auf den Terminkalender, was heute so ansteht. Ach ja, ich will noch das Geschenk für die Sekretärin einpacken. Obwohl – die Berufsbezeichnung „Sekretärin“ gibt es kaum noch – und eigentlich ist die Kollegin die gute Seele in der Redaktion: Sie macht die Termine, schreibt kleine Erinnerungen und Texte und wie sehr wir sie brauchen fällt immer erst auf, wenn sie mal fehlt. Aber morgen hat sie Geburtstag, einen runden Geburtstag sogar! Und ich habe mich bereit erklärt, das Geschenk einzupacken.

7:00 Uhr

Vorher geht es zur „Laudes“ in unserer Gemeinde. Wir sind schon eine sehr verschworene Gruppe, die sich da jeden Mittwochmorgen trifft, um gemeinsam ein liturgisches Morgengebet zu zelebrieren. Diese 30 Minuten entspannen mich und helfen mir, den anstrengenden Tag gut zu überstehen.

8:00 Uhr

Eigentlich sind Journalisten wie Studenten, die meisten fangen erst gegen 10:00 Uhr an und hören erst spät abends auf. Im Augenblick ist das bei uns nicht so. Das liegt außer am warmen Wetter auch an der Baustelle gegenüber. Die hat schon nach kurzer Zeit alte Erinnerungen hervorgerufen. „Hoch oben auf dem Bagger thront er, der Baggerfahrer. Er kennt nur sich, die riesige Schaufel am Bagger und das Erdloch vor sich“. An den Fenstern der Kaffeeküche stehen bereits jetzt schon etliche Kollegen und diskutieren das Geschehen gegenüber.

9:00 Uhr

Der Praktikant hat sich in meinem Büro zur „Geschenk-Einpack-Aktion“ angemeldet, Kleber und Band besorgt und Kolleginnen um Hilfe beim Einpacken des Geschenkes gebeten. Innerhalb kürzester Zeit sieht mein Schreibtisch aus wie die Dekoabteilung eines Kaufhauses. Warum bleibt das Papier nicht glatt und weshalb ‚krüsselt‘ das Band nicht, wie die Kolleginnen es ihm geraten haben?

10:00 Uhr

Habe den Praktikanten hinaus komplementiert und das halb eingepackte Geschenk in den Schrank geschlossen. Überlege, ob es umgekehrt besser gewesen wäre. Jetzt ist erst einmal Redaktionskonferenz. Eine Boulevardzeitung hat seit Tagen das Thema „Rente“ als Hauptnachricht. Ausrichtung: Es gibt weniger! Frage aus der Redaktion: Wissen die Bürger überhaupt, wie viel Rente sie in Zukunft bekommen werden? Wir wollen in einer der nächsten Ausgaben dieser Frage nachgehen. Ein schönes Thema ist außerdem: Welche Spiele werden aktuell am Strand gespielt? Dann gibt es noch ein Jubiläum zu feiern: 25 Jahre „Spam“. Das sind diese unliebsamen Nachrichten in den E-Mail-Postfächern.

12:00 Uhr

Beim Mittagessen geht es nicht um Spam und Strand, sondern um die Baustelle. Dabei gleicht das Gesprächsniveau mit den Kollegen aus den unterschiedlichsten Abteilungen mehr und mehr dem von Fachexperten. Ich erfahre etwas über Funktionsweisen einzelner Baumaschinen und über den Baufortschritt. Das Kind im Manne war geweckt. Und als irgendwo auf der Baustelle der Bauarbeiter aus der Cola-Light-Werbung auftauchte, schlugen auch die Frauenherzen höher.

14:00 Uhr

Der Praktikant und ich bekommen von einer Kollegin einen kleinen Vortrag darüber, dass schön eingepackte Geschenke glücklich machen. Ihr Blick verrät, dass das Geschenk, das wir beide da gemeinsam eingepackt haben, wohl eher das Gegenteil bewirke. Es verschwindet und ich sehe es nach zehn Minuten wundervoll eingepackt wieder.

15:00 Uhr

Ich behaupte von mir, dass ich mich nur noch selten ärgere und noch viel seltener ärgere ich mich über sinnlose Diskussionsrunden. Ich habe einen oft aufregenden und schönen Job, einen Praktikanten, der mich in den Wahnsinn treibt und noch dazu sehr, sehr niedrigen Blutdruck. Außerdem habe ich nie Zeit. Äußerlich gleiche ich einem Shetlandpony, das stets eilig irgendwohin rast, aber in mir schlägt das Herz eines Faultiers. Ich interessiere mich – außer bei beruflichen Themen – fast nie für Aufreger. In den langen Jahren als Redakteur habe ich gelernt, dass diejenigen, die am lautesten quieken, am wenigsten zu sagen haben. Das ist bei der Diskussion, die da gerade in meinem geschenkpapiergeschmückten Büro stattfindet, genauso. Laut und inhaltlich leer. Es geht um die Zukunft der „Alt-Parteien“ und die vorgegebenen aktuellen Infos erinnern mich daran, sie schon mindestens einmal gehört zu haben.

17:00 Uhr

Stromausfall in der Redaktion – nur für kurze Zeit – was uns jedoch gleich zum nächsten Thema bringt „Was ist, wenn’ s dunkel wird?“ Haken! Ist für die nächste Themenkonferenz vorgemerkt. Für mich ist Feierabend. Ich lege das schön eingepackte Geschenk für die Kollegin schon einmal auf deren Schreibtisch, damit sie sich morgen gleich freut. Der Praktikant will bis morgen früh mein Büro von dem Einpack-Deko-Chaos befreien, damit ich mich morgen gleich freue.

Ich verlinke den Beitrag nun noch bei Frau Brüllen und freue mich über die vielen anderen WMDEDGT des Monats Juni 2019.

 

Über den Autor:


Hinter "Stresemann" steckt natürlich ein Pseudonym. Der Verfasser hat lange Jahre als Hörfunkjournalist gearbeitet und ein überwiegende Teil der Geschichten hier stammt aus seiner Arbeit. Mehr über den Autor erfährst Du unter dem Link "Wer ist denn dieser Stresemann" weiter unten.

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